Kim So Yeon (29, Name geändert) floh mit 18 aus Nordkorea.
  • Kim So Yeon (29, Name geändert) floh mit 18 aus Nordkorea.
  • Foto: picture alliance/dpa | Dirk Godder

„Ich wollte einfach nur weg“: Wie Kim die Flucht aus Nordkorea gelang

Mehr als 30.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben heute in Südkorea. Für viele von ihnen war die Flucht mit einem großen Risiko verbunden. Wie für die 29-jährige Kim So Yeon, die ihre Familie zurücklassen musste. Ihr neues Leben in Südkorea ist alles andere als einfach.

Schon als sie acht Jahre alt war, dachte sie an Flucht. „Ich dachte damals nicht an Südkorea, ich wollte einfach nur weg.“ Wenn die 29-jährige Kim So Yeon vom Verlassen ihrer Heimat Nordkorea erzählt, bleibt sie gelassen und bestimmt. Das ist nicht selbstverständlich, denn ihre Fluchterlebnisse verfolgen sie bis heute in ihren Träumen.

Die meisten Nordkoreaner flüchten über die Grenze nach China

Kim So Yeon, heute wohnhaft in Seoul, ist nicht ihr richtiger Name. Auch will sich die junge Frau, die sich in Südkorea zur „Beauty Designerin“ ausbilden lässt, nur mit Maske fotografieren lassen – aus Angst vor möglichen Repressalien gegen ihre Familie in Nordkorea, sollte ihre Identität den dortigen Behörden bekannt werden. Kim ist eine von vielen nordkoreanischen Flüchtlingen, die sich in Südkorea niedergelassen haben. Das Vereinigungsministerium in Seoul zählt seit 1988 offiziell rund 33.800 von ihnen.

Mitte der 90er Jahre erlebte Nordkorea eine schwere Hungersnot. Es war für die Menschen ein einschneidendes Erlebnis: Schätzungen zufolge verhungerten damals Hunderttausende. Seitdem verließen immer mehr Nordkoreaner auf der Suche nach einem besseren Leben ihr totalitär regiertes Land. Die meisten flüchteten über die Grenze nach China, wo viele im Untergrund leben – aus Angst, von der chinesischen Polizei gefasst und zurückgebracht zu werden. Wie viele es bis heute sind, ist unbekannt.

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„Die Motive für die Flucht sind unterschiedlich, das hängt von den individuellen Umständen und dem Zeitpunkt ab“, sagt der Leiter der staatlichen Stiftung Korea Hana Foundation in Seoul, Jung In Sung. Zwischen 2011 und 2016 seien die Gründe laut einer Umfrage seiner Organisation unter Geflüchteten vor allem Nahrungsmittelknappheit und wirtschaftliche Schwierigkeiten gewesen. Für die Zeit zwischen 2017 und 2020 sei die erste Antwort gewesen: „Weil ich die Observierung und die Kontrolle durch das nordkoreanische System nicht ertragen habe.“

Der größte Teil der Geflüchteten stammt – wie Kim So Yeon – aus der Grenzregion zu China. Kim wuchs in Hyesan in der Provinz Ryanggang auf. Vor neun Jahren kam sie allein über China und Südostasien nach Südkorea. Ihre Fluchtroute ist typisch für viele Flüchtlinge, von denen die meisten auf die Hilfe südkoreanischer Organisationen angewiesen sind.

„Ich dachte nur, mein Leben ist zu hart, ich habe versucht, mich umzubringen“

Ihr Vater und jüngerer Bruder leben noch in Nordkorea, erzählt Kim. Ihre Mutter kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als sie noch sehr jung war. „Ich musste mich deshalb um meinen Bruder kümmern.“ Eine weiterführende Schule habe sie nie besucht, schon als Teenager habe sie im ganzen Land mit Lebensmitteln wie etwa Bohnen gehandelt, um über die Runden zu kommen. „Ich reiste oft auf Lastwagen oder mit dem Zug.“ Um aber über die Provinzgrenzen zu gelangen, habe sie wie andere Händler die Sicherheitskräfte mit Zigaretten oder Ähnlichem bestechen müssen. „Ich dachte damals nur, mein Leben ist zu hart, ich habe versucht, mich umzubringen“, erzählt Kim.

Der Grenzfluss Yalu trennt China und Nordkorea.
Der Grenzfluss Yalu trennt China und Nordkorea.

Schon als sie elf Jahre gewesen sei, habe sie versucht, über den Grenzfluss nach China zu gelangen – zuerst aus Neugier, wie sie sagt. Sie sei aber von Grenzposten geschnappt und geschlagen worden. Dabei habe sie noch Glück gehabt: „Weil ich aber noch so jung war, schickten sie mich nicht in ein Arbeitslager.“ Noch heute verfolgten sie im Schlaf die damaligen Erlebnisse. „Ich träume manchmal, was ich damals spürte. Ich renne schnell über einen Hügel, sodass sie mich nicht einfangen können.“

So gelang Kim So Yeon die Flucht aus Nordkorea

Von einer älteren Freundin sei sie schließlich zur gemeinsamen Flucht überredet worden. „Wenn Du nach Südkorea gehst, kannst Du dort ein gutes Leben haben“, habe sie ihr gesagt. Kim fragte eine Tante, ob sie sich um ihren Bruder kümmern könne, bevor sie den Grenzfluss Yalu (in Nordkorea Amnok genannt) nach China durchschwamm. Da war sie 18 Jahre alt. Sie habe zuerst Geld verdienen und später eventuell nach Nordkorea zurückkehren wollen. „Doch mein Plan ging nicht auf, ich wurde von Menschenhändlern verschleppt, die mich mit einem Chinesen verheiratet haben.“ Im ländlichen China gebe es einen Frauenmangel. „Frauen aus Nordkorea sind daher willkommen“, sagt Kim.

Sie habe von ihrem neuen Wohnort zu fliehen versucht, sei aber zunächst wieder einfangen und weggesperrt worden, sagt Kim. Später gelang ihr aber auch von dort die Flucht, über Umwege durch Südostasien landete sie in Südkorea. „Als ich ankam, war ich erleichtert, ich dachte, jetzt bin ich okay.“


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Doch einfach war Kims Leben auch dort nicht: Nordkoreanische Überläufer erlebten sowohl wirtschaftliche Unbeständigkeit und Einsamkeit, sagt Stiftungspräsident Jung In Sung. „Eine ordentliche Arbeit zu finden, ist für die Überläufer die schwierigste Aufgabe“. Jungs 2010 gegründete Stiftung versuche daher ein Umfeld zu schaffen, in dem sie auf eigenen Beinen stehen können.

„In Nordkorea war es körperlich hart, hier ist es vor allem emotional schwierig zu leben“, sagt Kim. Nach Südkorea sei sie mit großen Erwartungen gekommen. Doch:  „Ich vermisse oft meine Familie, auch ist es schwer, sich an die südkoreanische Kultur zu gewöhnen“, sagt Kim – und macht gleichzeitig deutlich: Ihre Flucht bedauert sie nicht. (dpa)

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