Frau bekommt eine Coronaimpfung in den Oberarm gespritzt.
  • Die Ausbreitung der Delta-Variante könnte das Ziel der Corona-Herdenimmunität gefährden.
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Müssen wir Angst vor Delta haben?

Ist erst die Herdenimmunität erreicht, endet die Corona-Pandemie – das ist die Hoffnung. Doch: Ganz so einfach ist es offenbar nicht. Denn auch in Deutschland wächst der Anteil der Delta-Variante und das könnte das Ziel der Herdenimmunität gefährden. Worum geht es eigentlich? Fragen und Antworten:

Warum ist die Delta-Variante so gefährlich?

Die Delta-Variante breitet sich derzeit in einigen Ländern immer weiter aus. In Großbritannien macht sie inzwischen 90 Prozent aller Covid-Infektionen aus. Im Vergleich zu anderen Varianten sei Delta ansteckender, sagte Linda Bauld vom Gesundheitsinstitut an der Universität Edinburgh der „Tagesschau“. Und zwar „weil weniger Viren reichen, um Menschen zu infizieren“. Daher seien auch wieder mehr Menschen in Großbritannien die Krankenhäuser eingeliefert worden. Auch die Rate von schweren Verläufen einer Infektion habe sich mit der Delta-Variante leicht erhöht, berichtet der Bayerische Rundfunk.

Delta-Variante: Lauterbach sieht Gefahr für Ungeimpfte

Wie wird sich die Delta-Variante in Deutschland auswirken?

In Deutschland werde aufgrund der hohen Impfquote hingegen mit weniger Patient:innen auf Intensivstationen gerechnet, sagte Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), der „Rheinischen Post“. „Wir werden, wenn es im Herbst zu einem Wiederanstieg der Infektionszahlen kommt, sehr genau auf die Neuaufnahmen auf den Intensivstationen schauen müssen. Wenn die vulnerablen Gruppen bis dahin sehr gut geimpft sind, könnte es auch bei höheren Inzidenzen viel weniger schwere Verläufe geben.“

Und: Experten warnen vor schweren Langfrist-Folgen einer Infektion, dem sogenannten „Long Covid“. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa sagte in der „Frankfurter Rundschau“, seine „große Sorge ist, dass unsere Kinder nicht geschützt sind“. Welche Folgen eine Infektion auf Körper im Wachstum haben kann, ist bislang kaum erforscht.

Ziel der Impfkampagne ist auch Herdenimmunität

Herdenimmunität – was ist das überhaupt?

In der Regel ist damit gemeint, dass ausreichend Menschen nach Impfung oder überstandener Infektion immun geworden sind und daher die Ausbreitung des Erregers stark abgebremst wird. Von einem solchen Schutz durch Gemeinschaft profitieren dann etwa Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können – oder nicht geimpft werden wollen.

Die Vorstellung vieler über die Herdenimmunität ist, dass das Coronavirus weniger zu den noch ungeimpften Menschen gelangt.

Dass das Coronavirus Sars-Cov-2 ausgerottet werden kann, gilt inzwischen als unwahrscheinlich. „Das war von Anfang an ein Missverständnis, wenn man das so aufgefasst hat, dass Herdenimmunität bedeutet: 70 Prozent werden immun – egal jetzt, ob durch Impfung oder Infektion –, und die restlichen 30 Prozent werden ab dann keinen Kontakt mehr mit dem Virus haben“, sagte der Charité-Virologe Christian Drosten Anfang Juni dem Schweizer Online-Magazin „Republik“.

Wie viel immune Menschen braucht es für Herdenimmunität?

Wie hoch die Rate sein muss, ist auch abhängig von der Krankheit. Bei den hochansteckenden Masern etwa gelten 95 Prozent als Schwellenwert. Bei Corona bezifferten Experten den Anteil im Frühjahr 2020 zunächst auf etwa zwei Drittel der Bevölkerung. Zugrunde lag die Annahme, dass ein Infizierter im Schnitt drei Menschen ansteckt, wenn keine Maßnahmen in Kraft sind und niemand immun ist.

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Mit der befürchteten Ausbreitung der offenbar noch ansteckenderen, in Indien entdeckten Delta-Variante dürfte sich das Bild ändern: Der Immunologe Carsten Watzl geht dann von einer Schwelle von wohl rund 85 Prozent aus. Schwer erreichbar, solange es für Kinder unter zwölf Jahren keinen zugelassenen Impfstoff und für Minderjährige keine allgemeine Impfempfehlung gebe. „Es kann sein, dass Herdenimmunität nur für einzelne Einrichtungen wie Pflegeheime erreicht werden kann, aber nicht für das Gros der Bevölkerung.“

Hohe Impfquote kann Lockdown verhindern

Mit dem großen Schrecken und dem Wechsel von neuer Welle und Lockdown-Maßnahmen dürfte es bei einer hohen Impfquote künftig laut Experten aber vorbei sein. Die Übergänge sind allerdings fließend: Wie aus einem WHO-Papier hervorgeht, wird bereits ab einer Impfquote von 50 Prozent damit gerechnet, dass bis zu 40 Prozent der Ansteckungen sowie 60 bis 70 Prozent der Krankenhaus- und Todesfälle reduziert werden können.

Wieso hilft Herdenimmunität bei Corona ohnehin nicht auf Dauer?

Die Schwellen-Berechnungen zur Herdenimmunität sind eher theoretischer Natur und dienen der groben Orientierung. Der Begriff kommt aus der Tiermedizin, dahinter stehen Überlegungen zum Schutz von Tierbeständen. Menschen leben jedoch nicht in abgeschlossenen Gruppen – ganz im Gegenteil, sie begegnen sich, sind international mobil. Und: Immune Menschen sind nicht gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt. Das heißt, das Virus kann in verbliebenen ungeschützten Bereichen durchaus weiter für Ausbrüche sorgen.

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Hinzu kommt: Immunität bei Sars-Cov-2 ist nichts Lebenslanges. Der Schutz lässt mit der Zeit nach, sowohl bei Genesenen als auch bei Geimpften. Über die Dauer lässt sich wegen der Neuheit des Virus und der Impfstoffe noch nichts Sicheres sagen.

Ohnehin schützt keine Impfung zu 100 Prozent. Wie das RKI betonte, bleibt auch bei Geimpften ein Restrisiko, dass sie sich infizieren und andere anstecken können. Hinzu kommen Patientengruppen, bei denen Impfungen weniger gut wirken, etwa bei Immungeschwächten. Und es gibt Bedenken vieler Experten, dass über den Sommer Impfmüdigkeit bei Menschen einsetzt, die eigentlich immunisiert werden könnten.

An Auffrischungsimpfungen wird gearbeitet

Könnte eine neue Mutante den Impffortschritt zunichtemachen?

Bisher sind keine Varianten bekannt, die die vorhandenen Impfstoffe nutzlos machen – beobachtet wird aber eine Abschwächung des Schutzes. An Auffrischungsimpfungen, die auch Varianten wie Delta besser abdecken, wird schon gearbeitet. Mut machte Drosten: „Also eine Mutante, die auf einmal wieder eine schwere Krankheit macht bei der Mehrheit der Geimpften, das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte er im „Republik“-Interview.

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Dennoch bleibt das Impfen wichtig: „Je höher die Impfquote ist, desto langsamer zirkuliert das Virus – und desto weniger Mutationen kann es bilden“, sagte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk, der Zeitung „Die Welt“.

Könnte die Pandemie ein Dauerzustand bleiben?

Danach sieht es bisher nicht aus. Auch wenn Virologe Drosten in der Öffentlichkeit oft als Mahner wahrgenommen wird, betont er schon lange, dass sich das Virus auf lange Sicht wohl wie die altbekannten Erkältungs-Coronaviren verhalten werde. In den kommenden zwei bis vier Jahren seien aber noch Übergangszustände zu erwarten – das Virus werde Impflücken nutzen, machte er kürzlich deutlich. (mit Material von dpa)

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