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Im Hintergrund fallen die Bomben: Alltag für die Menschen in Siwersk
  • Im Hintergrund fallen die Bomben: Alltag für die Menschen in Siwersk
  • Foto: AFP / ANATOLII STEPANOV

„Haben Sie zufällig Toilettenpapier?“ Wie man in der Schusslinie überlebt

Wie (über)lebt man, wenn rundherum die Bomben fallen? Wenn das eigene Zuhause zerstört ist? Wenn es weder Strom noch Gas gibt? Die Menschen im Osten der Ukraine kämpfen sich von Tag zu Tag. Was sie Reportern berichten, kann sich unsereins kaum vorstellen.

Ljudmila sitzt auf einem kleinen Absatz am Kellerabgang eines fünfstöckigen Wohnhauses von Siwersk und entkernt mit einer Kugelschreibermine Kirschen. Seit drei Monaten ist der Keller ihr Zuhause, inzwischen kann sie dieses Leben kaum noch ertragen.

Im März wurde Siwersk von russischen Truppen schwer beschossen, dann wurden sie von den ukrainischen Streitkräften zurückgedrängt. Seit dem russischen Vormarsch auf Lyssytschansk steht ihr Heimatort nun wieder in der Schusslinie. 

„Tag und Nacht wird bombardiert“, schreit eine Frau

„Vor drei Monaten kamen die Bombardements von hier, jetzt kommen sie mehr aus dieser Richtung“, sagt die 66-Jährige und zeigt auf eine kleine Straße entlang des Gebäudes. Sie führt ins 20 Kilometer entfernte Lyssytschansk, die letzte größere Stadt in der ostukrainischen Region Luhansk, die noch nicht unter russischer Kontrolle steht. Ständig ist von dort der dumpfe Knall von Granaten zu hören, über der Stadt am Horizont hängt weißer Rauch.

Frauen in Siwersk auf dem Weg zum nahegelegenen Brunnen. AFP / GENYA SAVILOV
Frauen in Siwersk auf dem Weg zum nahegelegenen Brunnen.
Frauen in Siwersk auf dem Weg zum nahegelegenen Brunnen.

„Tag und Nacht wird bombardiert“, schreit eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Mit einem Handkarren, auf dem zwei leere Wasserkanister stehen, zieht sie weiter zum nahegelegenen Brunnen.

„Seit drei Monaten haben wir weder Strom noch Gas“, klagt Ljudmila. Wie zur Demonstration bereiten zwei Frauen in einer Pfanne, die auf zwei Ziegelsteinen steht und von einem Holzfeuer erhitzt wird, Kartoffelpuffer zu. Eine von ihnen zeigt dem Reporter der Nachrichtenagentur AFP mit Hilfe einer Taschenlampe ihr „Zimmer“: ein Kellerraum mit zwei Matratzen in der Ecke. Nachts werden sie auf dem Boden ausgelegt.

Ljudmila sitzt vor ihrem Keller und entkernt Kirschen. AFP / GENYA SAVILOV
Ljudmila sitzt vor ihrem Keller und entkernt Kirschen.
Ljudmila sitzt vor ihrem Keller und entkernt Kirschen.

Im ebenfalls düsteren Nebenraum stützt sich eine 90-Jährige auf ihr Gehgestell. Sie braucht dringend Medikamente, doch ihre Familie kann sie nirgends auftreiben. Die letzte Apotheke am Ort ist seit Wochen geschlossen, ebenso alle anderen Geschäfte.

Die 90-Jährige braucht dringend Medikamente – doch es gibt keine. AFP / GENYA SAVILOV
Die 90-Jährige braucht dringend Medikamente – doch es gibt keine.
Die 90-Jährige braucht dringend Medikamente – doch es gibt keine.

„Haben Sie zufällig Toilettenpapier?“, fragt ein Mann im Vorbeigehen den AFP-Reporter. Es gebe vor Ort nichts mehr zu kaufen, und zum nächsten Geschäft sei es zu Fuß einfach zu weit, fügt er fast entschuldigend hinzu.

Ukraine-Krieg: Die Menschen an der Front leben von Tag zu Tag

Ljudmilas Wohnhaus hat seit einem russischen Raketenangriff im März, bei dem die angrenzende Feuerwehrwache komplett zerstört wurde, keine Fensterscheiben mehr. Und trotzdem lebt ihr Nachbar Wjatscheslaw Kompaniez weiter in seiner Wohnung im ersten Stock.

Ende Mai musste aber auch er nach einem Schlaganfall in den Keller: Nur dort konnte er behandelt werden, während Lyssytschansk unter russischen Dauerbeschuss geriet.

Die Menschen haben im Freien eine Waschstation improvisiert. AFP / GENYA SAVILOV
Die Menschen haben im Freien eine Waschstation improvisiert.
Die Menschen haben im Freien eine Waschstation improvisiert.

Nun ist der 61-Jährige wieder zurück in seiner zugigen Wohnung. Den Sommer über will er dort der Gefahr trotzen, aber wenn der Herbst kommt, geht das nur mit abgedichteten Fenstern. Wie er das bewerkstelligen soll, weiß Kompaniez nicht.

Schon jetzt leben er und seine Nachbarn von Tag zu Tag, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringt. Und sie hoffen, dass bis zum Herbst der russische Angriffskrieg zu Ende sein wird. (mik/afp)

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