Demo in Sao Paolo
  • Brasilianer demonstrieren vor dem Rathaus in Sao Paolo gegen eine Verwaltungsreform, die auch Prevent Senior unterstützt.
  • Foto: imago images/Leco Viana

Corona-Skandal: Patienten bekamen dubiose Medizin – und starben

Es ist ein Skandal: Hunderte Corona-Patienten mussten in Brasilien wohl als Versuchskaninchen für medizinische Experimente herhalten. Ärzte sollen ihnen zweifelhafte Medikamente verabreicht haben – in der Hoffnung, sie würden auf ein geeignetes Mittel gegen Covid-19 stoßen. Viele der behandelten Patienten verstarben.

Die Vorwürfe gegen die Firma Prevent Senior, die zehn Krankenhäuser in Brasilien betreibt, wiegen schwer:  Die Ärzte  sollen mit Medikamenten experimentiert, Studien gefälscht und Sterbeurkunden manipuliert haben. Für keines der verabreichten Mittel gab es eine Genehmigung der nationalen Ethikkommission – und Studien zufolge ist die Wirksamkeit dieser Medikamente gegen das Coronavirus widerlegt. Ein Ausschuss im Stadtparlament von São Paolo ermittelt nun gegen das Unternehmen. Darüber berichtete der „Spiegel“.

Corona-Skandal in Brasilien: Patienten bekamen dubiose Medizin

Unter anderem wurden den Corona-Patienten demnach Mittel gegen Malaria, Läuse und Würmer sowie Antibiotika verabreicht. Sobald sich der Gesundheitszustand eines Erkrankten verschlechterte, bekamen sie starke Schmerzmittel, die Apparate wurden einfach abgeschaltet.


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Tadeu Frederico de Andrade bezeichnet sich als einer der „Überlebenden“ der Experimente.  Er berichtet davon, wie Prevent Senior ihm einen Medikamenten-Cocktail nach Hause schickte. Als sich sein Zustand nach der Einnahme verschlechterte, sei er in eine Klinik des Konzerns gekommen, sei sogar auf die Intensivstation verlegt worden. Dort habe er Flutamid verabreicht bekommen – ein Medikament zur Behandlung von Prostatakrebs.

Kurze Zeit später habe seine Tochter einen Anruf erhalten, dass ihr Vater so schwer erkrankt sei, dass er wohl nicht überleben würde. „Sie bedrängten meine Tochter, einer Palliativbehandlung zuzustimmen, das heißt, mich sterben zu lassen“, sagt de Andrade dem „Spiegel“. Die Familie habe daraufhin einen Arzt ihres Vertrauens angeheuert, um jeden Eingriff zu überwachen. Sein Zustand besserte sich zunächst und der 65-Jährige wurde entlassen.

Jair Bolsonaro
Unter Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro sind Corona-Patienten Opfer von Experimenten geworden.

Kurze Zeit später habe er unter Herzrhythmusstörungen gelitten – möglicherweise eine Folgeerscheinung des Medikamentencocktails. Heute sei er aber wieder ganz gesund. Sobald die Ermittlungen gegen Prevent Senior abgeschlossen sind, will er gemeinsam mit Angehörigen weiterer Opfer Entschädigung einfordern.

Prevent Senior-Arzt: „Wir werden Medizingeschichte schreiben“

Prevent Senior erhoffte sich von den Experimenten offenbar, auf diese Weise ein wirksames Medikament gegen Corona zu finden. In einem Chat des leitenden Arztes Rodrigo Esper hieß es: „Wir werden Medizingeschichte schreiben.“

Der Untersuchungsausschuss im brasilianischen Senat hat die Firma schon länger im Visier. Die Senatoren untersuchten sechs Monate lang die Corona-Politik der Regierung unter Jair Bolsonaro. Im Oktober kamen sie in einem 1200 Seiten langen Abschlussbericht zu dem Ergebnis: Die Regierung habe in der Pandemie zu „langsam gehandelt und die Bevölkerung absichtlich dem realen Risiko einer Masseninfektion ausgesetzt.“

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Nicht nur gegen Staatspräsident Bolsonaro, der aufgrund seiner umstrittenen Äußerungen zum Coronavirus bereits für Aufsehen sorgte und ohnehin mehrere Ermittlungsverfahren am Hals hat, wurde eine Anklage erhoben: Insgesamt 78 Männer und Frauen sowie zwei Firmen werden der Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezichtigt. Darunter auch elf Manager und Ärzte von Prevent Senior.

Firma darf Medikamentencocktail nicht mehr verabreichen

Und es scheint, als hätten die Ärzte massiv unter Druck gestanden:  Einer soll entlassen worden sein, weil er sich weigerte, den Medikamentencocktail zu verschreiben. Das sagt Anwältin Bruna Morato, die zwölf Ärzte des Unternehmens vertritt. Auch habe die Krankenhausdirektion darauf gepocht, dass die Patienten in den viel zu wenigen Betten möglichst schnell rotieren.

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Ende November räumte der Konzern erstmals öffentlich ein, dass ihr „Covid-Kit“ gegen Corona wirkungslos sei. Gegenüber der Staatsanwaltschaft verpflichtete sich Prevent Senior, den Medikamentencocktail nicht länger ihren Patienten zu verabreichen. (mhö)

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