Menschen stehen in Mumbai Schlange, um sich in einem COVID-19-Impfcamp gegen das Coronavirus impfen zu lassen.
  • Menschen stehen in Mumbai Schlange, um sich in einem COVID-19-Impfcamp gegen das Coronavirus impfen zu lassen.
  • Foto: picture alliance/dpa/AP | Rajanish Kakade

Trügerische Entwicklung: Warum die Zahlen in Indien plötzlich sinken

Menschen, die beim Warten auf Sauerstoff in Klinikfluren ersticken, brennende Scheiterhaufen, verzweifelte Angehörige: Die Bilder aus Indien sorgten im Frühjahr weltweit für Entsetzen. Schlimm wie kaum ein anderes wurde das Land von Corona heimgesucht. Mittlerweile sind die Zahlen gesunken – ist das Schlimmste überstanden? Experten warnen: Das Gegenteil könnte der Fall sein.

Mehr als 400.000 Neuinfektion täglich: Zum Höhepunkt der Corona-Krise in Indien steckten sich im April und Mai Millionen Menschen mit dem Virus an. Und das waren nur die offiziellen Zahlen – die Dunkelziffer dürfte drei- bis zehnmal so hoch liegen, vermuten Experten. Seit Mitte Mai jedoch sinken die Werte kontinuierlich. Seit Mitte Juli pendelt die Sieben-Tage-Inzidenz um 20.

Warum in Indien die Zahlen sinken …

Das hat mehrere Gründe: Wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der „Welt“ sagte, sei das Abflauen zum einen mit dem Verhalten der Bürger zu begründen. „Wenn die Zahl der Corona-Neuinfektionen exponentiell steigt, fangen die Menschen an, sich vorsichtiger zu verhalten. Durch das vorsichtigere Verhalten stagnieren die Zahlen zunächst, dann sinken sie sogar“, so Lauterbach. Das habe man ähnlich auch bereits in Deutschland beobachten können.

Vielerorts tragen die Menschen in Indien keine Masken mehr  auch nicht in übervollen Zügen.
Vielerorts tragen die Menschen in Indien keine Masken mehr – auch nicht in übervollen Zügen.

Zum anderen treibt die Regierung die indische Impfkampagne voran, wodurch der Anteil der Infektionsfähigen schrumpft. Allerdings: Erst rund 27 Prozent der gut 1,4 Milliarden Inder hat bislang mindestens einen Piks bekommen. Viel zu wenige – und viel zu langsam in dem Land, in dem sich die hochaggressive Delta-Mutation ausbildete.

… und wieso das wohl trügerisch ist

Auch der Immunologe Satyajit Rath vom Indian Institute of Science Education and Research in Pune warnt: Der aktuelle Abfall sei nur eine Momentaufnahme. Wie er im Gespräch mit dem „Spiegel“ sagte, zweifle in Indien niemand daran, dass eine nächste Welle kommt. „Die Zahlen steigen ja schon wieder, im Nordosten etwa“, so Rath. Das untermauert eine Studie des Imperial College London und des Indian Council of Medical Research (ICMR): Demnach wird das Land schon im kommenden Monat eine erneute Zunahme von Infektionen erleben. Die Frage sei nicht, ob noch eine Welle komme, so Rath, sondern: Wann wird der nächste Peak erreicht?

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Zwar seien die Kliniken mittlerweile etwas besser gerüstet, vor allem was die Versorgung mit Sauerstoff angehe. „Aber ausreichend vorbereitet auf das, was kommen wird? Ich denke nicht“, so Rath. Dabei dürfte nicht nur die medizinische Versorgung bei einer neuerlichen Welle wieder problematisch sein. Sondern erneut die Inder selbst: Wie Reporter der „Zeit“ beobachtet haben, herrschen vielerorts im Land mittlerweile schon wieder Zustände, als gäbe es keine Pandemie mehr. „Abstandsregeln und Maskenpflicht gelten zwar, werden aber selten eingehalten“, so die „Zeit“.

Hinzukommt: Viele Menschen können sich schlicht nicht an Maßnahmen wie Kontaktvermeidung und Ausgangsbeschränkungen halten, da sie sonst buchstäblich verhungern. „Arbeitende Menschen wie wir können uns den Luxus nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Wir haben keine andere Wahl“, sagte Inderin Anjali Kumari zur „Zeit“. „Hunger tötet uns Arme zuerst, Covid dann später“, ergänzte Auto-Rikscha-Fahrer Suresh Kumar gegenüber Reportern des ZDF.

Es droht eine impfstoffresistente Corona-Mutante

Derweil warnt Immunologe Rath, die Lage in Indien zu unterschätzen. Sie sei zu komplex, um sie mit dem Begriff „Corona-Welle“ zu umschreiben: „Das Bild einer Welle tut so, als würden Infektionen landesweit gemeinsam steigen und danach wieder überall fallen. Aber so funktionieren diese Ausbrüche nicht. Sie finden in verschiedenen Teilen des Landes statt. Zu unterschiedlichen Zeiten. In verschiedenen sozialen Gruppen“, erklärt er.

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Vor allem letzteres sei ein Problem, so Rath. Denn gerade in ärmeren, überwiegend ungeimpften Regionen und Nachbarschaften könne sich „das Virus super verbreiten, es entstehen Varianten. Und diese versuchen, auch die geimpfte Nachbarschaft anzustecken. Sie scheitern und scheitern und scheitern an der Barriere des Impfschutzes, immer wieder. Bis es doch mal eine Variante schafft und die Barriere bricht.“ Das Resultat: eine impfstoffresistente Mutante.

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