Als die Angreifer ins Kapitol eindrangen, hallte ihr Geschrei sogar bis zum Haus unserer Augenzeugin.
  • Als die Angreifer ins Kapitol eindrangen, hallte ihr Geschrei sogar bis zum Haus unserer Augenzeugin.
  • Foto: imago images/Bildbyran

Augenzeugin über Kapitol-Sturm: „Schwarze wurden schon für viel weniger umgebracht”

Washington –

Martha Lushington (25) ist US-Amerikanerin. Sie lebt und arbeitet in Washington, nur einen paar Minuten Fußweg vom Kapitol entfernt, wo es am Mittwoch zu verstörenden Szenen gekommen ist. Hier schildert sie, wie sie die Attacke erlebt hat.

Wenn ich mich beeile, schaffe ich die Strecke zum US-Kapitol zu Fuß in unter zehn Minuten. Ich wohne, wie man in Washington sagt, „on the hill“, auf dem Hügel. Gemeint ist damit das Viertel rund um das US-Kapitol. Am Mittwoch hätte ich mir aber gewünscht, ganz weit weg zu sein.

„Diese Terroristen denken tatsächlich, ihr Handeln sei patriotisch!“

Ich hörte über Instagram von den Protesten. 20 Minuten, nachdem die ersten Absperrungen gefallen waren waren, brach in meiner Nachbarschaft die Hölle los. Da waren Dutzende Sirenen, stundenlang hörte das Geheul nicht auf. Zwischendurch hörte ich die Angreifer am Kapitol rufen: „USA, USA.“ Ihr Geschrei drang bis zu meinem Haus. Wie furchtbar ironisch ist das eigentlich: Diese Terroristen denken tatsächlich, ihr Handeln sei patriotisch.

Martha Lushington (25) vor dem Washington Monument.

Martha Lushington (25) vor dem Washington Monument.

Foto:

privat/hfr

Ich tat dann das, was viele meiner Nachbarn taten: Ich verriegelte die Türen, zog die Jalousien herunter und holte mein Biden-Harris-Wahlkampfschild vom Fenster weg. Das war sehr emotional für mich und tat auch weh, denn es fühlte sich so an, als würde ich mich selbst betrügen und feige sein. Aber dann gab es plötzlich diese Gerüchte über eine Bombendrohung und ich realisierte: Ich schulde es meiner Familie und meinen Freunden, mich selbst in Sicherheit zu bringen. Ich fing an zu weinen und packte eilig eine Notfalltasche: Corona-Masken, Streichhölzer, Ladegeräte und meinen Epi-Pen (ein Notfall-Medikament, Anm. d. Red.).

„Ich schrieb vielen Leuten Nachrichten, dass ich sie liebe“

In den vier Jahren, die ich jetzt in Washington lebe, habe ich mich nie unsicher gefühlt. Und ganz sicher habe ich mir nie diese Frage gestellt: „Wenn ich von jetzt auf gleich alles stehen und liegen lassen muss und gezwungen bin, zu flüchten: Was nehme ich dann mit?” Ich schrieb vielen Leuten Nachrichten, dass ich sie liebe. Ich hatte Angst, dass es letzte Nachrichten sein könnten. Dann habe ich mich hingesetzt und zugesehen, wie diese bereits furchteinflößende Situation immer noch schlimmer wurde.  Ich war unter Schock. 

Stundenlang heulten in Capitol Hill die Sirenen.

Stundenlang heulten in Capitol Hill die Sirenen.

Foto:

imago images/UPI Photo

Ich weiß noch, dass ich anfangs noch, vielleicht ein bisschen naiv, dachte: „Die werden das bestimmt rasch in den Griff kriegen.“ Dann habe ich realisiert, dass nichts von der Kampfausrüstung der Polizei zum Einsatz kam, kein Tränengas, keine Gummigeschosse, keine Blendgranaten. Nichts davon wurde gegen die Terroristen eingesetzt, so wie es gegen die friedlich protestierenden „Black Lives Matter“-Demonstranten eingesetzt wurde.

„Die Polizei hat sich zu Komplizen gemacht“

Über eine Stunde lang sind diese Leute durchs Kapitol gerannt als hätten sie sich nach Schließung in ein Museum gestohlen. Sie haben Sachen aus Abgeordneten-Büros geklaut, saßen auf dem Stuhl von Kongress-Sprecherin Nancy Pelosi. Da war keine Polizei! Schwarze Menschen wurden schon für viel weniger umgebracht als das. Sie wurden getötet, als sie in ihren Betten schliefen. Sie wurden getötet, weil sie einen gefälschten 20-Dollar-Schein benutzten.

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Das war am Mittwoch vielleicht die größte Enttäuschung für mich: die Komplizenschaft der Polizei. Ich bin damals im Sommer in mehreren BLM-Protestmärschen mitgelaufen. Die haben da zum Teil Panzer gegen uns aufgefahren. Am Mittwoch haben sie die Absperrungen weggenommen, um die Angreifer reinzulassen. Sie haben im Kapitol Selfies mit den Eindringlingen gemacht. Sie haben eine der Trump-Anhänger ganz sachte die Kapitol-Stufen hinuntereskortiert.

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Wenn schwarze Menschen friedlich demonstrieren, ist es ein „Aufstand“. Aber wenn weiße Menschen einen Staatsstreich planen, ist das ein „Protest“. Wenn mich diese Ungerechtigkeit schon so aufregt – wie muss es dann erst meinen schwarzen Brüdern und Schwestern gehen?

„Donald Trump hat seine Anhänger zum gewaltvollen Protest angestachelt“

Ich denke nicht, dass die Situation so eskaliert wäre, wenn Donald Trump und seine Freunde im Kongress nicht so viel Zweifel an unseren allerdemokratischsten Prozessen gesät hätten. Die Terroristen, die unser Kapitol gestürmt haben, haben das getan, weil sie aufrichtig glaubten, dass Trump Recht hatte: Bei der Wahl wurde betrogen. Das glauben die wirklich – obwohl es dafür nicht den Hauch eines Beweises gibt.

Donald Trump bei einer Rede vor dem später außer Kontrolle geratenen Mob.

Donald Trump bei einer Rede vor dem später außer Kontrolle geratenen Mob.

Foto:

imago images/MediaPunch

Nur wenige Stunden vor der Attacke hat Trump das in einer Rede vor dem Weißen Haus ja nochmal gesagt: Er weigert sich, aufzugeben, weil die Wahl manipuliert wurde. Wenn das kein Anstacheln zum gewaltvollen Protest war, dann weiß ich auch nicht.

„Wir haben immer noch Hoffnung. Kein Präsident kann uns das wegnehmen“

Ich kann nur hoffen, dass diese Terroristen für das verantwortlich gemacht werden, was sie getan haben. Dass sie die volle Härte des Gesetzes trifft. In Washington herrscht noch immer Chaos. Ich hoffe, dass wir bald zu Sicherheit und Ruhe zurückkehren. Ich hoffe, dass wir Menschen mit Liebe und Fortschritt aufrütteln können und nicht durch Hass und rückständiges Denken. Ich hoffe, dass unsere Politiker kapieren, dass Angst uns nur weiter spalten wird und dass wir nur gemeinsam stark sein können.

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Donald Trump hat unseren demokratischen Institutionen unsagbaren Schaden zugefügt. Die Amerikaner sind müde und erschöpft nach dem, was der US-Präsident ihnen angetan hat. Aber: Ich glaube an mein Land, das tue ich wirklich. Wir haben immer noch Hoffnung. Kein Präsident kann uns das wegnehmen.

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