Tjalda Siegismund
  • Tjalda Siegismund (27) leitet gemeinsam mit ihren beiden Brüdern den Grünkohl-Hof.
  • Foto: Bettina Blumenthal

Grünkohl: Hier wird die „Friesenpalme“ noch per Hand gepflückt

„Friesenpalme“: So wird der Grünkohl im Norden oft genannt – wegen seiner Form. In Luhdorf, einem Ortsteil von Winsen, baut die Familie Siegismund das Gemüse seit Generationen an. Die drei Geschwister Torgen (28), Ole (39) und Tjalda (27) leiten den Hof. Sie ernten noch von Hand und produzieren den Kohl für die bekannte Marke Heinrich Lüders, die einst in Neuwiedenthal verarbeitet wurde.

„Unsere Familie hat die Firma Heinrich Lüders schon immer mit Grünkohl beliefert“, sagt Ole. Das Besondere an der Marke: Nur in den gelb-grünen Dosen gibt es das Kohlgemüse noch handgepflückt. In Hausbruch wird der Grünkohl schon lange nicht mehr in die Dosen gefüllt. Die Firma hat geschlossen, jetzt wird Lühders Grünkohl bei Lipperland in Bielefeld verarbeitet. Überlebt hat die Kult-Marke, weil sie so beliebt ist.

Geerntet wird die Pflanze mit einem langen Messer. Der Stamm wird beherzt abgeschlagen. Dann wird das Blattgrün in Handarbeit vom Strunk abgerupft. Torgen: „Diese Ernte ist dadurch sehr arbeitsintensiv. Bei anderen Herstellern wird der Kohl gröber, zum Teil mit dem Strunk zusammen klein gehäckselt.“

Grünkohl: „Friesenpalme“ wird hier von Hand geerntet

Nach der Ernte wird die „Friesenpalme“ sofort in die Konservenfabrik bei Bielefeld gebracht. Der Kohl wird dann in Dosen gefüllt, erhitzt und im Wasserbad wieder abgekühlt.

Auf dem Hof der Familie Siegismund ist auch die Aufzucht der kleinen Kohlpflanzen Handarbeit. Tjalda: „Im Frühjahr wird angesät. Wenn die kleinen Setzlinge ca. 20-30 cm groß sind, werden sie von Hand gezogen. Das machen wir 800.000 Mal. Erst dann werden sie auf das eigentliche Feld gepflanzt.“ So viele Pflanzen werden benötigt, denn die Familie erwirtschaftet 300 Tonnen für Lüders Grünkohl. Die Ernte beginnt jetzt und geht noch bis November.

Lühders Grünkohl ist das berühmteste Produkt aus Neuwiedenthal. Das alte Fabrikgebäude befand sich bis 1991 an der Stelle des heutigen REWE-Marktes in der Neuwiedenthaler Straße, die Felder waren in der Nähe. In Spitzenzeiten ernteten, rupften und „strippelten“ dort bis zu 200 Arbeitskräfte den Grünkohl von Hand.

Familie Siegismund
Die Grünkohlernte beginnt. Drei Geschwister aus dem Winsener Ortsteil Luhdorf starten jetzt mit der Ernte. Familie Siegesmund mit Torgen (r., 28), Ole (mit Cap, 39, und Tjalda (27).

Grünkohl ist eine der ältesten Kohlsorten überhaupt. Er gehört zur Familie der Kreuzblütengewächse und ist sehr schnellwüchsig. Benötigte das typische Wintergemüse früher noch Frost, damit sich die Bitterstoffe in den Fasern durch Bildung von Zucker als Frostschutz neutralisierten, sind die modernen Sorten nun von vornherein schon süßer. Mit den neuen Züchtungen des aus den Mittelmeerländern stammenden Wildkohls ist der Grünkohl aber nicht nur süßer geworden. Leider sind auch Vitamine der Zucht zum Opfer gefallen.

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Ein Superfood ist die „Friesenpalme“ aber dennoch. Sie ist sehr reich an Vitamin C und das für uns Nordeuropäer so wichtige Vitamin D. Und sie ist „in“. Die Blätter finden immer häufiger ihren Weg in den Salat oder auf die Pizza. Soll es auf die Schnelle gesund sein: ab mit dem frischem Kohl in den Smoothie. Oder mit etwas Öl in den Ofen, um ihn zu knusprigen Chips zu backen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bald gibt es den Grünkohl auch wieder frisch auf den Märkten. Oder auf dem Hof von Ole, Torgen und Tjalda.

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