Ein Amazon-Mitarbeiter zerstört an einer „Destroy Station“ neuwertige Ware. Ausschnitt aus einem Video, das ein Greenpeace-Mitarbeiter heimlich aufgenommen hat.
  • Ein Amazon-Mitarbeiter zerstört an einer „Destroy Station“ neuwertige Ware. Ausschnitt aus einem Video, das ein Greenpeace-Mitarbeiter heimlich aufgenommen hat.
  • Foto: © Greenpeace

In Werk bei Hamburg: Amazon zerstört weiterhin Neuware – trotz Verbots

Winsen (Luhe) –

Kleidung, Spielzeug, Elektro-Artikel: Insgesamt eine Lkw-Ladung neuwertiger Artikel zerstört Amazon jede Woche allein in seinem Logistikzentrum bei Hamburg. Das ergaben Recherchen von Greenpeace, die vom NDR und der Wochenzeitung „Die Zeit“ bestätigt wurden. Damit verstößt der Onlinehandels-Riese zwar gegen geltendes Recht – geahndet wird das aber nicht.

Für die Enthüllung wurde erneut ein Greenpeace-Rechercheur ins Logistikzentrum im niedersächsischen Winsen (Luhe) nahe Hamburg eingeschleust. Das hatte die Umweltschutz-Organisation auch schon Ende 2019 gemacht und die Verschwendung so ans Licht gebracht.

Als Angestellter dokumentierte der Aktivist mehrere Wochen lang, wie die Vernichtung von Neuware offenbar fest in den Arbeitsablauf integriert ist. Der Sender veröffentlicht die Recherchen am heutigen Donnerstag in der Sendung „Panorama“ (21.45 Uhr).

Amazon zerstört massig Neuware in Zentrum bei Hamburg

„Am Standort Winsen werden an acht Arbeitsplätzen, die Amazon ,Destroy-Stationen‘ nennt, originalverpackte Produkte für die Vernichtung vorsortiert“, teilt Greenpeace mit.

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An diesen Stationen holen Amazon-Beschäftigte originalverpackte Ware aus der Verpackung und sortieren die noch gebrauchsfähigen Produkte nach den Kriterien der Mülltrennung in die jeweiligen Müll-Paletten, wie der NDR ausführt. Endstation der fabrikneuen Artikel: ein Entsorgungsunternehmen, das die Ware verbrennt oder zu Putzlappen verarbeitet.

Gesetz gegen Zerstörung von Neuware nicht überwacht

Das geschieht, obwohl im vergangenen Jahr – als Reaktion auf die Greenpeace-Recherche vom 2019 – ein Gesetz dagegen in Kraft getreten ist: Die sogenannte Obhutspflicht soll verhindern, dass intakte Ware zerstört wird. Doch bisher werde dies weder umgesetzt noch von den Behörden überwacht, so die Umweltschutz-Organisation. Es fehle an einer entsprechenden Rechtsverordnung.

Neuware auf dem Müll: Blick in eine „Destroy Station“ im Amazon-Zentrum Winsen.

Neuware auf dem Müll: Blick in eine „Destroy Station“ im Amazon-Zentrum Winsen.

Foto:

© Greenpeace

„Amazon setzt allein auf schnellen Umsatz und hält deshalb den Platz im Regal für wichtiger als das Produkt darin – eine klimaschädliche Ressourcenverschwendung!“, so Viola Wohlgemuth, Konsum-Expertin von Greenpeace.

Amazon erhebt hohe Gebühren für Lagerung von Ladenhütern

Doch was soll dieser Verschwendungs-Wahnsinn? Hintergrund sind nach Informationen von „Panorama“ und „Zeit“ die hohen Lagergebühren für Dritthändler, die ihre Artikel über Amazon verkaufen. Vernichtet werden in Winsen nämlich vor allem deren Ladenhüter.

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Der Online-Riese bietet ihnen unter anderem die Entsorgung an, wenn ihre gelagerten Waren über einen bestimmten Zeitraum hinweg nicht verkauft wurden. Das bestätigt Christian Pietsch, dessen Unternehmen über Amazon Lederwaren anbietet, gegenüber „Panorama“ und „Zeit“. Man müsse die Artikel binnen einer gewissen Zeit verkaufen, weil sonst hohe Langzeitlagergebühren anfielen.

Amazon bietet Dritthändlern Entsorgung von Neuware an

Eine öffentlich zugängliche Preisliste, „gültig ab April 2021“, belegt das. Darin heißt es: „Die Langzeitlagergebühr wird nicht berechnet, wenn vor der Erhebung der Gebühr eine Entfernung oder Entsorgung der Einheiten angefordert wurde.“ Die Entsorgung lässt sich Amazon allerdings ebenfalls bezahlen.

Das gigantische Amazon-Logistikzentrum in Winsen (Luhe).

Das gigantische Amazon-Logistikzentrum in Winsen (Luhe).

Foto:

picture alliance/dpa

Die Vernichtung von Neuwaren bestreitet der Handels-Konzern dem NDR zufolge auch gar nicht, spielt das Thema aber herunter: „Nur wenn wir keine andere Möglichkeit mehr haben, geben wir Artikel zum Recycling oder zur Energierückgewinnung – oder als allerletzte Option – zur Deponierung“, teilt das Unternehmen mit. Es handele sich dabei um wenige Produkte, die Zahl befände sich im „Promillebereich“. Wie viele Tonnen Neuware das sind, verrät Amazon nicht.

Greenpeace: Amazon plant, Gesetz zu umgehen

Greenpeace erhebt noch weitere Vorwürfe gegen das Unternehmen: Der Konzern bereite sich bereits darauf vor, dass laut Gesetz Entsorgungsunternehmer nur noch kaputte Ware abholen dürfen. Daher würden etwa originalverpackte T-Shirts zerschnitten, bevor sie in der Tonne landen. „Amazon plante bereits, ein Gesetz zu unterlaufen, bevor das Umweltministerium es überhaupt schafft, es anzuwenden“, sagt Wohlgemuth.

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