Am Tag der offenen Tore durften auch Frauen die Herbertstraße besuchen – und in einen der Puffs schauen.
  • Am Tag der offenen Tore durften auch Frauen die Herbertstraße besuchen – und in einen der Puffs schauen.
  • Foto: Marius Roeer

paidZum ersten Mal im Puff: So erleben Frauen die Herbertstraße

Für Frauen ist der Zutritt verboten. Durch die schweren roten Eisentüren dürfen nur Männer. Eigentlich. Denn an diesem Sonntag feiert die Herbertstraße ihren 100. Geburtstag. Und lud zum Tag der offenen Tore. Etliche Besucher drängten sich durch die wohl sündigste Straße Deutschlands und durften sogar in die Räume schauen. Vor allem Frauen nutzten die Gelegenheit – zwischen Faszination und Ekel.

Rechts und links die Schaufenster, in denen Drehstühle stehen. Normalerweise präsentieren sich hier die Prostituierten und Dominas den Männern. Heute, zum Tag der offenen Tore, bleiben die Stühle leer. „Die Hauptpersonen mögen die Öffentlichkeit natürlich nicht“, sagt Lars Schütze (54), Vorsitzender der Interessengemeinschaft St. Pauli. „Die Frauen arbeiten ja bewusst in der Herbertstraße, weil sie hier die Anonymität haben.“

Marius Roeer Sonntag standen die Tore der Herbertstraße offen – für alle
Sonntag standen die Tore der Herbertstraße offen – für alle
Sonntag standen die Tore der Herbertstraße offen – für alle

Hinter den Drehstühlen stehen High Heels in verschiedensten Höhen und Farben, da liegen Trillerpfeifen, Desinfektionsmittel und kleine Glücksbringer der Frauen. Und, fast in jedem Fenster, Wasserpistolen, mit denen die Prostituierten sonst die Frauen vertreiben, die sich in die Herbertstraße trauen.

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Das Highlight für die meisten Besucher ist aber das Haus Nummer 25, das heute für alle offen ist. Seit Beginn der Pandemie wird hier zwar nicht mehr gearbeitet, die Einrichtung ist aber geblieben. Abgeklebte Fenster, rote Wände und Glühbirnen – fleckige Laken und alte Taschentücher neben dem Bett inklusive. Auch auf einen der legendären Drehstühle im Schaufenster darf man sich setzen.

Herbertstraße wird 100: Viele Neugierige, vor allem Frauen

„Ich bin großer Hamburg-Fan, das hier ist das Highlight überhaupt. Die alten Häuser in der Herbertstraße sind phänomenal. Aber es macht mich wirklich betroffen, wie die Räume von innen aussehen“, sagt Lejla (38), Außendienstmitarbeiterin aus Düsseldorf. „Sie sind doch ganz schön runtergekommen und spartanisch eingerichtet. Es ist traurig, unter welchen Umständen die Frauen hier arbeiten.“

Marius Röer Lejla (38), Außendienstmitarbeiterin aus Düsseldorf: „Ich hätte es mir hier schöner vorgestellt.“
Eine Frau steht in der Herbertstraße und lächelt
Lejla (38), Außendienstmitarbeiterin aus Düsseldorf: „Ich hätte es mir hier schöner vorgestellt.“

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Wiebke (53), Mitarbeiterin bei einer Versicherung, und Augenoptikermeisterin Nicole (47) aus Bremen sehen das ähnlich: „Die Räume sind sehr dunkel, es riecht muffig. Bei laufendem Betrieb würden wir die Herbertstraße nicht gern anschauen – es ist fast abstoßend, wie die Frauen sich hier in den Fenstern anbieten. Aber so war das mal ein spannender Einblick.“

Marius Roeer Wiebke (53, l.) und Nicole (47) aus Bremen: „Bei laufendem Betrieb würden wir uns die Herbertstraße nicht ansehen wollen.“
Wiebke (53, l.) und Nicole (47) aus Bremen: „Bei laufendem Betrieb würden wir uns die Herbertstraße nicht ansehen wollen.“
Wiebke (53, l.) und Nicole (47) aus Bremen: „Bei laufendem Betrieb würden wir uns die Herbertstraße nicht ansehen wollen.“

„Wir finden es hier erstaunlich unspektakulär“, sagen Jessica (46), arbeitssuchend, aus Quickborn und Svenja (40), zahnmedizinische Fachangestellte aus Elmshorn. „Es ist so schade, dass die Damen nicht zu sehen sind. Aber ich kann sie schon verstehen. Sie haben natürlich keine Lust, wie eine Jahrmarktsattraktion ausgestellt zu werden.“

Marius Roeer Jessica (46) aus Quickborn und Svenja (40) aus Elmshorn: „Schade, dass die Prostituierten heute nicht hier sind.“
Jessica (46) aus Quickborn und Svenja (40) aus Elmshorn: „Schade, dass die Prostituierten heute nicht hier sind.“
Jessica (46) aus Quickborn und Svenja (40) aus Elmshorn: „Schade, dass die Prostituierten heute nicht hier sind.“

Etwa 250 Menschen arbeiten in der Herbertstraße, die meisten davon Frauen. Prostitution gibt es in der Straße laut Lars Schütze seit Beginn der Bebauung im 19. Jahrhundert. Die Straße habe sich von einer kleinen Ansammlung mehrer Prostitutionsstätten hin zu einem der bekanntesten Straßenstriche des Landes entwickelt.

Früher hieß die Herbertstraße noch anders

Bis 1922 war es die Heinrichstraße. Im Juli 1922 wurde sie dann die berühmte Herbertstraße. Die Umbenennung war damals als Zeichen eines Neuanfangs gedacht, die Freudenhäuser sollten vertrieben werden und Wohnungen entstehen.

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Zur Zeit des Nationalsozialismus galt ein striktes Verbot von Prostitution – mit Ausnahme der Herbertstraße, an deren beiden Zugängen damals die Sichtblenden errichtet wurden, um die „weiblichen, asozialen Elemente“ aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit zu verbannen. Die dort an den Sperrblenden angebrachten Schilder wurden in den 70er Jahren auf Wunsch der Prostituierten durch den Hinweis ergänzt: „Zutritt für Männer unter 18 und Frauen verboten!“

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