• Foto: Ankerherz Verlag

Wut auf Hamburger Verleger: „Ein Shitstorm von rechts ist vulgär – von links subtiler“

Er macht sich seit Jahren gegen die AfD und für Flüchtlinge stark – doch im Moment bekommt der Hamburger Verleger und MOPO-Kolumnist Stefan Kruecken (45, Ankerherz Verlag) Feuer von rechts wie von links. Der Grund: Er hat in der aktuellen Diskussion über Polizeigewalt auf Facebook für die Ordnungshüter Partei ergriffen. Wie schnell man in den sozialen Medien zwischen die Fronten geraten kann und wie es sich anfühlt, wenn ein Shitstorm auf einen einprasselt, erzählt er im MOPO-Interview.

MOPO: Sie haben auf Facebook geschrieben, es gebe keinen institutionellen Rassismus bei der Polizei – und haben damit einen Shitstorm ausgelöst. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Stefan Kruecken: 
Ich habe nur geschrieben, dass unsere Polizei sauber arbeitet, und dachte, das wäre Common Sense. Ja, es gibt Rassismus, auch bei der Polizei in Deutschland – wenn man zum Beispiel an den Fall Oury Jalloh denkt. Aber es ist überzogen zu sagen, dass unsere Polizei institutionell rassistisch ist. Ich war lange Zeit Polizeireporter in Köln und Chicago – und ich sehe diesen Vorwurf nicht bestätigt.

Stefan Kruecken als „Bullenficker“ „linker Heckenschütze“ bezeichnet

Können Sie Beispiele nennen?
In den Kommentaren kamen Vorwürfe, ich würde rassistischer Polizeigewalt Vorschub leisten, indem ich das Problem abstreite. Es gab persönliche Beleidigungen wie „Bullenficker“ und „linker Heckenschütze“. Zum Teil auch abstruse Verschwörungstheorien: Ich wäre in Wirklichkeit ein Rechter, der sich immer verstellt hätte. Das war dann natürlich völlig lächerlich.

Anfeindungen von rechts sind Sie mit Ihrem Engagement gegen die AfD und für Flüchtlinge gewohnt. Nun kommt der Shitstorm von links. Hat es Sie überrascht, wie schnell Sie zwischen die Fronten geraten sind?
Wir hatten ein ähnliches Theater ja schon nach meinem Post zu Lucke (der AfD-Mitgründer Bernd Lucke hat im Herbst 2019 wieder angefangen, an der Uni Hamburg zu lehren, und dadurch heftige Proteste ausgelöst, Red.). Ich lehne es ab, wofür dieser Mann steht, auch wenn er sich von seiner AfD-Vergangenheit distanziert hat. Aber auch ein Rechtskonservativer muss seine Meinung äußern dürfen und sollte nicht niedergebrüllt werden. Daraufhin ging das Kesseltreiben los.

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Können Sie denn nachvollziehen, dass Studenten mit Migrationshintergrund es als Zumutung empfinden könnten, dass an unserer Uni ein Mann lehrt, der sie als „sozialen Bodensatz“ bezeichnet hat?
Ja, aber ich würde von Studenten auch erwarten, dass sie dem mit Worten beikommen und nicht mit Trillerpfeifen und Geschubse.

Sie wurden in der aktuellen Diskussion auch für einen älteren Post kritisiert, in dem Sie einen umstrittenen niederländischen Nikolaus-Brauch als „schöne Tradition“ bezeichnen.
Wir standen mit unseren Kindern und vielen anderen Familien am Strand von Noordwijk. Der Nikolaus und sein Helfer, der „Zwarte Piet“, kommen mit einem Boot der Seenotretter und bringen Süßigkeiten. Das war einfach ein schöner Moment, den wir mit vielen Menschen aller Hautfarben geteilt haben. Ich poste das Foto, setze mich ins Auto, fahre nach Hause – und als ich ein paar Stunden später ankomme, ist die Sache auf Facebook schon explodiert.

Diese alte Tradition kommt aus einer ganz anderen Zeit. Aber: Der weiße Nikolaus bringt die Süßigkeiten, der „Schwarze Piet“ bestraft die unartigen Kinder – können Sie verstehen, dass Schwarze sich davon beleidigt fühlen?
Wie gesagt, das war der Moment. An der Stelle zeigt sich, wie man unbedacht andere verletzen kann. Das war ein Fehler.

„Shitstorm von rechts ist vulgär und direkt – einer von links subtiler und bösartiger“

Gibt es Unterschiede in den Shitstorms von Rechten und Linken?
Wenn das von rechts kommt, ist es meistens sehr vulgär und direkt. „Der Volksgerichtshof hat über dich geurteilt“ oder so was. Meistens sind solche Shitstorms gut organisiert, da sprechen sich Nutzer in Facebook-Gruppen ab und innerhalb kurzer Zeit posten dann 150 Leute Kommentare auf meiner Seite. Von links ist das meinem Gefühl nach weniger organisiert. Die Kommentare sind aber subtiler und bösartiger. Ich werde als „Mitte-Extremist“ bezeichnet. Die Mitte ist für die etwas Schlechtes. Aber sie ist das, was eine Demokratie braucht.

Und wie reagieren die Rechten auf diese Debatte?
Ich kriege jetzt von beiden Seiten Feuer. Mir schreiben AfD-nahe Nutzer Sachen wie: „Die Zecken, die ihr genährt habt, wenden sich jetzt gegen euch!“ Oder: „Jetzt schluckt Kruecken sein eigenes Gift!“

Wie fühlt sich das an, in einen Shitstorm zu geraten?
Es ist nicht schön, hundertfach am Tag zu lesen, was für ein Riesen-Arschloch man ist. Oder wenn zum Boykott unserer Bücher aufgerufen wird. Das ist jetzt in der Corona-Krise nichts, was man als Verlag unbedingt gebrauchen kann. Aber mir haben Hunderte Polizisten geschrieben und sich bedankt, dass das endlich mal jemand ausspricht. Sie selbst würden sich nicht mehr trauen, so etwas zu schreiben.

Warum lassen Sie die Nutzer überhaupt noch kommentieren, wenn eine Flut von Hass-Kommentaren zu erwarten ist?
Ich will ja, dass die Leute meine Beiträge diskutieren. Aber der Diskurs ist so abgerutscht. Ich kann doch als Nutzer sagen: „Ich teile deine Meinung nicht.“ Aber ich muss doch nicht schreiben: „Du Idiot!“ Die Leute haben immer weniger Hemmungen.

Viele Nutzer werfen Ihnen vor, Sie würden unliebsame Meinungen löschen.
Meine Strategie war bislang: Grob beleidigende Kommentare lösche ich und blockiere die Nutzer. Alles andere lasse ich stehen.

Bringt diese ganze Arbeit was?
Ich lasse nicht zu, dass solche Leute mich in meinem Wohnzimmer beleidigen, weder virtuell noch in der Realität. Aber ich schaffe es auch nicht, das alles zu lesen. Und viele dieser Leute haben mehrere Konten und machen dann unter anderem Namen weiter. Einmal schrieb jemand: „Der Bullenknecht soll sich im Keller aufhängen.“ Ich sperrte den Nutzer. Daraufhin beschwerte der sich in einem anderen Facebook-Forum, er habe sachlich Kritik geübt und sei deswegen geblockt worden. Das soll sachlich gewesen sein?

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, ist MOPO- Kolumnist und erzählt jeden Sonnabend „Geschichten vom Meer“.

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