Lothar Buckow zieht einen Eimer mit trüben Elbwasser an Bord seiner „Elise“.
  • Lothar Buckow zieht einen Eimer mit trüben Elbwasser an Bord seiner „Elise“.
  • Foto: Florian Quandt

Wegen der Elbvertiefung?: Das große Stint-Sterben in der Elbe

Wedel –

Wenn Elbfischer Lothar Buckow früher zu dieser Jahreszeit seine Netze aus dem Wasser zog, dann zappelten darin abertausende von kleinen silbernen Fischchen – Stinte. Heute bleiben die Fanggeräte des 62-Jährigen so gut wie leer. Für den Fischer aus Jork ist klar: „Schuld daran ist die Elbvertiefung!“

Mit einem Eimer in der Hand tritt Lothar Buckow an die Reling seiner „Elise“. Er seilt den Plastikbehälter hinab, lässt ihn voll laufen und zieht ihn wieder hoch. Das Wasser im Eimer ist trübe. „Stinte mögen nicht durch verschlicktes Wasser schwimmen“, erklärt der Fischer.

Lothar Buckow mit Eimer

Lothar Buckow zieht einen Eimer mit trüben Elbwasser an Bord seiner „Elise“.

Foto:

Florian Quandt

Eigentlich hat der Stint gerade Hochsaison. Zwischen Januar und Ende März kommen die Fische zum Laichen die Elbe herauf. Beste Fangzeit also für Menschen wie Lothar Buckow, die vom Verkauf der Hamburg-typischen Delikatesse leben. Buckows Rekord waren sieben Tonnen Stint an einem Tag. Das war 1996. Vor zehn Jahren fing er pro Tag im Durchschnitt 500 Kilo. Vergangene Woche waren es gerade einmal 15 Kilo. Der absolute Tiefstand.

Elbe: Fischlarven kommen bei Baggerarbeiten zu Tode

Buckow sieht einen klaren Zusammenhang zwischen den Baggerarbeiten in der Elbe und dem Rückgang des Stints. Nicht nur wegen der aufgewirbelten Sedimente, sondern zusätzlich, weil Fischlarven dabei zu Tode kommen. Auch für das Aktionsbündnis Lebendige Tideelbe aus BUND, NABU und WWF ist der „Zusammenbruch des Stint-Bestandes ein dramatisches Warnsignal zum Zustand des Flusses“, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Buckow mit Umweltverbänden

Unterstützung von den Umweltverbänden: Lothar Buckow mit Malte Siegert (NABU), Freya Duncker (WWF) und Manfred Braasch (BUND)

Foto:

Quandt/ Florian Quandt

„Der Stint ist der Brot-Fisch der Elbe“, betont Manfred Braasch vom BUND. Heißt: Der Stint ist die Nahrungsgrundlage auch für andere Lebewesen in und an der Elbe. Fische wie Vögel. Wenn es dem Stint schlecht geht, geht es der Elbe schlecht. Das besagt schon eine alte Fischer-Weisheit. „Ganze Öko-System-Ketten drohen zusammenzubrechen“, warnt auch Malte Siegert vom NABU. Hier müsse schnell gehandelt werden. Und was das bedeutet, bringt Beatrice Claus vom WWF auf den Punkt: „Sofortiger Stopp der Bagger-Arbeiten. Zumindest bis zum Abschluss der Laichzeit Ende März.“

Hamburg Port Authority: Elbe so sauber wie nie

Die Interessen der Fischer und der Umweltverbände stehen schon lange im Widerspruch zu denen der Hafenwirtschaft. Für Jens Meier, Chef der Hamburg Port Authority, ist der inzwischen wissenschaftlich bestätigte Rückgang des Stint ein saisonales Phänomen. Erst am Montag hatte Meier auf einer Pressekonferenz betont: „Die Elbe ist so sauber wie noch nie!“

Ein von der Stadt vor fast einem Jahr angekündigtes Monitoring-Programm für den Stint lässt weiter auf sich warten. Lothar Buckow braucht das gar nicht. Er kennt die Elbe wie seine Overall-Tasche. „Seit acht Jahren geht es bergab mit dem Stint.“ Genau in dieser Zeit haben auch die Baggerarbeiten zugenommen. Allein im vergangenen Jahr stieg die aus der Elbe entnommene Schlickmenge laut einem Senatsbericht im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zehn Prozent auf rund 7,8 Millionen Kubikmeter.

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Für Buckow ist das alles ein Irrsinn: „Der Schlick wird in der Nordsee verklappt und wird dann mit der Tide wieder zurück in die Elbe gespült. Jedes Jahr müssen 800 Millionen Euro in die Hand genommen werden, um die Elbe tief zu halten. Das ist auch ein Betrug am Steuerzahler.“

Elbfischer Lothar Buckow

Fischer mit Leib und Seele: Lothar Buckow (62) aus Jork.

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Quandt/ Florian Quandt

Lothar Buckow und seine Frau haben rechtzeitig reagiert. 2006 haben sie in Jork ihr eigenes Fischgeschäft mit Bistro aufgemacht, in dem sie neben Stint auch Aal verkaufen. Buckow: „Wenn wir das nicht hätten, hätte ich die Fischerei längst aufgegeben.“

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