3. Mai 1945: Kein Schuss fällt, als britische Panzer in die Stadt rollen. Hier zu sehen sind die Elbbrücken, die damals ein neugotisches Portal hatten. Der Krieg ist für Hamburg zu Ende.
  • 3. Mai 1945: Kein Schuss fällt, als britische Panzer in die Stadt rollen. Hier zu sehen sind die Elbbrücken, die damals ein neugotisches Portal hatten. Der Krieg ist für Hamburg zu Ende.
  • Foto: Imperial War Museum

Vor 75 Jahren : So verlief das Kriegsende in Hamburg

Vor 75 Jahren, im Frühjahr 1945, ist jedem – und mag er ein noch so verblendeter Nazi sein – längst klar, dass der Krieg verloren ist. Sinnlos werden 16-, 17-Jährige dazu verdonnert, sich den alliierten Truppen entgegenzuwerfen und zu sterben, während die lokalen Parteibonzen aus Angst, für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden, Spuren verwischen und lästige Zeugen beseitigen. Die MOPO rekonstruiert die letzten Wochen vor Kriegsende.

Karl Kaufmann, Hamburgs Gauleiter und Reichsstatthalter, hat allen Grund, sich Sorgen darüber zu machen, was aus ihm nach einer Niederlage wird. Er hat große Schuld auf sich geladen, etwa als er 1941 Diktator Adolf Hitler bittet, mit der Deportation der Juden aus der Stadt beginnen zu dürfen. Er schickt Tausende in den Tod, weil er für ausgebombte „arische“ Bürger Wohnraum braucht.

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Reichs­statt­hal­ter Karl Kaufmann wurde nie für seine Ver­bre­chen bestraft.

Foto:

bpk

Mai 1945: So verlief das Kriegsende in Hamburg

Als britische Bomber Hamburg im Sommer 1943 in Schutt und Asche legen, reift in Kaufmann die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Er beginnt damit, sich auf eine Zeit nach Hitler vorzubereiten. Im Duvenstedter Brook, den er seit 1939 auf Steuerzahler-Kosten zu einem Privatdomizil hat ausbauen lassen, hortet er ungeheure Mengen an Genussmitteln, darunter 1000 Flaschen Wein und Spirituosen – auf dem Schwarzmarkt so wertvoll wie Gold. Wäre doch ärgerlich, wenn all das bei einem Großangriff der Alliierten zerstört werden würde …

Um seine eigene Haut zu retten, erwägt er, den Befehl des „Führers“, die „Festung Hamburg“ müsse bis zum letzten Mann verteidigt werden, zu missachten und die Stadt kampflos zu übergeben. Er will als Retter Hamburgs gelten, als guter Nazi. Da passt allerdings das KZ Neuengamme, die Hölle auf Erden am östlichen Stadtrand, nicht so recht ins Bild.

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Kom­man­dant des KZ Neu­en­gam­me: Max Pauly (1907-1946) wurde zum Tode ver­ur­teilt und erhängt.

Foto:

The National Archives

Deshalb beginnt Lagerkommandant Max Pauly damit, Karteien und Hinrichtungsakten zu vernichten, Exekutionsstätten unkenntlich zu machen. Ab Ende März werden die 58 Außenlager, die über ganz Norddeutschland verstreut sind, geräumt. Am 14. April, einem Sonnabend – die Briten sind nur noch 70 Kilometer von Hamburg entfernt – geht er daran, auch die Insassen des Hauptlagers fortzuschaffen. „Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes fallen!“, so der Befehl von Reichsführer-SS Heinrich Himmler.

Ein Teil der Gefangenen wird in völlig überfüllten Güterwaggons abtransportiert. Die Züge fahren tagelang hin und her. Nahrung und Wasser gibt es kaum. Andere Häftlinge werden auf Todesmärsche geschickt: Wer zusammenbricht oder nicht Schritt hält, wird erschossen. Wer die Qualen überlebt, landet im Kriegsgefangenenlager Sandbostel bei Bremervörde oder dem KZ Bergen-Belsen, wo Tausende kurz vor und auch noch nach der Befreiung an Unterernährung sterben.

Luftaufnahme Neuengamme

KZ Neuengamme (Luftaufnahme): Von 105.000 Häftlingen sterben rund 50.000.

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MOPO-Archiv

„Thielbek“, „Cap Arkona“ : Schiffe werden zu schwimmenden KZs

Da zur Räumung des Hamburger Hauptlagers kein Ausweichlager mehr zur Verfügung steht, beschlagnahmt Karl Kaufmann den in Lübeck vor Anker liegenden Luxusliner „Cap Arcona“ und den Frachter „Thielbek“ und verwandelt die Schiffe in schwimmende KZ. Halb verrückt vor Durst liegen 9000 Häftlinge in ihren eigenen Exkrementen in den Laderäumen.

Zur selben Zeit kommt es zum vielleicht furchtbarsten Verbrechen in Hamburgs Geschichte: Im November 1944 sind 20 jüdische Kinder für medizinische Versuche nach Neuengamme gebracht worden – der Mediziner Dr. Kurt Heißmeyer infiziert sie mit Tuberkulose-Bakterien. Am Freitag, 20. April 1945, kommt der Befehl aus Berlin: „Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen!“ Am selben Abend bringt die SS die Kinder zur Volksschule am Bullenhuser Damm in Rothenburgsort und erhängt sie im Heizungskeller. Anschließend werden dort auch alle KZ-Häftlinge, die von den medizinischen Versuchen wissen – zwei französische Mediziner, zwei niederländische Pfleger und 24 sowjetische Kriegsgefangene – ermordet. Die Leichen der Kinder wie der Erwachsenen werden eingeäschert, die Asche an unbekannter Stelle verstreut.

Kinder vom Bullenhuser Damm Morgenstern

Jacqueline Morgenstern war erst 13, als sie getötet wurde. 

Foto:

KZ Gedenkstätte Neuengamme

Und noch mehr geschieht an diesem 20. April 1945: Vor dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel fährt ein Lkw vor und holt die letzten 71 Gefangenen ab – die, die als besonders gefährlich gelten – und bringt sie zum KZ Neuengamme. Zwei Tage später müssen die Frauen nackt und zu sechst in den schmalen Gang des Arrestbunkers treten, wo sie an einem unter der Decke befindlichen Balken gehängt werden.

KZ Neuengamme

Arrestbunker im KZ Neuengamme: Im Gang zwischen den Zellen wurden weibliche Gefangene erhängt. 

Foto:

MOPO-Archiv

Als auch die Männer getötet werden sollen, kommt es zum Aufstand. Die Todeskandidaten schlagen einen SS-Mann nieder, erbeuten eine Pistole. Daraufhin setzt die SS Handgranaten und Maschinenpistolen ein. Wer überlebt, wird in der folgenden Nacht durch Schüsse in den Hinterkopf umgebracht.

Die Leichen werden verbrannt, die Liste mit den Namen vernichtet, sodass heute die Identität nur der wenigsten gesichert ist: darunter einige Mitglieder antifaschistischer Widerstandsgruppen – und die Theater-Schauspielerin Hanne Mertens. Sie hat auf einer privaten Feier das Lied „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“ angestimmt, aber die nächste Zeile des Textes geändert in: „zuerst Adolf Hitler und dann die Partei“. Das war ihr Todesurteil.

Drei Männer heben die weiße Fahne, als die Briten kommen

Eine Woche später: Am Sonntag, 29. April, geschieht etwas, das für den Fortgang der Geschichte von immenser Bedeutung ist. Drei Männer gehen mit einer weißen Fahne über die Bremer Chaussee bei Appenbüttel auf die britischen Linien zu. Es sind Albert Schäfer, Dr. Hermann Burchard und Leutnant Otto von Laun. Schäfer ist Chef des Phoenix-Gummi-Werks in Harburg, das bei britischen Artillerieangriffen mehrfach getroffen worden ist. Burchard leitet das Lazarett, das sich in den Kellern des Werks befindet. Leutnant von Laun ist als Dolmetscher dabei. Die drei wollen die Engländer bitten, im Interesse der Lazarett-Insassen das Werk zu verschonen.

Albert Schäfer

Albert Schäfer (Foto), Hermann Burchard und Leutnant Otto von Laun hatten einen großen Anteil daran, dass Hamburg nicht restlos zerstört wurde. Sie näherten sich mit weißer Fahne den bri­ti­schen Truppen und leiteten Ver­hand­lun­gen ein, die zur kampf­lo­sen Übergabe der Stadt führten.

Foto:

Staatsarchiv Hamburg

Bei Lürade treffen die Männer auf englische Posten, werden festgenommen und in das Lokal „Hoheluft“ in Meilsen bei Buchholz gebracht, damals ein britisches Offizierskasino. Captain Tom Lindsay, im Privatleben Musikprofessor in Oxford, empfängt die drei freundlich und sagt ihnen zu, das Lazarett künftig nicht mehr anzugreifen.

Aber Lindsay will noch mehr. Er fordert die Männer auf, den Machthabern in Hamburg einen Brief des britischen Befehlshabers Lewis O. Lyne zu überbringen. Schäfer ist dazu bereit. Das Schreiben wird im Absatz seines Schuhs versteckt – denn findet die SS es bei ihm, würde er als Spion sofort erschossen.

In dem Brief fordert Lyne im Namen der Menschlichkeit die kampflose Übergabe der Stadt und droht damit, Hamburg andernfalls auszuradieren. Als Gauleiter Karl Kaufmann einige Stunden später diese Zeilen liest, lächelt er zufrieden. Das ist die Gelegenheit, auf die er gewartet hat.

Am 30. April 1945 begeht Adolf Hitler Selbstmord

Am Montag, 30. April 1945, begeht Adolf Hitler Selbstmord. Kaufmanns Hoffnung, dessen Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz, werde einer kampflosen Übergabe Hamburgs zustimmen, erfüllt sich nicht. Im Gegenteil, Dönitz will, dass die Stadt weiter Widerstand leistet.

In dieser Situation passiert ein Fehler, der folgenschwer hätte sein können: Am 2. Mai – 24 Stunden früher als beabsichtigt – wird in einem Schaukasten am Gänsemarkt eine Sonderausgabe der „Hamburger Zeitung“ ausgehängt, in der Kaufmann die Kapitulation ankündigt. Es kommt zu einem lautstarken Telefonat zwischen Dönitz und Kaufmann – an dessen Ende Dönitz nachgibt. In einem Fernschreiben, das zwischen 16 und 17 Uhr in der Kommandozentrale an der Rothenbaumchaussee eintrifft, befiehlt der Großadmiral die kampflose Räumung Hamburgs.

Am 3. Mai 1945 rollen Panzer über die Elbbrücken

Noch am selben Abend kommen Hamburgs Kampfkommandeur General Alwin Wolz und der britische General Lyne im Gasthaus „Zum Dorfkrug“ in Klecken zusammen und handeln die Kapitulation aus. Am Tag darauf – es ist der 3. Mai 1945 – rollen englische Panzer über die Elbbrücken. Kein Schuss fällt. Um 18.25 Uhr stehen alliierte Kampftruppen vor dem Rathaus. Für Hamburg ist das Morden seit diesem Donnerstag vorbei.

In der Neustädter Bucht aber sterben am selben Tag viele Tausend Menschen: 200 britische Flugzeuge fliegen ihren letzten Großangriff über der Ostsee, machen Jagd auf Schiffe, mit denen sich deutsche Truppenteile abzusetzen versuchen. Dabei greifen die Typhoon-Kampfflugzeuge auch die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“ an. Der Fliegerstaffel ist nicht bekannt, dass sich KZ-Häftlinge an Bord befinden. Die „Thielbek“ sinkt innerhalb von 20 Minuten, die „Cap Arcona“ steht vom Bug bis zum Heck in Flammen. Wer es von den Gefangenen bis nach draußen schafft, springt ins eiskalte Wasser. Die, die nicht ertrinken, werden am Strand von SS und Marinesoldaten erschossen. 6600 Menschen sterben.

Britische Soldaten stehen vor dem KZ Neuengamme

Tags darauf, am 4. Mai 1945, stehen britische Soldaten vor dem Tor des KZ Neuengamme. Andere Konzentrationslager haben die Briten in furchtbarem Zustand vorgefunden, etwa Bergen-Belsen, wo sich die Leichen stapelten und wo überall bis auf die Knochen abgemagerte Halbtote apathisch in den Ecken kauerten. In Neuengamme: nichts davon. Ein riesiges Areal mit Baracken, besenrein und menschenleer. Kein Hinweis darauf, dass hier in sieben Jahren 50.000 Menschen gestorben sind.

Hamburgs KZ wird wenig später zum alliierten Internierungslager für Nazi-Täter. Auch Karl Kaufmann ist dort eingesperrt. Viele NS-Verbrecher aus Hamburg werden 1946 von den Briten zum Tode verurteilt und hingerichtet: KZ-Kommandant Max Pauly beispielsweise.

Ausgerechnet der mächtigste Nazi von allen muss sich nicht einmal vor Gericht verantworten. Kaufmann stirbt 1969 als „ehrbarer Geschäftsmann“. Die Legende vom guten Nazi, der die Stadt gerettet hat, hält sich noch lange. Dabei ist Kaufmann von allen Bonzen in der Stadt derjenige, der die größte Schuld auf sich geladen hat.

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