Im Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ zerschneidet Eva Mattes ein Schwein.
Im Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ zerschneidet Eva Mattes ein Schwein.
  • Ran an die Sau: Vorne werkelt Eva Mattes, im (hoho!) Hintergrunz tanzen die Schweine.
  • Foto: Matthias Horn

Corona-Stück in Hamburg: Von Schweinen, Seuchen und Superspreadern

Ausgedrucktes Ticket? Eingesteckt. Tagesaktuelles Schnelltestergebnis? Sicher. Ausweis? Klar. Luca-App? Bereit! FFP2-Maske? Sowieso. Die Vorbereitung auf den Theaterbesuch gleicht der auf eine kleine Expedition. Aber nicht ins Unbekannte, sondern ins Altbewährte: Nach sieben Monaten öffnet das Schauspielhaus wieder seine Türen.

„Alles ist anders und doch gleich“, lautet es später auf der Bühne. Und dies ist auch das vorherrschende Gefühl an diesem großen Premierenabend: große, aber vorsichtige Freude. So wie bei der Begegnung mit einer verloren geglaubten Freundin. Dafür erdulden alle ohne Murren die Sicherheitsvorkehrungen und Einschränkungen. Im großen Saal verteilen sich gut 250 Zuschauer:innen, weniger als ein Viertel der vollen Kapazität.

Zur Premiere Anfang Juni 250 Zuschauer erlaubt – inzwischen mehr

Ausnahmesituation! So wie die vergangenen anderthalb Jahre. Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat die Coronazeit mit ihrem berüchtigten Textkompressor verarbeitet. Herausgekommen ist „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“, das von Intendantin Karin Beier zur Uraufführung gebracht wird. Die ersten 20 Minuten bleibt der Saal dunkel, und es ist nur das titelgebende Stimmengewirr zu hören: Mahnungen, Meinungen, Märchen aus Politik, TV-Shows, Wissenschaft oder Querdenkertum.

Für die folgenden drei Stunden ihrer Tour durchs Coronaland haben Jelinek und Beier einen schweren Rucksack mit vielen Themen und Motiven gepackt. Die Superspreader-Party von Ischgl im letztjährigen Frühjahr verschmilzt mit der Circe-Episode aus der Homer-„Odyssee“, in der die reisenden Gefährten in Schweine verzaubert werden.

Ausnahmesituation! Darsteller spielen zwischen Gummipuppen und Schweinehälften

Zwischen Gummipuppen und Schweinehälften, hölzernem Alpenhof und Schlachtfabrik, Blasmusik-Disco und Amazon-Paketen stellen die acht Darsteller:innen und drei Musiker in der Inszenierung Stimmen und Stimmungen rund um das Virusgeschehen aus. Eine Herausforderung auch für das pandemiemüde Publikum: Der Stoff ist leider noch sehr nah am eigenen Alltag dran, und der Abend hat ein paar Längen. Doch trotz aller Mühen ist beim Schlussapplaus spürbar: Schön, dass es wieder losgeht!

Schauspielhaus: 19./20./23./24.6., 19.30 Uhr, 15-74 Euro, Tel. 24 87 13

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