Hat seine Lebensgeschichte zu einem Buch verarbeitet: Hinz und Kunzt-Verkäufer Jörg Petersen (49).
  • Hat seine Lebensgeschichte zu einem Buch verarbeitet: Hinz und Kunzt-Verkäufer Jörg Petersen (49).
  • Foto: Quandt

Vom Obdachlosen zum Autor: So schaffte Jörg Petersen (49) den Weg zurück ins Leben

Wenn man Jörg Petersen heute begegnet, strahlen seine blauen Augen und das verschmitzte Lächeln verschwindet fast nie aus seinem Gesicht – eigentlich nur, wenn er über seine Vergangenheit spricht. Denn das Leben hat es dem 49-Jährigen nicht immer leicht gemacht, jahrelang lebte Petersen auf der Straße. Inzwischen blickt er aber positiv in die Zukunft, hat ein Buch über die schwere Zeit geschrieben und darüber, wie er es geschafft hat, von ganz unten wieder nach oben zu kommen.

Wenn er auf seine Kindheit zurückblickt, weiß Petersen genau, wie seine Probleme anfingen. Als ältester von drei Jungen wuchs er in einem kleinen Ort in Ostfriesland auf. Das Verhältnis zu seinem Vater war nicht gut – Petersen drückt sich vorsichtig aus: „Bei jedem Bisschen hat er anders reagiert, als sonst ein Vater reagieren sollte“.

Wenn er über seinen Vater spricht, vergeht ihm das Lächeln. Der ständige Druck zu Hause hatte Auswirkungen auf sein ganzes Leben, schlechte Leistungen in der Schule machten die Situation noch prekärer. Nie habe er gelernt, sich selbt wertzuschätzen, die Angst, zu Versagen, begleitete ihn ständig, rekapituliert der 49-Jährige.

„Als ich 18 war, wollte ich einfach nur noch weg. Ich hatte für mich keine Perspektive. Ich wusste auch selber nicht was ich wollte, weil alles, was ich machte, immer als verkehrt deklariert wurde“. Schließlich landete er das erste Mal auf der Straße.

Kein Halt, keine Perspektive: Petersen war mit 18 Jahren schon obdachlos

Als Volljähriger zog Petersen erst quer durch Deutschland, war dann eine Zeit lang Tellerwäscher auf Sylt, schloss sich später einer Drückerkolonne an. Eine Wohnung hatte er nicht. Nach einigen Jahren mit wechselnden Jobs und Unterkünften in Berlin entschied sich Petersen schließlich, nach Hamburg zu kommen. Ohne Perspektive zog er wieder auf die Straße, machte nun in der windigen Hansestadt Platte.

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Dann hatte er das erste Mal Glück: Ein Mann, der ihn auf der Straße ansprach, bot ihm ein Zimmer an. Alles schien bergauf zu gehen – endlich eine Unterkunft, es folgte ein fester Job als Postbote. Sogar eine eigene Wohnung bezog der heute 49-Jährige.

Doch nach einigen Jahren holte ihn die Vergangenheit wieder ein: Geringes Selbstwertgefühl, falsche Freunde und mangelnder Rückhalt trieben Petersen in die Spielsucht und er verlor alles, was er sich aufgebaut hatte. Mit 37 Jahren wurde er wieder obdachlos.

Durch „Hinz und Kunzt“: „Ab Hittfeld wurde alles gut“

Der endgültige Wendepunkt kam erst viel später, als Petersen begann, das Hamburger Straßenmagazin „Hinz und Kunzt“ zu verkaufen. Seinen festen Verkaufs-Standort bekam er in Hittfeld. „Ab Hittfeld wurde alles gut“ sagt der heute 49-Jährige rückblickend.

Seine „Hinz-und-Kunzt-Familie“, wie er sie nennt, kam in sein Leben, Stammkunden schlossen den Magazin-Verkäufer in ihre Herzen, brachten ihm warmen Kaffee, Kleidung und unterhielten sich mit ihm. Wieder wurde ihm ein Zimmer angeboten und er zog bei einer älteren Dame ein, die er in ihrem Alltag unterstützen konnte.

Endlich hatte Petersen das Gefühl, etwas zu können und gebraucht zu werden, das innige Verhältnis mit seinen Stammkunden und den Mitarbeitern bei Hinz und Kunzt gab ihm die Gewissheit, nicht allein zu sein. „Diese Hilfe ist eigentlich die Größte: wenn man weiß, es wäre jemand da“. Sogar den Kontakt zu seiner Mutter und einem Bruder baute er wieder auf – sein Vater und der andere Bruder waren in der Zwischenzeit verstorben.

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Wenn Petersen vom seinem Leben erzählt, wird schnell klar, warum er es schließlich doch schaffte, sich aus dem Abwärts-Strudel zu befreien, der ihn so lange festgehalten hatte. Nie habe er in all der Zeit seine positive Einstellung und Willenskraft verloren oder sich in Alkohol- oder Drogenkonsum geflüchtet. Auch Kunden hätten ihm angesehen, dass er nicht aufgeben wolle, erzählt er. „Die haben dann gesehen: der will das, der will da wieder rauskommen.“ Und dann halfen sie, wo sie konnten.

Jörg Petersen bleibt den Menschen im Kopf, seine Stammkunden vermissen ihn, sobald er einen Tag nicht da ist, erzäht er, und jeder sei daran interessiert, dass er nicht wieder auf der Straße lande. „Ich hab dann immer überall Hilfe gekriegt. Nicht weil ich danach gefragt habe. Die Leute kamen an und haben gefragt, ob sie mir einen Kaffee ausgeben können oder ob ich genug zum Anziehen habe“.

Es geht nur noch bergauf: „Das wird jetzt mein Jahr“, strahlt Petersen

Inzwischen hat Petersen eine feste Bleibe, verkauft seit 8 Jahren die Hinz und Kunzt und hat nun gemeinsam mit der Autorin Karin Brose, einer seiner Kundinnen, sogar ein Buch veröffentlicht.

In „Ich seh` den Himmel … aber die Straße bleibt im Kopf“ schreibt Petersen über sein Leben, die Zeit auf der Straße und setzt sich auch Ziele für die Zukunft. Seine Ausbildung zum Alltagsbegleiter hat er vergangenes Jahr abgeschlossen, zahlreiche Bewerbungen für einen Beruf als Altenpfleger hat er verschickt – im Mai oder spätestens November sollte das klappen, meint Jörg. „Ich bin da positiv eingestellt“. Sogar die Aussicht auf eine eigene Wohnung in naher Zukunft besteht: Der Mietvertrag soll aufgesetzt werden und muss dann nur noch vom Amt bewilligt werden.

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Petersen ist es wichtig, anderen zu helfen – einerseits als Altenpfleger, andererseits als Botschafter für die, die in der gleichen Situation sind wie er früher. Sein Wunsch: Auch andere Obdachlose sollen es von der Straße schaffen und wieder zurück ins Leben finden. Außerdem setzt sich der 49-Jährige für eine ganztägige Öffnung des Winternotprogramms ein. In einem Video gibt der 49-Jährige außerdem Tipps für das harte Leben auf der Straße.

Video: Street-Life-Hacks mit Jörg Petersen

Mit seinem Buch möchte Petersen auch die Meinung der Menschen über Obdachlose ändern. „Auch Hinz & Kunzt-Verkäufer können etwas anderes. Sie stehen nicht nur da und halten die Zeitung hoch, sondern mit denen kann man sich unterhalten, jeder hat etwas erlebt oder hat Hobbys“, so der 49-Jährige. Er erhoffe sich mehr Verständnis für Obdachlose: „Wenn man da mehr Wertschätzung zeigt, hat man der Menschheit auch schon geholfen.“

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