• Polizisten der Drogen-Taskforce an der Hafenstraße (Archivfoto).
  • Foto: Sun

Strategie gescheitert!: Hamburg braucht ein neues Anti-Drogen-Konzept

Als ich neun Jahre alt war, saß nach der Schule plötzlich ein junger Mann in unserer Küche. Meine Oma hatte ihn am Bahnhof in Altona kennengelernt. Er nannte sich Kukumba, hatte keine Familie mehr, sprach kein Wort Deutsch, ein paar Brocken Englisch und war aus Westafrika geflohen. Meine Großmutter kümmerte sich fortan um ihn.

Mit der Zeit war Kukumba zunehmend frustriert. Der Grund waren die ständigen Kontrollen, die er erlebte. Saß er am Steuer, so berichtete Kukumba, habe ihn die Polizei mindestens einmal pro Woche rausgewinkt. Da er in St. Georg wohnte, wurde er auch dort regelmäßig gefilzt. Nüchtern betrachtet stand er als dunkelhäutiger Mann unter Generalverdacht: Drogendealer.

Julian König (35), stellvertretender Lokalchef, hält die Anti-Drogen-Strategie der Stadt Hamburg für untauglich.

Julian König (35), stellvertretender Lokalchef, hält die Anti-Drogen-Strategie der Stadt Hamburg für untauglich.

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Quandt

Mich frustriert, dass wir rund 25 Jahre später in der Anti-Drogenstrategie noch immer nicht weiter sind. Nach wie vor – so zumindest der Eindruck, der entsteht – werden die Kleindealer öffentlichkeitswirksam bekämpft, Menschen mit dunkler Hautfarbe („Racial Profiling“) stigmatisiert, während Tonnen Kokain unentdeckt durch die großen Häfen geschleust werden. Weiterhin wird so getan, als ob nur die harte Hand des Gesetzes irgendwas daran ändern würde, dass Menschen zu Drogen greifen.

Ich halte diese Strategie, die in Hamburg vor allem rund um die Hafenstraße angewendet wird, für gescheitert.

Erstens: Anstatt die Möglichkeiten des kontrollierten Anbaus von Marihuana – und darum geht es meistens – zu diskutieren, antwortet die Politik mit der Jagd auf Kleindealer. Auf Menschen, die häufig aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit der Tätigkeit nachgehen und die für die Hintermänner beliebig austauschbar sind.

Zweitens – und den Punkt halte ich für noch elementarer: Wir müssen uns dringend darüber klar werden, welche Gesellschaft wir sein wollen. Eine, die mit verschiedenen Modellen ausgrenzt, stigmatisiert, abschiebt? Oder eine, die versucht zu integrieren: In der ein Spüler, der vielleicht keine gültige Arbeitserlaubnis besitzt, sich aber trotz großer eigener Not für eine ehrliche Arbeit entschieden hat, dennoch gefördert wird, weil er sich einbringt, den Versuch wagt, sich eine neue Existenz aufzubauen?

Ich hoffe, dass wir nicht weitere 25 Jahre benötigen, um auf die richtige Antwort zu kommen. Und dass wir irgendwann an den Punkt gelangen, an dem Kukumba und andere nicht Bereiche in der Stadt meiden müssen, um nicht stigmatisiert zu werden.

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