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Soll der Eiserne Kanzler fallen?: Der Streit um Hamburgs Bismarck-Denkmal

Der weltweite Protest gegen Rassismus und seine Repräsentanten hat nun endgültig  Hamburg erreicht. Im Visier der Denkmalstürmer: Otto von Bismarck, der „Eiserne Kanzler“, dessen monströses Monument am Millerntor aufwendig saniert wird. Dagegen, dass dafür viele Millionen Euro aufgewendet werden, demonstrierten kürzlich 120 Bürger. Soll Bismarck fallen? Ein Hamburger Pastor und ein Ex-MOPO-Redakteur schreiben, wie sie das sehen.

„Geht fair mit Otto um!“

Da stehst du nun, alter Mann, dein Blick verliert sich elbabwärts im Nichts. 625 Tonnen Granit, das Schwert in der Hand in Feldherrnpose verharrend – Otto von Bismarck gibt den Hamburgern Rätsel auf: Was anfangen mit diesem 34 Meter hohen Koloss zwischen St. Pauli und der Neustadt, an dem sich seit 115 Jahren Wind und Wetter austoben?

Neun Millionen Euro würde die Sanierung kosten. Für eine reiche Stadt wie Hamburg sind das Peanuts. Das Thema wäre eigentlich keine Zeile wert, gäbe es gegen die Sanierung nicht politischen Gegenwind, gespeist vom Zeitgeist des Denkmalssturms, der sich gerade zum Orkan auswächst.

Was also anfangen mit diesem hässlichen Denkmal, das ein bisschen aussieht, als wäre es schon einmal heruntergefallen und dann laienhaft wieder zusammengeklebt worden? Zwei Initiativen – „Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg“ und „Decolonize Bismarck“ – fordern die Hansestadt dazu auf, die Arbeiten am einsturzgefährdeten Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark zu stoppen. Die Alternative zur Instandsetzung wäre die Zerstörung.

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2015: Die Industriekletterer Sascha Hamann (l.) und Christian Schmidt montieren anlässlich des Architektursommers 2015 einen Steinbock auf den Kopf des Bismarckdenkmals in Hamburg. 

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Also weg mit dem alten Plunder? Zunächst sollte man sich ohne Schaum vorm Mund mit der historischen Rolle Otto von Bismarcks auseinandersetzen. Und die ist wesentlich ambivalenter als vielfach bekannt. Es gibt historische Figuren – Paul von Hindenburg zum Beispiel, Totengräber der Weimarer Demokratie und Wegbereiter Hitlers –, die gehören tatsächlich auf den Müllhaufen der Geschichte. An Hindenburg ist nichts positiv, genauso wenig wie am „Verteidiger“ Deutsch-Ostafrikas, Paul von Lettow-Vorbeck, dem Luftschiff-Erfinder Graf Zeppelin oder dem einst in China aktiven Generalfeldmarschall Alfred Graf von Waldersee.

Doch Bismarck? Es sind vor allem drei Grundsätze, die sein politisches Erbe bis heute prägen und seine Lebensleistung zumindest etwas aufhellen. Bismarck war eben kein eindimensionaler Anhänger kolonialer Expansion. Als sich deutsche Kaufleute zunächst in der Südsee und dann im Westen und Süden Afrikas Gebiete aneigneten, verweigerte er Schutzbriefe des Reiches und ließ sie auf eigenes Risiko agieren. „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa“, soll er gesagt haben. Bis er dem gesellschaftlichen Druck, im Parlament von Parteien vertreten und in der Gesellschaft durch gegründete Kolonialvereine, nachgab. Und dann die berüchtigte Kongo-Konferenz in Berlin einberief, auf der die Europäer Afrika neu verteilten.

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Womit wir gleich beim zweiten „bismarckschen Erbe“ sind: Er wollte in jedem Fall deutsche Alleingänge vermeiden und plädierte für Bündnisse und Abkommen mit konkurrierenden Staaten Europas. Er schien zu ahnen, dass ein isolationistisches Deutschland dem Untergang geweiht sei. Und geriet so nach 1888 in Widerspruch zum neuen Kaiser Wilhelm II., der den Reichskanzler aufs Altenteil schickte und früh die Weichen in eine Richtung stellte, die im Weltkrieg von 1914 endete.

Bismarck war zwar ein Sozialistenfresser und Initiator des Verbotes der SPD. Doch er hatte früh erkannt, dass die Situation der Arbeiter im Reich verbessert werden müsse. Also führte er ab 1883 eine gesetzliche Krankenversicherung, dann die Unfallversicherung und schließlich die Rentenversicherung ein und legte so die Fundamente für den heutigen Sozialstaat.

Kaum ein historischer Held ohne Schatten: Karl Marx wetterte gegen Juden und Schwarze und pöbelte in Briefen unter Verwendung des N-Worts gegen politische Gegenspieler. Immanuel Kant wird unterstellt, rassistische Stereotypen bedient zu haben. Doch heutige Maßstäbe taugen eben nur bedingt, wenn sie an historische Persönlichkeiten angelegt werden. Entscheidend ist, ob die historische Leistung der betreffenden Person aus heutiger Sicht eine Würdigung noch rechtfertigt oder ob die Schatten überwiegen. Und da muss man bei Bismarck fairerweise sagen, dass nicht das Schwert, auf das sich der 34 Meter hohe Granit-Bismarck im Alten Elbpark stützt, als Symbol seiner Lebensleistung in Erinnerung bleibt, sondern sein Gespür für die Notwendigkeit einer auf Frieden zielenden Diplomatie, seine Skepsis koloniale Bestrebungen betreffend und das von ihm gelegte Fundament einer modernen Sozialpolitik. Ich meine: Wir sollten ihn stehen lassen und uns lieber um die Straßen kümmern, die tatsächlich bessere Namenspatrone verdient hätten.

Harald Stutte (55) ist Historiker, war früher MOPO-Redakteur, arbeitet heute für das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

„Würdigt lieber August Bebel!“

Endlich ist die weltgrößte Bismarck-Statue im Zentrum Hamburgs ins Gerede gekommen, angestoßen durch die Bilder über Aktionen gegen die heroischen Denkmäler früher Exponenten von Kolonialismus und Sklaverei in England, Belgien und den USA.

Doch die Erwartung, dass die Hamburger Bürgerschaft und ihre rot-grüne Regierung sich für die längst überfällige kritische Veränderung des Bismarck-Denkmals einsetzen würden, trifft ins Leere. Im Gegenteil: Für ca. 10 Millionen Euro wird Otto von Bismarck  zurzeit im Innern einer großen Holzkiste aufwendig herausgeputzt. Dann soll der „Eiserne Kanzler“ in einer Kombination von Roland und Kriegsheld wieder zu Ehren kommen.

Als Zeichen seiner Politik- und Herrschaftsmethoden hält er ein großes Schwert bereit. Krieg war ein Mittel seiner Politik: Vor allem gegen Polen, Dänemark und Frankreich setzte er den deutschen Herrschaftsanspruch und die Gründung des Deutschen Reiches durch. Sein Kulturkampf richtete sich nicht nur gegen die katholische Kirche, sondern vor allem gegen das katholische Nachbarland Polen.

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Demonstration im Schatten des alten Bismarck: 120 Bürger forderten, das Denkmal abzureißen.

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Ziel war die Germanisierung im Zentrum Europas. Um deutsche Einflussnahme und deutsche Profite ging es dem Kanzler auch bei der von ihm einberufenen Kongo-Konferenz 1884, auf der die europäischen Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent zum Zweck von Ausplünderung und Herrschaft unter sich aufteilten und damit auch die Grundlagen für die deutsche Kolonialpolitik gelegt wurden. Trotz seiner anfänglichen Skepsis folgte Bismarck dabei dem Drängen Hamburger Kaufleute wie Adolph Woermann, die prächtige Gewinne machten.

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Auch in der Innenpolitik regierte Otto von Bismarck mit dem Schwert: Er verbot die sozialistischen Parteien und ließ ihre Mitglieder mit Massenverhaftungen und Ausweisungen verfolgen (In Hamburg residierte das zuständige Polizeipräsidium übrigens im Stadthaus.) Die gleichzeitige Einführung einer modernen Sozialgesetzgebung, die tatsächlich die Lage vieler Arbeiter verbesserte, war das Zugeständnis, um der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben.

Einer der Hauptfeinde des Reichskanzlers war August Bebel, damals Vorsitzender der  Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die sich 1890 in SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) umbenannte. August Bebel war 20 Jahre lang für Hamburg Mitglied des Reichstages. Ihm sind bis heute nur eine Straße und ein Park gewidmet.

Klar also, dass die Errichtung und Einweihung des Bismarck-Denkmals im Juni 1906 von heftigen Protesten der SPD und der Gewerkschaften begleitet wurde. Damals musste das Geld für die monumentale Krieger- und  Kanzlerstatue von den Hamburger Profiteuren der Kolonialpolitik aufgebracht werden.

Heute sorgt die SPD mit Unterstützung der CDU dafür, dass die Aufhübschung und Glorifizierung Bismarcks aus Steuergeldern finanziert wird. Sieht so die im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen beschworene „Verantwortung, das koloniale Erbe der Stadt weiter aufzuarbeiten“, aus?

Liebe Bürgerschaftsabgeordnete, besinnen Sie sich eines Besseren. Würdigen Sie  August Bebel statt Otto von Bismarck. Ganz nebenbei kann so auch vermieden werden, dass AfD-Höcke eine seiner nächsten Bismarck-Medaillen dem Hamburger Senat verleiht.

Ulrich Hentschel (69) war bis 2010 Pastor an der St. Johannis-Kirche in Altona, arbeitete als Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche. 

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