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  • Foto: Quandt

Schule in Zeiten von Corona: Hamburger Soziologin: „Der Fokus gilt den Eliten“

Alle sind von der Coronakrise betroffen – doch besonders darunter zu leiden haben Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Während Abiturprüfungen und Semesterstart verschoben werden, bleiben die Termine für den Hauptschulabschluss bestehen. Und das, obwohl Kinder aus bildungsferneren Milieus ungleich stärker benachteiligt werden, als Kinder der Mittelschicht. Die Soziologin Donya Golafshan von der „Mut Academy“ versucht zu helfen, doch das ist gar nicht so einfach.

Für Donya Golafshan und ihre Kolleginnen der „Mut Academy“ ist diese Zeit jetzt eigentlich die wichtigste Zeit des Jahres. In der Akademie werden 70 Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien auf den Hauptschulabschluss und eine anschließende Ausbildung vorbereitet. Ihr wichtigstes Werkzeug dabei sind die Camps, durch die sie den Nachwuchs für fünf Tage aus ihrem oft mit Problemen behafteten Umfeld holen.

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„Ein Camp mussten wir abbrechen, da ging es gerade richtig los mit dem Virus“, erzählt die 33-Jähriger der MOPO. Und die Betreuung fehle nun. „Wir arbeiten mit Jugendlichen, die noch ganz viel Begleitung brauchen. Und dann zu sagen: ‚Hier, setz‘ dich hin und arbeite online‘, das ist ein bisschen viel verlangt.“

Schule in Zeiten von Corona: „Der Fokus gilt den Eliten“

Für Golafshan ist klar, dass die ohnehin schon benachteiligten Kinder in einer solchen Zeit viel mehr von den negativen Auswirkungen der Allgemeinverfügung getroffen werden, als gleichaltrige aus gefestigteren Verhältnissen. Und in genau solch einer unsicheren Zeit sollen Prüfungen stattfinden? Das ist zumindest die Info, die Golafshan hat. „Einzelne Schulen sagen uns, dass die Prüfungen stattfinden“.

Skype-Gespräch Mut Academy.

Donya Golafshan (33, Links Oben) und ihre Kolleginnen von der „Mut Academy“ in einer Online-Besprechung.

Foto:

„Mut Academy“

Zwar hätten von ihren 70 Schülern nur zwei kein Internet zu Hause, doch Golafshan und ihre Kolleginnen haben bereits zehn Laptops verleihen müssen, damit die Jugendlichen von zu Hause aus arbeiten können. „Viele Schulaufgaben, Einkäufe, kleine Geschwister bespaßen, die Oma pflegen. Das sind Dinge, mit denen unsere Jugendlichen gerade konfrontiert sind.“ Da kommen das Lernen für den Schulabschluss und die Ausbildungsplatz-Suche schnell zu kurz.

Statt Schule: „Einkäufe, Geschwister bespaßen, die Oma pflegen“ 

„Ihre“ Jugendlichen seien darauf angewiesen, raus zu gehen, Freunde zu treffen, in den lokalen Sportverein zu gehen. Die Camps, in denen Golafshan und ihre Kolleginnen die Schüler fit für den Abschluss und die anschließende Suche nach einem Ausbildungsplatz machen, seien ein Versuch, die Jugendlichen aus ihrem oft Problem-behafteten Alltag herauszuholen. 

Schülerin Mut Academy.

Tanya (16) holt sich einen Leih-Laptop in der Akademie ab, um besser von zu Hause zu lernen.

Foto:

„Mut Academy“

„Jugendliche sagen uns teilweise, dass sie es zu Hause nicht aushalten, oder dass sie mit der Isolation nicht zurecht kommen“, sagt Golafshan. Dass unter der Situation die Leistungen einiger Schüler leiden, ist anzunehmen. Doch statt  Maßnahmen wie verschobenen Abitur-Prüfungen und verspätetem Semesterbeginn, ist Hilfe aus der Politik derzeit Fehlanzeige.

Hamburger Soziologin: „Lehrplan wird unverändert durchgezogen“

Golafshan kann das nicht verstehen: „Bei Abitur und Studium zeigt sich, dass reagiert wird, Schüler mit schlechten Noten werden aber vom Deutschen Lehrerverband aufgefordert, die Klasse zu wiederholen.“ Für die Soziologin ist klar: „Der Fokus gilt den Eliten“. Der Lehrplan werde bislang fast unverändert durchgezogen, es werde nicht flexibel genug gehandelt.

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Zwar gehört Home-Schooling eigentlich nicht zum Aufgabengebiet der „Mut Academy“, doch Donya Golafshan und ihre Kolleginnen überprüfen derzeit, ob und wie sie Schulunterricht für zu Hause auch für ihre Schülerinnen anbieten könnten. „Die Lehrer und Schulen müssten mehr Zeit bekommen, um sich neu zu strukturieren und zu gucken: Welche Inhalte kann man gerade bearbeiten? Wie kann man die Jugendlichen beschäftigen? Anstatt, dass sich die Jugendlichen alleine den Satz des Pythagoras beibringen müssen“.

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