Park Fiction Hamburg
  • Im „Park Fiction“ bleibt es am Freitag ruhig. Nur wenige Gruppen sind vor Ort.
  • Foto: Röer

Schanze und Kiez: Wie Hamburg sich ans Feiern herantastet

Vom Heiligengeistfeld wummern die Bässe über den Kiez, sie sind schon aus der Ferne zu spüren. Junge Hamburger:innen mit Bierkisten und Einkaufstüten begeben sich in Richtung des Platzes hinter dem Feldstraßenbunker. Auf der großen Betonwiese versorgt ein DJ die Menschen mithilfe eines Mischpults und großen Lautsprechern, aus denen Hip-Hop Beats ertönen, mit guter Laune – eine Szene, die Hamburgs Partysuchende seit Corona schmerzlich vermisst haben. Ausgehen, wild tanzen, feiern, sich betrinken – seit Wochen fallen in Hamburg nach und nach die Beschränkungen, die Leute zieht es wieder nach draußen und in die bekannten Szeneviertel.

Dabei uferte es an den Wochenenden zuletzt jedoch aus. Die Schanze wurde nach einem spontanen Rave vor zwei Wochen zum Hotspot erklärt. Die Politik hob mahnend den Zeigefinger. Es hagelte Kritik, es folgten Diskussionen und letztlich wurde ein Alkoholverbot für die Schanze erlassen. Auch an anderen Stellen der Stadt gab es Aktionen, um die Freiluft-Partys bloß nicht eskalieren zu lassen, in Ottensen fuhr gar ein Wasserwerfer der Polizei vor. So richtig feiern wie früher ist also weiterhin nicht möglich, ganz klar. Kann man trotzdem Spaß haben? Die MOPO hat sich ins Getümmel gestürzt.

Party in Hamburg trotz Corona – so läuft das Feiern jetzt

Schmink-Utensilien, die seit Monaten im Badezimmer vollstauben, kommen an diesem Freitagabend endlich wieder zum Einsatz. Schnell die Jogginghose gegen das Sommerkleid getauscht und auf geht es in Richtung Schulterblatt. Dort wird das Make-up, das eine halbe Stunde Badezimmer-Zeit in Anspruch genommen hat, direkt auf die Probe gestellt.

Maskenpflicht auf dem Schulterblatt.
Maskenpflicht auf dem Schulterblatt.

Große Schilder weisen Schanzengänger darauf hin, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Die schneeweiße FFP2-Maske drückt sich fest an die Rot- und Brauntöne im Gesicht. Jeweils zwei Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren an beiden Enden der Piazza auf dem Schulterblatt und erinnern Masken-Muffel daran, die Regel einzuhalten. Das Polizeiaufgebot erinnert an Fußballspiele am Millerntor. Allein zwei große Einsatzfahrzeuge stehen auf den Parkplätzen der Piazza und zeigen den Besuchern: Wir sind da.

Wer in der Schanze feiern will, braucht einen Sitzplatz

Schnell ist klar: Wer es sich heute in der Schanze nett machen will, der braucht einen Sitzplatz. Möglichst mit Tisch. Es ist voll und alles besetzt. Die Außenbereiche platzen aus allen Nähten. Die Polizei wird später zu Protokoll geben, dass sich die Leute alles in allem aber an die Regeln gehalten haben. Auch am Samstag. Etwas anders sei es in den Parks gewesen, wo sich teilweise Hunderte Jugendliche versammelt haben, es so sehr krachen ließen, dass die Polizei eingegriffen hat.

Hier am Schulterblatt kontrolliert neben der Polizei vor allem die App Luca, wer so alles unterwegs ist. Ohne geht Ausgehen derzeit nicht. Kurz einchecken, dann kann bestellt werden. So soll eine mögliche Kontaktverfolgung bei einem Coronafall erleichtert werden. Es stört ehrlicherweise nicht wirklich und geht schnell.

Die Kellner:innen haben gut zu tun, eilen von Tisch zu Tisch und arbeiten die zugerufenen Bestellungen ab. „Das ist der pure Stress gerade für uns. Es ist sehr viel los“, sagt Angelina Z., Servicekraft der Kneipe „Frank & Frei“ im Schanzenviertel. „Während des Lockdowns haben sich viele Kolleg:innen einen anderen Job gesucht“, berichtet sie. Es fehle an Mitarbeitern. „Alkohol außer Haus verkaufen dürfen wir auch nicht, weshalb die Außenbereiche voll besetzt sind“, erklärt sie den großen Andrang.

Das „Weg-Bier“ vom Kiosk ist ebenfalls Tabu. An den zahlreichen Kiosken im Schanzenviertel darf kein Alkohol verkauft werden. In nur wenigen Minuten betreten drei verschiedene Kund:innen einen Kiosk an der Feldstraße und wundern sich über die ausgeschalteten Kühlschränke. „Tut mir leid. Ich darf leider keine alkoholischen Getränke verkaufen“, sagt der Inhaber zu seinen Kunden. „Ich komme bei den ganzen Regeln auch selbst nicht mehr hinterher“, sagt er und verdreht die Augen.

So richtig gefeiert wird zwischen Schulterblatt und Reeperbahn nicht

So richtig Party ist auf den knapp 1,5 Kilometern zwischen Schulterblatt und Reeperbahn nicht zu finden. In einem Hauseingang der Rosenhofstraße sitzen drei Leute, die den Abend mit einem Joint ausklingen lassen. Aus dem Souterrain eines Hauses ertönen Partygeräusche. Beim „Park Fiction“ ist es ebenfalls ungewöhnlich ruhig: keine Musik, kein Gegröle, keine Menschenansammlung – lediglich kleine Gruppen, die den Blick auf die Elbe genießen.

Überraschung auf dem Heiligengeistfeld: „DJ Tricky“ sorgte für Partystimmung unter freiem Himmel.

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Lediglich auf dem Heiligengeistfeld werden Erinnerungen an die Zeit vor Corona geweckt. Die Menschen feiern weitestgehend coronakonform. Gegen Mitternacht wird aber auch hier die Veranstaltung von der Polizei beendet. „Die Polizei hat gesagt, die Musik sei zu laut. Ich musste die Anlage abbauen“, sagt DJ Tricky, der hier aufgelegt hat. „Die ließen dann auch nicht mit sich reden.“

Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg wurde unter freiem Himmel gefeiert – später beendete die Polizei die Party.

Gegen Mitternacht fangen dann durch die viele Latscherei die Beine und Füße an zu schmerzen. 30.000 Schritte zählte das Smartphone. Die Partystimmung war gegen frühen Abend irgendwo zwischen Schulterblatt und Feldstraße bereits verloren gegangen. Die Suche nach einem gemütlichen Sitzplatz wirkte sich auf die Laune aus. Da half auch der kurze Abstecher auf dem Heiligengeistfeld nicht wirklich.

Immerhin: Das lässt sich eventuell kommendes Wochenende wiederholen. Dann will DJ Tricky den Gig als Demo anmelden. „Damit das Ganze auch offiziell stattfinden darf. Die soll dann wieder auf dem Heiligengeistfeld sein“, sagt er. „Für mich ist das die einzige Möglichkeit, mal aus meiner Wohnung rauszukommen und durch Spenden, die ich an dem Abend vom Publikum bekomme, mein Leben zu finanzieren“, sagt er. Und für viele andere war es an dem Abend die einzige Möglichkeit, mal wieder ausgelassen zu DJ-Cuts zu tanzen.

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