Radikaler Kahlschlag: Cafés und Sozialkaufhäuser in Hamburg machen dicht
Die bundesweit geplanten Kürzungen bei Jobcentern treffen Hamburg mit aller Härte. In extrem belasteten Quartieren müssen plötzlich etliche Sozialkaufhäuser schließen. Günstige Mittagstische, Cafés und Treffpunkte machen dicht und 800 Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, verlieren ihre Jobs in diesen Einrichtungen. Mitarbeiter und Kunden schildern, was die Kündigungen und Schließungen für ihren Alltag bedeuten würden.
Die bundesweit geplanten Kürzungen bei Jobcentern treffen Hamburg mit aller Härte. In extrem belasteten Quartieren müssen plötzlich etliche Sozialkaufhäuser schließen. Günstige Mittagstische, Cafés und Treffpunkte machen dicht und 800 Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, verlieren ihre Jobs in diesen Einrichtungen. Mitarbeiter und Kunden schildern, was die Kündigungen und Schließungen für ihren Alltag bedeuten würden.
Es summt wie in einem Bienenstock im Sozialkaufhaus „Fairkauf“ im Küchgarten mitten in Harburg. Junge Frauen stöbern in Kinderkleidung, Paare stehen vor großen Kleiderschränken und prüfen, ob die wohl in ihre Wohnung passen, und eine alte Dame sitzt auf ihrem Rollator und lässt sich gerade von einer Verkäuferin ein paar Hosen zeigen. Allein in der Möbel- und Bekleidungsabteilung des Kaufhauses stöbern an diesem Vormittag rund 50 Menschen gleichzeitig, an der Kasse bildet sich eine Schlange.

„Dass hier so viel Betrieb herrscht, ist nicht ungewöhnlich“, sagt Kaufhausleiterin und Sozialberaterin Marianne Sorokowski. Wenn morgens die Türen aufgeschlossen werden, warten schon die ersten Kunden. Täglich kommen 300 Menschen in dieses Kaufhaus, das vom Sozialträger „In Via“ betrieben wird. Wer arbeitslos ist, ganz wenig verdient oder eine geringe Rente hat, kann hier Sofas für 30 Euro kaufen oder einen echten Holzschrank mit fünf Türen für 45 Euro. Jeans gibt es für zwei Euro, ein tadelloses Sakko für drei Euro.
Sozialkaufhäuser in Hamburg von Schließung bedroht
Die Ukrainerin Nadiia Nikishyna (39) sucht hier gemeinsam mit einer Freundin nach einem Bett und einem Schrank. „Sie hat endlich eine Wohnung gefunden“, sagt die junge Frau. Auch Geschirr und Haushaltsartikel finden sie hier. Besonders praktisch: Die großen Möbel werden von den Mitarbeitern des Kaufhauses geliefert. Schließlich haben die meisten Bedürftigen kein eigenes Auto.

Damit es summt, wird hinter den Kulissen viel Arbeit erledigt. Die Spenden müssen angenommen, geprüft und in der Holz- oder Nähwerkstatt ausgebessert werden. Im Laden werden die Waren ansprechend präsentiert, nachgefüllt und Verkaufshelfer beraten die Kunden. Im ersten Stock gibt es ein Café: Suppe oder Salat mit Brot für zwei Euro, Kuchen für 1,30 Euro, zubereitet von Mitarbeitern.

Das ganze Sozialkaufhaus lässt sich nur wirtschaftlich betreiben, weil die Mitarbeiter sogenannte AGHs sind, Arbeitsgelegenheiten (früher Ein-Euro-Jobs genannt), die vom Jobcenter bezahlt werden. Sie werden hier auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet und bekommen pro Stunde nur zwei Euro für das, was sie hier leisten. Denn sie erhalten auch ihr Bürgergeld ohne Abzüge weiter. „Wenn die Sparmaßnahmen wie geplant umgesetzt werden, dann müssen wir das Kaufhaus schließen“, sagt Sorokowski. Und ein weiteres in Hammerbrook ebenso, denn das Jobcenter will diese Stellen nicht mehr finanzieren.
Beim sozialen Träger „KoALA“ sieht es ähnlich aus. „Bei uns sollen drei Sozialkaufhäuser schließen“, sagt Nicola Pantelias. Dazu gehören bei „KoALA“ auch Schreibservices, etwa in Altona, die für Analphabeten oder Geflüchtete im Kontakt mit Behörden äußerst wichtig sind. „Gerade mit den vielen Flüchtlingen im Moment wird der Service sehr nachgefragt“, schildert Pantelias.

Sie denkt auch an ihre 75 AGH-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die dann wieder ohne Perspektive zu Hause sitzen. „Viele dieser Menschen haben psychische Probleme. Sie verlieren den Tag- und Nacht-Rhythmus dann wieder, wenn sie nicht arbeiten gehen, und sie werden leichter wieder krank.“ Besonders problematisch sei das bei Familien mit Kindern im Haushalt.
Einigen der 38 betroffenen Träger droht gar die Insolvenz, etwa „Ausblick Hamburg“ (ah), die Gehörlose und Blinde fit für den ersten Arbeitsmarkt machen und sich um Schulverweigerer kümmern. „Wir sind Mietverträge eingegangen und müssen unser Personal abwickeln. Durch diese Kosten ist jetzt der ganze Träger von Insolvenz bedroht“, sagt ah-Geschäftsführer Dennis Stender.

In AGHs werden Menschen vom Jobcenter vermittelt, die langzeitarbeitslos und teils krank oder schon kurz vor der Rente sind, oder nicht gut deutsch sprechen, keinen Schulabschluss haben oder drogensüchtig waren. Durch die Jobs (15 bis 30 Stunden/Woche) werden sie langsam wieder an eine reguläre Vollzeitarbeit herangeführt, lernen neue Fähigkeiten und werden bei der Jobsuche unterstützt.
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Der geplante Bundeshaushalt für 2024 sieht für alle Jobcenter Deutschlands Einsparungen von 700 Millionen Euro vor. Wird er im Bundestag verabschiedet, hieße das für Hamburg: Von 1600 AGHs werden 800 gestrichen. Auf Nachfrage heißt es von einer Sprecherin der Hamburger Sozialbehörde gegenüber der MOPO: „Der Senat wird sich intensiv dafür einsetzen, dass die in Rede stehende Reduzierung des Budgets in diesem Umfang nicht realisiert wird.“ Ob ihm das gelingt, werden die nächsten Monate zeigen.