Passanten gehen in Corona-Zeiten mit oder ohne Maske durch die Mönckebergstraße. (Symbolfoto)
  • Passanten gehen in Corona-Zeiten mit oder ohne Maske durch die Mönckebergstraße. (Symbolfoto)
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Problem der Corona-Nachverfolgung: Update: So sieht es in anderen Bundesländern aus

Die Corona-Zahlen in Hamburg steigen dramatisch an. Am Donnerstag wurde ein Rekordwert bei den Neuinfektionen festgestellt. Wo die Ansteckung passiert ist, ist dabei oft unklar, wie eine Kleine Anfrage der CDU an den Hamburger Senat bestätigt. Nicht einmal jeder zweite Ansteckungsort wird demnach in Hamburg ermittelt. Das Problem hat jedoch nicht nur Hamburg alleine. Auch viele andere Städte, Landkreise und Bundesländer kommen bei der Suche nach dem Infektionsort nicht mehr hinterher.

Eine schriftliche Anfrage des CDU-Abgeordneten Stephan Gramm an den Senat hat einen großen Schwachpunkt in der Hamburger Corona-Politik aufgedeckt: die Ermittlung des Ansteckungsorts.

Hamburg: Nur 47,6 Prozent der Corona-Ansteckungsorte aufgedeckt

„Sofern der Expositionsort nachvollziehbar und bekannt ist, wird dieser Ort der Ansteckung auch vermerkt. Das war im September bei knapp der Hälfe der Fälle nachvollziehbar“, heißt es in der Antwort des Senats. Demnach wurden nur 47,6 Prozent der Ansteckungsorte aufgedeckt. Dabei handelte es sich laut Senat in 178 Fällen um einen Infektionsort im Ausland – ob es sich jedoch um Urlaub oder einen anderweitigen Aufenthalt handele, sei unklar.

Knapp die Hälfte aufgedeckt: In 601 Fällen ist Hamburg Infektionsort

In 601 Fällen wurde demnach Hamburg als Infektionsort angegeben. Doch wo genau sich die Hamburger angesteckt haben, ist ebenfalls ein Rätsel. Eine abschließende Übersicht könne nicht erstellt werden, weil Informationen in vielen Fällen fehlen, heißt es weiter.

„Aussagen zum Infektionsumfeld lassen sich nur für Fälle ausweisen, die mit einem Ausbruchsgeschehen zusammenhängen, für welches aufgrund der gesetzlich vorgegebenen Melde- und Übermittlungswege eine übergeordnete Kategorie zugewiesen werden kann“.

Zu diesen Kategorien gehören unter anderem: „unspezifische Wohnstätten“, „privater Haushalt“, „Alten- und Pflegeheim“, „öffentliche Unterkunft“, „ambulante Behandlungsreinrichtung“, „Praxis“, „Krankenhaus“, „Arbeitsplatz“ oder „Schule“. 

Corona-Aufklärung des Senats: Kritik von der CDU-Fraktion

Von der CDU hagelt es nun Kritik: „Als großer Schwachpunkt hat sich die Nachverfolgung erwiesen. Im September konnte nicht einmal die Hälfte aller Orte der Ansteckung ermittelt werden. Dies ist angesichts der hohen Bedeutung für die Eindämmung der Corona-Pandemie ein katastrophaler Wert“, sagt Stephan Gamm.

Nach Ansicht der Fraktion müsse der Senat mit höchster Priorität die Ursachen ermitteln, die Arbeitsabläufe verbessern „und zusätzliche Ressourcen bereitstellen“.

Corona-Nachverfolgung: Das ist der Stand außerhalb Hamburgs

Das Problem der Nachverfolgung des Infektionsortes ist kein hausgemachtes Problem aus Hamburg. Durch die rasant steigenden Corona-Zahlen haben auch andere Bundesländer und Städte Probleme bei der Rückverfolgung – die Hauptstadt ändert sogar ganz die Strategie.

Niedersachsen: Infektionsherde breit verstreut und nicht klar zu verorten

Im Nachbarland Niedersachsen seien die Infektionsherde mittlerweile breiter verstreut und oft nicht mehr klar zu verorten, wie ein Regierungssprecher am Mittwoch erklärte.

Alle Bezirke über 100 Fälle: Berlin ändert Strategie bei Nachverfolgung

Das Phänomen zeigt sich besonders in der Hauptstadt Berlin. „Wir schaffen es nicht mehr, alle Kontaktpersonen positiv Getesteter binnen 24 Stunden zu erreichen. Mitte dieser Woche waren es bereits 80 Fälle, die wir in den nächsten Tag mitnehmen mussten“, sagte der dortige Gesundheitsstadtrat und stellvertretender Bezirksbürgermeister von Neukölln, Falko Liecke. 

Inzidenz weit über 100 Fälle: Berlin ändert Strategie bei Nachverfolgung

Die Berliner Bezirke haben alle einen Inzidenzwert von über 100. In Neukölln haben sich laut der „Deutschen Textservice Nachrichtenagentur“ in den letzten sieben Tagen 237 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Die Hauptstand ändere deshalb die Strategie. Wie die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci erklärte, würden ab sofort primär die Kontakte in Risikogruppen ermittelt. Das betreffe vor allem Menschen in der Pflege oder Obdachlose.

Nachverfolgungs-Probleme auch in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern

Die Überforderung zeige sich laut einer Umfrage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aber auch in weiteren Bundesländern – vor allem in Metropolen. Der Sprecher der Stadt Wiesbaden erklärte gegenüber der „Ärztezeitung“, dass sie angesichts der steigenden Infektionszahlen an ihre Grenzen kämen.

80 Prozent der Fälle in Bayern nicht mehr nachvollziehbar

„Viele der Infektionen sind auf das familiäre Umfeld oder den Freundeskreis zurückzuführen.“ Bei der Mehrheit der Fälle sei der Ort und Anlass der Infektion nicht nachvollziehbar. Seit Ende September betreffe das etwa 76 Prozent. In Baden-Württemberg betrage der Wert demnach knapp 56 Prozent, in Bayern liegt er laut „ntv“ sogar bei 80 Prozent.

Meck-Pomm: Mindestens ein Viertel der Fälle nicht nachvollziehbar

Im Norden ist es ein ähnliches Bild. In der Mecklenburgischen Seenplatte, dem größten Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern können die Infektionsketten schon bei mindestens einem Viertel aller positiv Getesteten nicht mehr nachvollzogen werden, erklärte der Landrat Heiko Kärger (CDU) dem NDR. 

Bremen und Delmenhorst: Mehr Fälle, mehr Personal benötigt

In den Corona-Hotspots Bremen und Delmenhorst wird nach außen hin ein anderes Bild vermittelt. Nach Informationen des „Weser-Kurier“ laute dort die Antwort auf immer mehr Infizierte, das Personal der Gesundheitsämter aufzustocken. In Bremen sind aktuell 139 Personen damit beschäftigt, Kontaktpersonen zu ermitteln. Der Sprecher der Senatorin für Gesundheit in Bremen, Lukas Fuhrmann, erklärte, dass eine „Kapitulation“ für die Gesundheitsbehörde undenkbar wäre. „So etwas passiert hier natürlich nicht, sagte er der Zeitung. 

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Angesichts der schwierigen Lage bei der Nachverfolgung appellierte RKI-Chef Lothar Wieler an die Gesundheitsämter, trotz Überlastung an der Nachverfolgung der Fälle und Ermittlung von Kontaktpersonen durchzuhalten. Die Lage in einigen Gesundheitsämtern sei „ernst und besorgniserregend“, sagte er. Doch man müsse jede Anstrengung auch unter diesen Umständen aufrechterhalten und dürfe nicht aufgeben, sondern müsse weitermachen „nach bestem Wissen und Gewissen“.(maw)

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