Einsatzzentrale
  • Auch in der Einsatzzentrale der Feuerwehr soll es zu Personalengpässen gekommen sein.
  • Foto: RÜGA

Retter senden Notruf: Große Unruhe bei der Hamburger Feuerwehr

Große Unruhe unter den Hamburger Feuerwehrfrauen und -männern: Die Personaldecke wird dünner und dünner. Schon seit Monaten herrscht akute Überlastung im Rettungsdienst. Auch die Löschzüge können gegenwärtig nur mit großer Anstrengung voll besetzt werden. Nun ist auch noch die Einsatzzentrale personell am Limit.

Mit Beginn der Pandemie wurden die jahrelangen Personal-Sparmaßnahmen erst so richtig deutlich. Bis dahin schlingerten sich die Verantwortlichen aus Behörde und Politik so durch. Große Pensionierungswellen standen an. Doch auch mit Aufstockung der Ausbildungslehrgänge konnte der Personalverlust durch die Abgänge nicht aufgefangen werden. Dazu wurde in der Pandemie die vollumfängliche Ausbildung im vorgesehenen zeitlichen Rahmen erschwert.

In der Not wurde das „Opt/out“ eingeführt. Damit verzichten die Feuerwehrmänner auf die Einhaltung der europäisch vorgeschriebenen Arbeitszeit von 48 Stunden. Wer nach seiner 24-Stunden-Schicht noch Kraft für Zusatzschichten hat, kann zum weiteren Dienst antreten und auch etwas dazuverdienen – das wird aber nur mit 80 Prozent des Gehaltes honoriert.

Mit Zusatzschichten Besetzung der Wachen steigern

Doch seit der Pandemie machen davon immer weniger Gebrauch. Grund hierfür ist auch die akute Überlastung im Rettungsdienst. Die Wagen sind stundenlang von einem Einsatz zum anderen unterwegs, ohne dass sie – wie früher üblich – zwischendurch in die Wache fahren können. „Nach einer Schicht auf dem Rettungswagen meldet sich kaum noch jemand zum Zusatz-Dienst“, erzählt ein Feuerwehrmann der MOPO. Und: „Viele derer, die wir nach Notrufen in die Klinik transportieren, sind gesünder als wir selbst“.


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Hierzu schreibt die Feuerwehr: „Durch die Auswirkungen der Pandemie, und die hieraus resultierenden Hygienemaßnahmen für den Rettungsdienst der Feuerwehr Hamburg, haben sich die Einsatzzeiten der Rettungsmittel deutlich verlängert“.

Feuerwehrchef gibt Durchhalteparolen aus

Die deutliche Mehrbelastung hat auch die Amtsleitung zur Kenntnis genommen. In einem Schreiben vom 11. September 2021 (liegt der MOPO vor) ruft Feuerwehrchef Dr. Christian Schwarz die Beamten zum Durchhalten auf und verspricht, dass nach Lösungen gesucht wird.

Mittlerweile bröckelt aber das Schutzziel, binnen acht Minuten nach Alarmarmierung am Einsatzort zu sein, mehr und mehr – und ist teilweise nur Dank der ehrenamtlichen Helfer von den Freiwilligen Feuerwehrwehren zu erreichen. Noch gab es keine gravierenden Zwischenfälle. Was aber ist, wenn sich eine freiwillige Feuerwehr kurzfristig außer Dienst meldet oder sie im Alarmfall akut nicht die nötige Mann-Stärke zusammenbekommt, um ausrücken zu können? 2014 wurde das erreichen des Schutzziel mit 85 Prozent angegeben. Aktuell erreicht die Feuerwehr im besten Fall gerade mal 61 Prozent. Dazu ein Gewerkschaftssprecher: „Die Feuerwehr bewegt sich deutlich auf ein Organisationsverschulden zu“.

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Und es kommt noch schlimmer. Seit einiger Zeit herrscht auch in der Einsatzzentrale akute Personalnot. So stark, dass die Beamten an den Feuerwehrwachen von der Feuerwehrleitung angewiesen wurden, den Funkverkehr zu minimieren. Und das kann folgen haben. Während die Retter bis dato über Funk zum Beispiel eine Krankenhausanmeldung sendeten, die die schwere des Verletzten aufzeigte und dem Krankenhauspersonal die Ankunft avisierte, soll dies nun nur noch bei Schwerverletzten geschehen.

Feuerwehr sieht Einsatzfähigkeit gewährleistet

Auf eine Anfrage dazu antwortete die Feuerwehr: „Durch Änderungen der Personalverwendung, temporäre krankheitsbedingte Ausfälle, Rehabilitationsmaßnahmen sowie Aus- und Fortbildungen, kam es zu Engpässen in der tagesaktuellen Personalstärke. Die Feuerwehr Hamburg arbeitet aktuell mit Hochdruck an der Verbesserung der Personalsituation in der Rettungsleitstelle. Die Einsatzfähigkeit der Rettungsleitstelle ist vollumfänglich gewährleistet.“

Schreiben Feuerwehr
Mit diesem Schreiben fordert die Amtsleitung auf, den Funkverkehr zu minimieren

Wegen angespannter Personallage – Funkmeldungen sollen reduziert werden

Auch sollen die Feuerwehrmänner von Löschzug und Rettungswagen nur noch „zwingend notwendige“ Rückmeldungen von den Einsatzstellen abgeben -von Anrufen in der Rettungsleitstelle soll möglichst abgesehen werden. „Aufgrund der hohen Auslastung der Funkkanäle wurden die Mitarbeiter mit Hinweis auf die bestehende Dienstanweisung lediglich angewiesen, die Kommunikation auf die erforderlichen und dringend notwendigen Gespräche zu reduzieren und gegebenenfalls auf Telefonate auszuweichen“.

Führt der aktuelle Personalengpass in der Einsatzzentrale zu längere Wartezeiten, wenn ein Bürger den Notruf 112 wählt? Fest steht, dass sich immer häufiger in sozialen Netzwerken über längere Warteschleifen bei Notrufen beklagt wird.

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In einem Dokument, dass der MOPO zugespielt wurde, ist ersichtlich, dass die Zeit der Warteschleife monatlich mit einem zweistelligen Stundenbetrag ausgewiesen wird. Das klingt bei Hunderten Notrufen die täglich dort eingehen zunächst nachvollziehbar. Aber laut eines Beamten steigt die Wartezeit derzeit auch wegen des akuten Personalmangels deutlich an.

Deutsche Feuerwehrgewerkschaft warnt vor gravierenden Folgen

Die Deutsche Feuerwehr Gewerkschaft (DFeuG) warnt schon länger vor dem Ausbluten der Personaldecke. Zuletzt hatte die Gewerkschaft in einem Schreiben an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vom November 2020 (liegt der MOPO vor) auf die sich fortlaufend zuspitzende Lage hingewiesen, und ihn aufgefordert, rasch entgegen zu wirken. Passiert ist bislang allerdings nichts.

Das sieht die Feuerwehr anders. „Durch die Einstellungsoffensive und insbesondere durch die Werbekampagne ‚Feuer im Herzen‘ konnte eine entsprechende Anzahl an Bewerbern und Neueinstellungen generiert werden, um die altersbedingten Personalabgänge in den Jahren 2021 und 2022 zu kompensieren und darüber hinaus personell weiter anzuwachsen. Für die Jahre 2021 und 2022 geschieht dies im Verhältnis 133 Prozent und 179 Prozent. Es entsteht hier somit ein Personalaufwuchs.

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