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Er hat (fast) alles richtig gemacht: Peter der Große von Hamburg

Selten hat eine Partei ihre Stimmenverluste so bejubelt. 38,9 Prozent, also fast sieben Prozent weniger als bei der letzten Bürgerschaftswahl – begeisterter Jubel brach bei Hamburgs SPD aus, als die Zahl über den Bildschirm lief. Siegerfäuste und grenzenlose Erleichterung: Yes, we can! Hier können die Sozis noch Wahlen gewinnen. Hier sind die bundesweit zu 14-Prozent-Zwergen geschrumpften Genossen noch Volkspartei.

Hamburg bleibt die letzte SPD-Hochburg der Republik. Das hat vor allem drei Gründe. Erstens: die Stimmung in Deutschland. Zweitens: Peter Tschentscher. Und drittens: die Hamburger Wirtschaft.

1. Die Stimmung im Land

Die Wahlbeteiligung lag diesmal deutlich über der von 2015. Viele Hamburger hatten nach den verstörenden und erschütternden Ereignissen der letzten Wochen das Gefühl: Jetzt ist es wichtig zu wählen, jetzt ist es richtig ein Zeichen zu setzen. Wenn die Feinde der Demokratie nicht mehr nur hetzen, sondern dutzendfach morden, kann man nicht einfach zu Hause bleiben.

Vorher hatte Björn Höckes offen faschistische AfD im Thüringer Landtag den FDP-Mann Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt – und die Machtdemonstration dann als „politische Revolution“ gefeiert. Zwei Wochen später erschoss der rechtsradikale Terrorist Tobias Rathjen in Hanau zehn Menschen.

In Zeiten, die so tief beunruhigend sind, wächst bei Wählern die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität. Davon hat die Hamburger SPD und ihr solider Amtsinhaber Tschentscher offenbar deutlich mehr profitiert als die anderen Parteien.

2. Der Bürgermeister

Als er vor zwei Jahren Olaf Scholz beerbte, war Peter Tschentscher nicht einmal erste Wahl in seiner eigenen Partei. Kaum einer kannte den zahlenversessenen Finanzsenator, Hamburg wurde plötzlich von einem Mann ohne Eigenschaften regiert.

SPD Wahl Hamburg

Jubelnde Genossen bei der SPD-Wahlparty in Hamburg.

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Quandt

Doch der gelernte Mediziner zeigte ungeahnte Steher-Qualitäten. Zwei Jahre lang tourte er unermüdlich durch die Stadtteile, schüttelte Hände, posierte vor Handys – bis ihn 80 Prozent der Hamburger kannten. Beraten von einem schlachterprobten Wahlkampfteam positionierte er sich als Bürgermeister für die „ganze Stadt“, kopierte bei den Grünen ungeniert einen Teil ihrer Klima-Themen und trat damit dann unerwartet angriffslustig auf.

Die unbestrittenen Fortschritte in der Hamburger Wohnungsbau- und Verkehrspolitik reklamierte er bei zahlreichen Vor-Ort-Terminen als seine persönlichen Erfolge. Tschentschers Glück war es, dass der Cum-Ex-Skandal ebenso komplex wie kompliziert war – und die bundespolitischen Themen die mutmaßlichen Steuertricks verblassen ließen.

3. Die Wirtschaft

Es gab einfach keine Wechselstimmung an der Elbe. Zwei Drittel der Wähler gaben an, weiterhin von Rot-Grün regiert werden zu wollen. Die Wirtschaft in der Hansestadt läuft, die Zeichen stehen auf Wachstum. Die jahrelange Blockade bei der Verlagerung des Altonaer Bahnhofes ist aufgehoben, die Schulbehörde legte ein großes Bauprogramm vor und die Polizei präsentierte die beste Kriminalstatistik seit den 70er Jahren.

Hamburg-Wahl: Die Pleite der CDU

Die CDU spielt in Hamburg nur noch am Rande eine Rolle. Deswegen auch nur eine Randbemerkung zur Elb-Union und ihrem historischen Minus-Ergebnis. Ja, Marcus Weinberg war nur Ersatz- und Verlegenheitskandidat. Und ja: Thüringen hat es ihm nicht gerade leichter gemacht. Doch wer im Wahlkampf auf Plakate die Botschaft drucken lässt: „Weniger Stau, mehr We!nberg“, der muss sich über knapp über 11 Prozent nicht wirklich wundern.

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Historische Klatsche: Marcus Weinberg (CDU) bei der Verkündung des desaströsen CDU-Ergebnisses.

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Rüga

Hamburg-Wahl: Der Rekord der Grünen

Phänomenal erfolgreich dagegen sind die Grünen, die den Wahlkampf vollständig auf ihre lebhafte Spitzenkandidatin Katharina Fegebank zugeschnitten hatten. Die ist zwar mit dem Ziel gescheitert, Erste statt Zweite Bürgermeisterin zu werden. Aber sie hat Konsequenz und konkreten Visionen das Ergebnis ihrer Partei mehr als verdoppelt.

In Zukunft wird grüne Verkehrs- und Klimapolitik in Hamburg noch mehr Gewicht bekommen als bislang schon. Auch wenn es im Wahlkampf zwischen Tschentscher und Fegebank schon mal ruppiger wurde – persönlich wird den beiden ein freundschaftlich-entspanntes Verhältnis nachgesagt. Angesichts des Wählerwillens werden sich der Pragmatiker und die Visionärin vermutlich schnell auf eine Fortsetzung von Rot-Grün im Rathaus einigen.

Nach der Wahl in Hamburg: Tschentscher kann jetzt zeigen, was wirklich in ihm steckt

Tschentscher hat jetzt fünf Jahre Zeit zu zeigen, was wirklich in ihm steckt. Pragmatismus ist ja schön und gut. Aber hat der gelernte Mediziner auch das Zeug zum Regierungschef mit echtem Format? Die Antwort auf diese Frage wird auch davon abhängen, wie konsequent der alte und neue Bürgermeister demnächst seine eigene Rolle und die seines Vorgängers Scholz im Cum-Ex-Skandal aufarbeitet.

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