• Nur 17 Prozent der hiesigen Firmen bilden Azubis aus – leider allzu oft nicht nach modernen Erfordernissen.
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Plädoyer einer jungen Mechanikerin : Bildet eure Azubis endlich richtig aus!

Neun Computer für 500 Auszubildende. Wichtige Lerndokumente gibt es nur als PDF zum Ausdrucken. Und von Lehr-Apps habe ich vor ein paar Wochen das erste Mal gehört – willkommen in der Ausbildung 2020! Lernen für die Zukunft? Machst du besser zu Hause. Da nutzen wir technische Geräte per Sprachsteuerung und regeln unseren Alltag über das Handy. Doch diese Entwicklung scheint an manchen Unternehmen komplett vorbeigegangen zu sein. Selbst in meinem Betrieb – und das ist nach der Stadt immerhin der zweitgrößte Arbeitgeber in Hamburg – bin ich lieber erst mal einen Kaffee holen gegangen, während der Computer hochfährt. Um die lange Wartezeit zu überbrücken.

Okay, es tut sich was. Unsere Berichtshefte können wir jetzt am Smartphone schreiben, und an den Berufsschulen kommen neue Laptops an. Doch es ist eine zähe, langsame Entwicklung, der wir Jugendliche weit voraus sind. Und dementsprechend sind auch unsere Ansprüche.

Meinung: Junge Leute endlich richtig ausbilden

Das deckt sich mit den Ergebnissen des Ausbildungsreports, den die Jugendabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), bei der ich mitmache, gerade veröffentlicht hat. Rund die Hälfte der Hamburger Auszubildenden wird in ihren Berufen nicht gezielt für die Nutzung digitaler Technologien qualifiziert. Obwohl 80 Prozent finden, dass die Digitalisierung wichtig für ihren Beruf ist.

Das ist doch absurd: Da klagen die Firmen immer über Fachkräftemangel, vergessen aber, ihren eigenen Nachwuchs vernünftig auf die Zukunft vorzubereiten.

Ausbildung: Das drumherum muss stimmen

Und nicht nur das. „Bleib heute mal ’ne Stunde länger“, „Geh mal den Brief zur Post bringen“ – Das sind Sätze, die kennen viele Auszubildende aus meinem Bekanntenkreis leider nur zu gut. Mal was außerhalb der Reihe zu machen, damit haben ja die wenigsten ein Problem. Dann muss aber auch das Drumherum stimmen.

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Aber gerade da, wo Azubis betreut und fachlich angeleitet werden sollen, haben viele Unternehmen Stellen abgebaut. Auch in meiner Ausbildungszeit hatten die Trainer viel zu wenig Zeit, um individuell auf uns einzugehen.

Stattdessen machen es sich viele Unternehmen bequem und suchen Bewerber/-innen aus, die schon fast fertige Arbeitskräfte sind. Möglichst Abitur, Führerschein und drei Fremdsprachen. Aber öffentlich über die schlecht gebildeten Jugendlichen meckern!

Ausbildung bedeutet: Den Weg in den Beruf zu ebenen

Viele haben offenbar vergessen, was Ausbildung eigentlich bedeutet: einem Jugendlichen den Weg in den Beruf ebnen, ihn unterstützen und eine Perspektive aufzeigen. Das ist manchmal mühsam und bindet Arbeitskräfte, sicher. Aber so viel Verantwortung gegenüber der Jugend können wir von den Arbeitgebern doch wohl verlangen, oder?

Wobei: Wir können ja schon glücklich sein, wenn in den Unternehmen überhaupt ausgebildet wird. Das ist nämlich in Hamburg gerade mal in 17 Prozent aller hier ansässigen Firmen der Fall.

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Und wer denkt, auf dem heiß umkämpften Fachkräftemarkt machen die Personalabteilungen ihrem Nachwuchs schon während dessen Ausbildungszeit unverschämte Angebote, um ihn zu halten, der irrt gewaltig. Bei uns im Unternehmen ist die Übernahme zum Glück per Tarifvertrag geklärt. Aber viele meiner Azubi-Freunde wissen auch im letzten Ausbildungsjahr noch nicht, wie es weitergeht. Plan da mal Zukunft!

Duale Ausbildung in Hamburg ist eine gute Sache

Da kann ich nur sagen: Respekt, dass trotz allem zwei Drittel von uns zufrieden mit der Ausbildung sind. Und es stimmt ja auch, dass die duale Ausbildung in Hamburg eine gute Sache ist. Wir alle wollen den Beruf erlernen, den wir uns ausgesucht haben. Und die meisten von uns identifizieren sich mit ihrer Firma und dem, was sie da tun.

Es wäre schön, wenn die Arbeitgeber uns das zurückzahlen. Mit guter Qualität und fairen Arbeitsbedingungen.

PS: Über Geld habe ich ja gar nicht gesprochen. Nur kurz: Mein Kollege, ein Stahlbetonbauer, bekommt im ersten Ausbildungsjahr netto 700 Euro. Und er sucht gerade ein WG-Zimmer in Hamburg. Merkt ihr selber, oder?

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