Eine Intensivschwester kümmert sich am 06.12.2012 in Hamburg auf der Intensivstation des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) um einen Patienten.
  • Das Pflegepersonal auf den Intensivstationen des UKE arbeitet am Limit.
  • Foto: dpa

„Patienten liegen in Fäkalien“: UKE-Pfleger schreiben Brandbrief

Sie kündigen, verkürzen ihre Arbeitszeit oder wechseln in andere Krankenhäuser: Dem UKE gehen die Intensivpfleger aus. So schildern es Mitarbeiter in einem Brandbrief an die Chefetage. Grund für die Personalflucht seien eine chronische Unterbesetzung und aus ihrer Sicht unmenschliche Arbeitsbedingungen. Darunter leide nicht nur das Personal, sondern auch die Patienten, die nicht mehr adäquat versorgt werden könnten.

In ihrem Brief, der der MOPO vorliegt, fordern etwa zwei Drittel der rund 300 Intensivpfleger des UKE, etwas eigentlich Selbstverständliches: dass Vorschriften eingehalten werden. Die sogenannte „Pflegepersonaluntergrenzenverordnung“ besagt, dass jeder Pfleger auf einer Intensivstation für maximal zwei Patienten zuständig sein soll.

Personalnotstand habe fatale Folgen für Intensivpatienten

Im UKE kann das laut den Pflegekräften aber schon lange nicht mehr gewährleistet werden: Hier betrage der Betreuungsschlüssel teilweise 1:4. Und das habe fatale Folgen. So könnten Medikamente nicht zeitnah verabreicht werden, die Grundpflege der Patienten entfalle und Wunden könnten nicht mehr in jeder Schicht versorgt werden.

Auch die Hygiene leide dem Brief zufolge: „Leider passiert es des Öfteren, dass Patient:innen eine beträchtliche Zeit in ihren eigenen Fäkalien liegen müssen“, heißt es dort. An eine empathische Begleitung von Patienten und Angehörigen sei schon lange nicht mehr zu denken. All diese Faktoren können laut den Pflegern die Liegezeit verlängern und das Sterberisiko erhöhen.

Und auch die physische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter selbst leide. „Damit die Versorgung der Patient:innen sichergestellt ist, verzichten viele Kolleg:innen regelmäßig auf ihre Pause außerhalb der Station“, schreiben die Pfleger. Das führe zu einem Dauerstress und „dem Gefühl, mehr zu leisten, als menschlich eigentlich möglich ist“. Viele Kollegen würden in oder nach dem Dienst weinen und hätten nach Feierabend keine Kraft mehr für Freizeitaktivitäten.

So reagiert das UKE auf den Hilferuf des Personals

In ihrem Brief von Anfang August fordern die Pfleger die Einhaltung des vorgeschriebenen Betreuungsschlüssels und der gesetzlichen Pausenzeiten. Der Direktor der Klinik für Intensivmedizin, Professor Stefan Kluge reagierte innerhalb des gesetzten Ultimatums und sperrte auf jeder Intensivstation zwei von zwölf Betten, berichtet ein Mitarbeiter, der der MOPO namentlich bekannt ist, aber seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. So müsse ein Pfleger inzwischen „nur noch“ drei Patienten versorgen. „Doch das reicht uns nicht“, sagt der Mitarbeiter. Deshalb wurde ein zweiter Brief geschrieben. Und noch einer. Fast jede der zehn Intensivstationen am UKE machte mit.

Dramatische Vorwürfe. Die MOPO fragte beim UKE nach: „Wir haben bereits gemeinsam mit den Mitarbeitenden Lösungen erarbeitet“, sagt Pressesprecherin Berit Waschatz. So werde „die hohe Belastung der Mitarbeitenden“ besonders durch die Versorgung der COVID-19-Patient:innen besser berücksichtigt. Man sei weiterhin in Gesprächen, „um die Belegung der Betten bedarfsgerecht zu steuern, damit unsere Patient:innen bestmöglich versorgt und unsere Mitarbeitenden bestmöglich entlastet werden“, so Pressesprecherin Berit Waschatz.

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Der Pflegedirektor der Klinik hat angekündigt, kommende Woche mit den Pflegekräften zu sprechen. Der UKE-Mitarbeiter bleibt skeptisch: „Ich befürchte, dass es wieder nur mündliche Versprechungen gibt und das Problem auf die lange Bank geschoben wird“, sagt er der MOPO. Und dann werde es zu weiteren Kündigungen kommen, die das Problem noch weiter verschärfen.

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