SUP im Alsterkanal.
  • Die MOPO wagte sich auf das SUP-Board. Mit dabei: Amalia (links, 11), Aurelio (Mitte, 15), Alberto Blanco Cockburn (zweiter von links, 58), Marvin Jobst (zweiter von rechts, 20) und Alexandra Blanco Cockburn (rechts, 51)

Paddel-Trend in Hamburg: So voll ist es auf den Alsterkanälen

Vom Kuhmühlenteich sind die Gespräche der jungen Hamburger:innen schon aus der Ferne zu hören. Kleine Gruppen lassen sich mit Dosenbier auf Schlauchbooten durch die Alsterkanäle treiben. Mit an Bord: musikalische Begleitung aus Bluetooth-Lautsprechern, mit denen die Umgebung beschallt wird. In den letzten Jahren haben sich die Alsterkanäle zu einer Art schwimmenden Wiese für Ausflügler entwickelt. Immer mehr Hamburger:innen kaufen sich Schlauchboote, Kanus und Stand-Up-Paddeling-Boards (kurz SUP-Board), um dem Trend zu folgen. Die vollen Kanäle sorgten im vergangenen Sommer für Zoff. Und auch dieses Jahr stehen die Zeichen auf Ärger.

Für die Tier- und Pflanzenwelt sind die Freizeit-Wassersportler:innen ein massives Problem. Wild geparkte Boote, Lärm und Müll machen ihnen das Leben schwer. Anwohner:innen beschweren sich über die Lautstärke und Verschmutzung. Die Politik arbeitet derzeit an Regeln, um die Situation in den Alsterkanälen in den Griff zu bekommen. Die MOPO hat sich vor Ort umgeschaut und sich auf das Board gewagt.

Die Füße stehen schulterbreit in der Mitte des SUP-Boards. Die Beine zittern wie bei jungen Kälbern, die ihre ersten Gehversuche starten. Nach ein paar Minuten ist das Vertrauen zum schwimmenden Luftkissen hergestellt. Langsam wird mithilfe des Paddels Geschwindigkeit aufgebaut. Der noch weit entfernte Gegenverkehr auf dem Wasser könnte jedoch zu einer Herausforderung werden.

Hamburg: Auch auf dem Wasser sind Regeln einzuhalten

„Hier gilt das Rechtsfahrgebot, bitte haltet euch daran!“, ruft Marvin Jobst (20), SUP-Coach beim „Alster Surfer“, den vielen Herumtreibenden auf dem Kanal in Hohenfelde zu. Schnell ist klar: Wer denkt, auf dem Wasser gebe es keine Verkehrsregeln, der irrt sich. „Generell gilt, wie auch auf den Straßen, ein Rechtsfahrgebot“, so Jobst. „Außerdem ist die Regel ‚Rechts vor Links‘ einzuhalten und ganz wichtig ist, dass Alsterdampfer immer Vorfahrt haben“, erklärt er. Das Problem: Nicht jeder kennt diese Regeln.

SUP-Coach Marvin Jobst (20) ist seit drei Jahren dabei.
SUP-Coach Marvin Jobst (20) ist seit drei Jahren dabei.

„Ich bin dafür, dass eine Art Führerschein für Hobby-Wassersportler eingeführt wird“, sagt Hossein Yaqubi (32), Betreiber des SUP-Verleihs „Alster Surfer“ in Hohenfelde. Er sieht das Problem vor allem bei den privaten Schlauchbootfahrern und hat zudem Umwelt-Bedenken. „Es gibt nicht viele Einstiegsmöglichkeiten für die Schlauchboote. Viele nutzen die grünbewachsenen Ufer, um ins Wasser zu kommen und treten dabei auf Nester oder Küken“, sagt er. Sein Geschäft leidet unter den vielen Privat-Sportlern, die Nachfrage ist zurückgegangen.

Hossein Yaqubi (32)
Hossein Yaqubi (32) ist Betreiber vom „Alster Surfer“ und erkennt das wachsende Problem in den Kanälen.

Hamburger Alsterkanal: Schlauchbootfahrer zeigen sich rücksichtslos

Hier auf dem Kanal in Richtung Kuhmühlenteich sind am Sonntag rund 20 SUP-Boards des Verleihs „Alster Surfer“ unterwegs. Unzählige Hamburger:innen lassen sich mit ihren privaten Schlauchbooten treiben – an Stegen der Hausboote vorbei. Sie weichen den Paddlern nicht aus. Stattdessen genießen sie die Sonnenstrahlen und plantschen mit den Füßen im Wasser.

„Warum schwimmt da eine leere Bierdose?“, fragt die elfjährige Amalia, die bis auf ein paar wenigen Abkühlungen, sicher auf ihrem SUP-Board steht. „Man muss immer den Müll wieder mitnehmen, wenn man auf dem Wasser war, dann passiert so etwas nicht“, erklärt ihr SUP-Coach Marvin Jobst. „Die meisten Schlauchbootfahrer reagieren nicht besonders nett, wenn man sie auf die Regeln hinweist“, erzählt Jobst. Müll werde von einigen einfach in der Alster entsorgt.

Die elfjährige Amalia wundert sich über den Müll im Alsterkanal.
Die elfjährige Amalia wundert sich über den Müll im Alsterkanal.

Hamburg: Alster wird von Hobby-Wassersportlern zugemüllt

„Vor kurzem habe ich Schlauchbootfahrer gesehen, die ein zweites Boot hinterhergezogen haben, auf dem sich ein Grill befand“, sagt er und führt fort: „Sie können sich ja vorstellen, wo letztendlich die heiße Kohle landet …“

Abgesehen von einer treibenden Bierdose und unkoordiniertem Gegenverkehr auf dem Alsterkanal, macht das Stand-Up-Paddeln jede Menge Spaß. „Ich finde es richtig cool. Das will ich unbedingt nochmal machen“, sagt der 15-jährige Aurelio, der am Sonntag zum ersten Mal auf einem SUP steht. Dass er mehrmals ins Wasser gefallen ist, scheint ihn dabei nicht weiter zu stören. Auch seine Mutter zeigt Begeisterung.

Alexandra Blanco Cockburn, Juristin (51)
Alexandra Blanco Cockburn, Juristin (51), hat richtig Spaß beim Paddeln, versteht aber auch den Ärger der Anwohner.

Hamburg: SUP-Spaß für Groß und Klein

„Mir hat das auch total Spaß gemacht“, sagt Alexandra Blanco Cockburn (51), Juristin aus Hamburg. „Ich könnte mir vorstellen, ein eigenes Board zu kaufen“, sagt sie. Den Ärger der Anwohner kann sie allerdings nachvollziehen. „Für die Leute im Hausboot ist das sicherlich keine Freude“, sagt Blanco Cockburn. „Ständig treiben fremde Menschen um das Zuhause herum“.

„Auch den ganzen Müll und das Bier finde ich grenzwertig“, sagt sie. „Außerdem wird von SUP zu SUP gegrölt. Das macht viel Lärm. Ich habe auf jeden Fall Verständnis für den Ärger der Anwohner. Vielleicht sollte man auf Seen ausweichen“, schlägt sie vor.

Der Verleih „SUP Rental“ am Alsterkanal in Eppendorf hat im Juni einen zweiten Standort an der Dove Elbe eröffnet. „Wir wollen nicht Teil des Problems sein, sondern eine Lösung bieten“, sagt Betreiber Mathias Weinmann. Der Verleih will eine Alternative zur überfüllten Alster bieten. „Es gibt immer mehr Probleme mit Anwohnern und Müll. Außerdem macht Stand-Up-Paddling weniger Spaß, wenn man durch die Überfüllung langsamer vorankommt und ständig ausweichen muss“, sagt Weinmann.

Hamburger SUP-Verleih weicht auf Dove Elbe aus

„Die Wasserqualität in der Dove Elbe ist viel besser als in der Alster, weil hier zum Beispiel keine Alsterdampfer unterwegs sind“, so Weinmann. „Dadurch ist es auch sicherer hier“, sagt er. Noch ein Vorteil: Die Wasserstraße ist 18 Kilometer lang, Ruderer haben einen abgesperrten Bereich und kommen den Paddlern nicht in die Quere. „Hier ist schätzungsweise nur zehn Prozent von dem los, was auf der Alster los ist“, sagt Weinmann.

Am Sonntag ist es angenehm auf dem Alsterkanal in Hohenfelde. Lediglich der Wind wird zur Herausforderung für das Gleichgewicht. Das Wenden mit dem Board braucht ein wenig Übung. Beim ersten Versuch wird es turbulent auf dem Brett, die Beine bewegen sich wie Wackelpudding. Auf einer Brücke stehen zwei Männer, die jubelnd darauf warten, dass jemand ins Wasser fällt. Enttäuscht ziehen sie schließlich weiter. Ab und zu paddeln die Hobby-Wassersportler hastig einen Bogen um den Gegenverkehr. Ansonsten bleibt es an dem Tag ruhig. Die Ausnahme – wie sich herausstellt.

MOPO-Reporterin Samira Debbeler gefällt es sichtlich gut auf dem SUP-Board.
MOPO-Reporterin Samira Debbeler gefällt es sichtlich gut auf dem SUP-Board.

Hamburg: Die Politik sucht nach Lösungen für Überfüllung auf der Alster

„Die Situation auf der Alster spitzt sich weiter zu. Vielleicht kommen bald sogar Regulierungen von der Politik“, sagt Weinmann. Ideen, wie die Zahl der Stand-up-Paddler reduziert werden könnte, gibt es einige.

Oliver Camp von den Grünen im Bezirk Nord hat Anfang Juni drei Arten von baulichen Maßnahmen angekündigt, die im Winter 2021/22 auf den öffentlichen Alstergrundstücken entstehen könnten, sofern die behördlichen Genehmigungen vorliegen. „Erstens: Treppenanlagen, die den Zugang an steilen Uferstücken erleichtern sollen. Zweitens: Stege für den bequemen Ein- und Ausstieg. Drittens: Lagerregale für die Boote an Land“. Herrenlose Boote, die sichtbar seit Langem nicht genutzt wurden, sollen eingesammelt werden – ähnlich wie „Fahrradleichen“.

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Zugangsbeschränkungen kommen für Camp nicht in Frage: „Auf der Alster und den Kanälen zu paddeln, ist kein Privileg der Bewohner von Ufergrundstücken. Das dürfen die Menschen aus Jenfeld und Osdorf genauso“, sagt er. Bisher hat sich die Politik noch nicht einigen können. Klar ist jedoch: Die Situation auf der Alster und den Kanälen muss sich ändern.

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