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Ohne Abstand und Maske?: Schulleiter: Der Hamburger „Weg ist nicht verkehrt“

Dulsberg –

Bei Hamburger Familien herrscht große Verunsicherung. Was passiert, wenn ab Donnerstag wieder alle Schüler in den Unterricht gehen? Droht dann eine neue Corona-Welle? Die Kultusminister sehen diese Gefahr nicht, die nördlichen Bundesländer starten jetzt alle mit dem sogenannten Regelbetrieb an den Schulen. Doch wie wird dort mit den Ängsten und Sorgen von Eltern, Kindern und Lehrern umgegangen?

Bisher hatte Schulleiter Björn Lengwenus von der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg (Dulsberg) nur mit den Sorgen seinen Lehrer zu tun. Denn der Unterricht startet ja erst am Donnerstag. „Wir haben gerade unsere erste Lehrerkonferenz unter Corona-Bedingungen abgehalten“, erzählt er. Doch wie kann das funktionieren, 200 Lehrer unter Abstandsgebot zusammenzuholen?

Lehrer in Hamburg: Angst vor Ansteckung mit Corona

Oder besser lautet die Frage: Wo kann das funktionieren? „Auf dem Sportplatz“, sagt Lengwenus. Jeder Lehrer mit einem Stuhl und zwei Metern Abstand zum Nachbarn. Und Lengwenus mit Mikrofon, wie bei einem Open-Air-Konzert. „So wusste am Ende wohl der ganze Dulsberg, was die Schule so in der nächsten Zeit plant.“

Björn Lengwenus lächelt.

Schulleiter Björn Lengwenus: Immer an Lösungen orientiert und meist auch gut gelaunt.

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Quandt

Auch an seiner Schule machen sich viele Lehrer Sorgen, ob das alles gut gehen kann. Es gibt die Angst, sich anzustecken, einige Kollegen finden die Entscheidung zum Regelbetrieb unverantwortlich. „Wir haben lange über Lösungen gesprochen“, so Lengwenus. „Jetzt bleibt aber nur ein einziger Lehrer zu Hause, weil er Risiko-Patient ist.“

Ein anderer Kollege konnte den Klassenraum tauschen und hat nun das größere Zimmer. Lengwenus: „Und wenn ein Lehrer möchte, dass in seinem Unterricht alle Schüler Mundschutz tragen, dann bitten wir die Schüler darum.“ Eigentlich müssen Jungen und Mädchen diesen in Hamburg nur auf den Fluren und in der Mensa Maske tragen, Schleswig-Holstein hingegen empfiehlt das in den ersten zwei Schulwochen jetzt auch für die Klassenräume.

Corona: Lehrer bekommen Mundschutz und Visier

Allgemein gilt für alle Hamburger Lehrer, dass sie von der Behörde Masken oder Visiere gestellt bekommen. Und sie können sich kostenlos auf Corona testen lassen – auch mehrfach. Lehrer, die vorerkrankt sind, können sich durch ein ärztliches Attest vom Präsenzunterricht befreien lassen.

Unterricht in kleinen Gruppen und mit Mundschutz.

Schüler werden in kleinen Gruppen unterrichtet. Das wird im nächsten Schuljahr noch schwerer.

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imago images

Die Schule Alter Teichweg arbeitet seit Wochen an vielen kleinen Lösungen, um den Unterricht und den Schulalltag so sicher wie möglich zu gestalten. So hat der Hausmeister Plexiglas-Wände gebaut, die in bestimmten Situationen flexibel zwischen zwei Schüler oder vor das Lehrerpult gestellt werden können.

Björn Lengwenus: Bin froh, dass Schüler zur Schule kommen

Hätte Lengwenus lieber noch gewartet? „Nein, ich bin froh, dass unsere Schüler ab Donnerstag wieder da sind.“ Er sei auch froh, dass die Jungen und Mädchen nicht sieben Stunden lang mit Mundschutz im Unterricht sitzen müssen. Und er habe Hochachtung vor den Entscheidungsträgern, mit denen er nicht tauschen wolle.

„Aber natürlich habe ich gleichzeitig auch ein mulmiges Gefühl, die Kinder in kleinen Räumen ohne Mundschutz nebeneinander sitzen zu lassen“, räumt der Schulleiter ein. „Trotzdem finde ich den jetzt gewählten Weg, die Kinder in überschaubaren Gruppen zu organisieren, nicht verkehrt.“

Alter Teichweg: Dulsberger Schule mit 1600 Schülern

So können in Hamburg alle Schüler aus einem Jahrgang gemeinsame Kurse belegen und müssen auch keinen Abstand halten. Aber: Sie sollen von den anderen Jahrgängen getrennt werden und dort auf Distanz achten.

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Keine einfache Aufgabe für die Schulen, gerade wenn sie so groß sind wie der Alte Teichweg mit 1600 Schülern. „Unsere Lehrer machen jetzt gestaffelt Unterrichtsschluss, damit sich dann in den Pausenbereichen und in der Mensa nicht so viele Schüler treffen.“ So dass dann wirklich nur eine Stufe im Kontakt ist. „Ich glaube, dass das funktionieren kann“, so Lengwenus.

Eine in Hamburg gegründete Elterninitiative (sichere-bildung-hamburg) übt scharfe Kritik an diesem Jahrgangs-Prinzip. Zum einen lasse es sich gar nicht durchhalten. Zudem diene es höchstens der Schadensbegrenzung, weil nicht gleich die ganze Schule angesteckt werde.

Hamburg: Elterninitiative schreibt Brief an Tschentscher

Die Initiative bezeifelt, dass Kinder weniger infektiös sind als Erwachsene und sieht die Gefahr, dass sie Lehrer und Familienangehörige anstecken. Daher fordern die Eltern Unterricht in kleinen Gruppen mit Abstand. Durch Fernunterricht, digitale Angebote und notfalls gekürzten Lernstoff.

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Die Linke greift den Bildungssenator scharf an: „Die Schulbehörde spielt Bildungsungerechtigkeit gegen Infektionsschutz aus“, kritisiert die schulpolitische Sprecherin Sabine Boeddinghaus. „Belastete und benachteiligte Haushalte bieten dem Schulsenator nur das Feigenblatt, um seine konzept- und ideenlose Politik fortzuführen.“

Viel Sensibilität beim Homeschooling zu Corona

Schulleiter müssen sich bei solchen Diskussionen heraushalten, die Schulbehörde ist schließlich ihr Dienstherr. Was den Optimisten nachdenklich macht, das ist die aktuelle Stimmung. „Zu Beginn der Corona-Krise war es so schön, wie sensibel und wertschätzend alle miteinander umgegangen sind.“

Auch in der schwierigen Situation des Homeschoolings, als Schulen ganz vieles organisieren mussten. „Und jetzt scheint die Stimmung zu kippen und das alles ist dahin. Dabei ist es auch jetzt ganz wichtig, dass wir achtsam sind und aufeinander gucken.“

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