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  • Foto: Patrick Sun

Obwohl sie gebraucht wird: Assistenzhund „Lady“ muss vor der Tür warten

Geesthacht –

Schwanzwedelnd kommt die schwarze Hündin um die Ecke – zur Begrüßung lehnt sie sich gegen die Beine, schaut einem erwartungsvoll in die Augen und hofft auf eine Streicheleinheit. Die zweijährige Labrador-Mix-Hündin „Lady“ ist eine Assistenzhündin – mit ihr kann Frauchen Angelika Storm endlich wieder am Leben teilhaben. Viele Geschäfte sehen das allerdings anders: Assistenzhunde, nein danke!

„Bei Blindenführhunden fragt niemand, Assistenzhunde dürfen fast nie einfach mit rein“, sagt Angelika Storm im MOPO-Gespräch. Immer wieder muss sie mit den Mitarbeitern und Inhabern diskutieren, häufig werde von denen die Hygienekarte gezogen. Das sei nach dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales allerdings nicht haltbar, da Hunde weniger Dreck als Straßenschuhe produzieren.

Angelika Storm zusammen mit ihrer Hündin Lady in der Geesthachter Einkaufsstraße.

Angelika Storm zusammen mit ihrer Hündin Lady in der Geesthachter Einkaufsstraße.

Foto:

Patrick Sun

Assistenzhunde werden häufig nicht als vollwertige Hilfsmittel bei einer Behinderung oder Einschränkung anerkannt. „Das ist auch der Grund, warum sie von der Krankenkasse nicht bezahlt werden“, erklärt die 65-jährige Geesthachterin.

Aisstenzhunde werden von der Krankenkasse nicht finanziert

Auf MOPO-Nachfrage teilte die Techniker Krankenkasse als Begründung mit, dass ein Blindenhund im Gegensatz zum Assistenzhund „dazu dient, die Bewegung und Orientierung im Nahbereich sicherzustellen.“ „Lady“ ersetzt kein Sinnesorgan, sondern unterstützt. Für Angelika Storm ist der Labrador-Flat-Coated-Retriever-Mix mittlerweile aber unersetzlich.

Assistenzhunde tragen eine Kenndecke.

Assistenzhunde tragen eine Kenndecke, diese soll zum einen anzeigen, dass es sich um einen Assistenzhund handelt. Zum anderen soll sie Menschen davon abhalten, den Hund von seiner Arbeit abzulenken.

Foto:

Patrick Sun

Die Rentnerin leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufgrund sexuellen Missbrauchs im familiären Umfeld. „Bis ich 30 Jahre war, habe ich ganz normal gelebt und auf einmal kam der Schlag.“ Sie konnte das Haus nicht mehr verlassen, bekam Panikattacken. Zunächst wurde ein Herzleiden als Ursache diagnostiziert. Erst als sie eineinhalb Jahre später zu einer Kur geschickt wurde, stellte sich heraus, dass ihr Problem psychisch ist.

Entspannung: Hündin „Lady“ unterstützt im Alltag

Trotz erfolgreicher Therapien und ihrem Engagement für Opfer von Spätfolgen sexuellen Missbrauchs, gab es immer wieder dunkle Tage. An denen setzte die 65-Jährige keinen Fuß vor die Tür, zog sich in sich selbst zurück und verlor den Halt.

Seit knapp eineinhalb Jahren begleitet „Lady“ sie jetzt im Alltag. Sobald die Hündin im Raum ist, entspannt sich Angelika Storm. Immer wieder streift die Hündin fast beiläufig ihr Bein oder legt den Kopf in den Schoß.

In Deutschland gibt es kein Assistenzhundegesetz

„Sie holt mich aus Albträumen“, erklärt Storm. „Lady“ hat gelernt, das Licht einzuschalten, da gerade bei einer drohenden Panikattacke Helligkeit wichtig ist. Sie kann Dinge vom Boden aufheben, beim Ausziehen helfen oder an der Supermarktkasse für Abstand sorgen – Menschenmassen und Gedränge sind für die Rentnerin problematisch.

„Das größte Problem ist, dass es in Deutschland keine eindeutige Definition dafür gibt, was einen Assistenzhund ausmacht“, erklärt die Hamburger Ausbilderin für Assistenzhunde Sina Rademacher (40).

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Erschwerend kommt hinzu: Auch wenn für „Lady“ ein Ausbildungszertifikat vorliegt, ist die Rechtslage schwammig. Grundsätzlich heißt es in Artikel drei des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Die Hamburger Trainerin für Assistenzhunde Sina Rademacher zusammen mit ihren beiden Großpudeln Wookiee und Bu.

Die Hamburger Trainerin für Assistenzhunde Sina Rademacher zusammen mit ihren beiden Großpudeln Wookiee und Bu.

Foto:

Nils Göbel

In Deutschland gibt es aber noch kein Assistenzhundegesetz, welches eine klare rechtliche Grundlage bieten würde. Die Relevanz der Hunde sei aber unumstritten. „Gerade Anzeigehunde bei Diabetes oder Epilepsie sind auch in einem Geschäft wichtig, ich lasse ja schließlich auch den Rollstuhl nicht draußen, weil die Gänge zu eng sind“, sagt Rademacher.  

Es geht um die Teilhabe an der Gesellschaft

Auch der soziale Aspekt eines Hundes sei nicht zu verachten, erklärt die Trainerin. Allein die Anwesenheit der Tiere senkt den Puls und baut Stress ab. „Durch Lady muss ich raus, ob ich will oder nicht“, sagt Storm. Auf einmal kommt sie mit wildfremden Menschen ins Gespräch, das wäre vorher nicht denkbar gewesen. „Lady“ schenkt ihr Freiheit. So kann sie trotz ihrer Erkrankung wieder ein Teil der Gesellschaft sein.

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