• Fühlt sich als Mutter diskriminiert: Hafenarbeiterin Heike Röhrs (40)
  • Foto: Quandt/ Florian Quandt

Nicht familienfreundlich: Eurogate verweigert Arbeiterin gewünschte Teilzeit-Stelle

Waltershof –

Das Hafenunternehmen Eurogate rühmt sich als familienfreundlich, wurde dafür sogar ausgezeichnet. Doch ist das wirklich so? Eine Arbeiterin, die, weil sie Mutter geworden ist, gerne in Teilzeit gehen würde, liegt seit Jahren mit dem Terminalbetreiber im Clinch. Mitte März treffen sich beide Seiten vor Gericht.

Heike Röhrs arbeitet seit mehr als 15 Jahren bei Eurogate. Die 40-Jährige liebt ihren Job im Hafen und möchte nichts anderes machen, als weiter draußen bei Wind und Wetter die großen Container zu verladen. 

Schichtmodell stellt Eltern im Hafen vor Probleme

Doch seit der Geburt ihres Sohnes vor acht Jahren ist das alles nicht mehr so einfach wie früher. Denn: Im Hafen wird rund um die Uhr gearbeitet. Es gibt eine Frühschicht, die um 6.30 Uhr morgens beginnt und um 15 Uhr endet. Eine Spätschicht, die um 14.30 beginnt und um 23 Uhr endet. Die Nachtschicht geht von 22.30 bis 7 Uhr. 

Für eine Familie wie die von Heike Röhrs ist das schwer zu organisieren. Denn Röhrs‘ Mann arbeitet ebenfalls bei Eurogate im gleichen Schichtmodell. Der Sohn kommt um 15 Uhr aus der Schule nach Hause. Seine Eltern oft erst um 0 Uhr, denn sie müssen noch den weiten Weg nach Schneverdingen fahren, wo sie wohnen.

Kinderbetreuung: Ohne die Oma läuft gar nichts

„Ohne meine Mutter würde hier nichts funktionieren“, sagt Heike Röhrs. Doch die Oma ist zum einen 63 Jahre alt, zum anderen ist sie selbst noch berufstätig. „Meine Mutter kommt so oft erst weit nach Mitternacht ins Bett und muss um 8 Uhr topfit im Büro sitzen.“ Heike Röhrs will ihrer Mutter das nicht länger zumuten.

Containerterminal Eurogate im Hamburger Hafen

Das Containerterminal Eurogate in Waltershof.

Foto:

Patrick Sun/ Patrick Sun

Nach der Geburt des Sohnes hatte Heike Röhrs Elternzeit genommen. Dann wurde ihr Mann krank und kümmerte sich vier Jahre lang um den Sohn. Heike Röhrs arbeitete Vollzeit und sorgte fürs Familieneinkommen. Seit auch ihr Mann wieder arbeitet, ist das Familienleben ein einziger Balanceakt.

Eurogate lehnte Teilzeit-Antrag der Hafenarbeiterin ab

Um die Situation zu entlasten, stellte sie 2017 einen Teilzeit-Antrag. Sie wollte kürzere Schichten arbeiten. Also sechs Stunden, statt acht. Eurogate lehnte das ab. Das Unternehmen erklärt das gegenüber der MOPO so: „Die Teilzeit muss grundsätzlich zum Schichtsystem passen, das heißt es ist jederzeit möglich, weniger ganze Schichten zu arbeiten. Eine Arbeit in Teilschichten ist nicht möglich.“ Mit anderen Worten: Keine kürzeren Schichten, aber beispielsweise drei statt fünf Tage. Als rund um die Uhr tätiger Hafenbetrieb, vergleichbar mit der Bahn, einem Krankenhaus oder einem Energieversorger, könne nicht jeder Beschäftigte eine individuelle Arbeitszeit haben, da die die Prozesse eng ineinander greifen würden und die Angestellten sich direkt ablösen.

Da es einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit-Arbeit gibt, reichte Heike Röhrs Klage ein. Das Gericht gab ihr Recht. Von da an arbeitete sie sechs Stunden täglich. Doch Eurogate gefiel das nicht. Ende 2019 erhielt die VanCarrier-Fahrerin eine Änderungskündigung, die ihre gerichtlich erstrittene Teilzeit-Regelung wieder aufhob.

Hafenarbeiterin kommt oft erst um Mitternacht nach Hause

Seitdem arbeitet Röhrs an drei Tagen pro Woche Vollzeit. Wäre das die Frühschicht und Heike Röhrs um 16 Uhr zu Hause, wäre das für die Familie ein machbares Modell. Stattdessen erlebt sie eine Diensteinteilung, die sie als besondere Schikane empfindet: Eine Woche Frühschicht. Danach zwei Wochen hintereinander die Spätschicht. Also Heimkehr um Mitternacht.

Heike Röhrs entschloss sich daher, gegen die Änderungskündigung, die ihr das Sechs-Stunden-Modell nahm, vorzugehen – und gewann erneut vor Gericht. Eurogate hat Berufung eingelegt. Daher der Prozesstermin am 15. März.

Eurogate: Individuelle Lösungen sind nicht möglich

Röhrs will sich nicht streiten. Sie hat angeboten, auf eine Arbeit in Teilschicht zu verzichten und volle 8,5 Stunden zu arbeiten – jedoch dann nur im Frühdienst. „Wir haben viele Kollegen, die wegen der Zuschläge ausschließlich im Spätdienst arbeiten oder ausschließlich in der Nachtschicht. Warum soll das nicht auch im Frühdienst möglich sein?“, fragt sich Röhrs.

Dazu erklärt Eurogate: „Es gibt freiwillige reine Nacht- und Spätschichtmitarbeiter*innen. Hierdurch müssen die restlichen Mitarbeiter*innen, davon viele Eltern und auch Frau R., weniger Spät- und Nachtschichten leisten. Frühschichten sind bei sehr vielen Mitarbeiter*innen sehr beliebt“, so der Sprecher. Und: „Bei Eurogate gibt es viele Eltern in vergleichbaren Situationen wie Frau R. Leider können wir als Schichtbetrieb nicht für alle Eltern individuelle Arbeitszeiten vereinbaren.“

Der lange Streit hat Heike Röhrs krank gemacht

Genau das ist aber die Frage. Denn Heike Röhrs hat die Auseinandersetzung krank gemacht. Sie leidet an Depressionen und hat einen Schwerbehinderten-Status von 30 Prozent. Warum kann es da keine individuelle Lösung für sie geben? Und noch etwas kommt hinzu: Unter den rund 850 Hafenarbeitern bei Eurogate, die draußen mit der Container-Verladung zu tun haben, mag es zwar viele Eltern geben, nur 25 bis 30 der Arbeiter sind aber Frauen. Und die nicht alle Mütter. Dass noch mehr Mitarbeiter den Frühdienst für sich beanspruchen, wenn man ihn Heike Röhrs zugesteht, ist daher recht unwahrscheinlich. „Die allermeisten Kollegen sind ja Männer und zu Hause die Versorger. Die machen verstärkt die späten Dienste wegen der Zuschläge“, sagt Röhrs.

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Die Gewerkschaft Verdi hat sich hinter Heike Röhrs gestellt. „Wir sind empört darüber, dass Eurogate Hamburg unsere Kollegin Heike Röhrs mit einer Änderungskündigung bedroht, anstatt ihren gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit zu erfüllen“, heißt es in einer Solidaritätserklärung des Landesbezirksfrauenrates Hamburg. 

Gewerkschaft stellt sich hinter die Hafenarbeiterin

Sandra Goldschmidt, stellvertretende Landesbezirksleiterin von Ver.di Hamburg erklärte: „Dieses konkrete Beispiel zeigt, wie tief die strukturelle Diskriminierung von Frauen und Eltern trotz aller guten Vorsätze und gesetzlichen Regelungen noch immer unsere Gesellschaft prägt.“ Die Gewerkschaft erwarte, dass Eurogate die Änderungskündigung zurücknimmt und die Teilzeitbeschäftigung zur Vereinbarkeit garantiert umsetzt.

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