Maryam Blumenthal (35) will neue Hamburger Grünen-Vorsitzende werden.
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Neue Parteichefin?: „In Steilshoop wählt keiner die Grünen – das will ich ändern“

Sie war Hartz-IV-Empfängerin, hat in Steilshoop gelebt und will jetzt Parteichefin werden: Im Zweikampf um die Spitze bei den Hamburger Grünen gilt Maryam Blumenthal (36) als Favoritin. Mit der MOPO sprach sie über die Zurückhaltung ihrer Partei gegenüber der SPD, über fehlende Wähler jenseits der Wohfühl-Akademiker-Viertel und über ihre Konkurrentin Sina Demirhan (26).

MOPO: Sie werden gern als „grüne Rebellin“ bezeichnet. Sind Ihnen die Grünen in Hamburg zu brav?

Maryam Blumenthal: Ich würde mich selbst nicht unbedingt als Rebellin bezeichnen. Aber ich bin sehr furchtlos, was persönliche Konsequenzen angeht, und finde diese Herangehensweise auch wichtig in der Politik, um stets sachorientiert geleitet zu sein. Die Grünen sind inzwischen eine Schlüsselpartei, an der man beim Schließen von Bündnissen wirklich schwer vorbeikommt. Ich glaube, dass das noch nicht genug in unser Bewusstsein als Grüne übergegangen ist. Wir sind diejenigen, die 2020 extrem zugelegt haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir auf Bundesebene mitregieren werden. Es heißt ja oft: Wenn die Grünen hier oder da zu viel fordern, dann passiere das und das. Ich glaube daran nicht.

Wie weit würden Sie denn gegenüber der SPD gehen?

Ich würde niemals mutwillig einen Koalitionsbruch riskieren. Ich glaube aber auch nicht, dass es überhaupt so schnell zu Brüchen käme, wie es manchmal dargestellt wird. Die SPD weiß, dass die Menschen in dieser Stadt eine Koalition aus ihnen und uns wollen. Ich glaube, dass diese Ehe viel mehr aushält, als wir immer meinen.

Wähler bescheinigen Grünen wenig Kompetenz in Sozialthemen

Wo wollen Sie angreifen?

In der Sozialpolitik. Neben den Themen Mobilität und Wohnen ist eine sozialgerechte Stadt nämlich für die Menschen eines der politischen Hauptthemen. Doch genau hier schreiben uns die WählerInnen noch zu wenig Kompetenz zu, das muss sich ändern, wenn wir in der Stadt nachhaltig starke Ergebnisse erzielen wollen.

Sie sind in Steilshoop aufgewachsen. Warum sollte dort ein Hartz-IV-Empfänger die Grünen wählen?

Die Frage muss doch heißen: Warum sollte er es nicht tun? Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Wir stehen für eine sozialgerechte Stadt.

Fakt ist aber, dass in Steilshoop kaum einer die Grünen wählt. Steilshoop ist SPD-Hochburg.

Ja, wir haben bei der Wahl gesehen, dass Hamburg zwar im Zentrum grün ist, am Rand aber und auch in den wirtschaftlich schwächeren Stadtteilen sehr rot. In Hoheluft-Ost und -West wählen die Menschen uns. Oder in Eimsbüttel. Nicht aber in Steilshoop oder Billstedt. Und genau deshalb trete ich bei der Wahl zur Landeschefin an. Weil ich das ändern will. Mir blutet als Steilshooperin das Herz, dass wir mit unseren Themen in diesen Stadtteilen nicht durchdringen.

Was genau ist denn Ihr Angebot an die Steilshooper?

Es gibt einen Grund, warum ich mir das Ressort berufliche Bildung ausgesucht habe und im sportpolitischen Bereich unterwegs bin. Das sind Bereiche, über die man in die Gesellschaft reinkommt und die Menschen erreicht. Nur so können wir einen Draht zu allen Teilen der Gesellschaft herstellen. Die Menschen merken: Oh, da ist eine Partei, die sich wirklich dafür interessiert, wo bei mir der Schuh drückt. Ich weiß, dass das Bewusstsein für den Klimaschutz in Steilshoop kein vorrangiges Thema ist. Vielmehr geht es darum: Wie kann man auch einem Kind aus Steilshoop die Chance geben, Ärztin zu werden?

Blumenthal: Die Grünen müssen nicht mehr wie die SPD werden

Ein klassisches SPD-Kernthema.

Wir müssen da einfach noch an unserem Image arbeiten. Leute wie ich sind nicht die große Mehrheit in der Partei. Fluchtgeschichte, Hartz 4 und eine Leben im Hochhaus sind aber in der Gesellschaft keine Seltenheit. Wir bewegen uns noch sehr stark im Akademikermilieu. Wir sollten mit Blick auf 2025 schauen, dass wir uns mehr in Ressorts stark machen, die das soziale Gefüge unserer Stadt und damit auch für uns neue gesellschaftliche Gruppen betreffen. Die Voraussetzungen hierfür kann die Partei in den nächsten vier Jahren erarbeiten.

Also müssen die Grünen roter werden?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Unser Grundsatz muss einfach umgesetzt werden. Für uns steht der Mensch mit seiner Würde im Mittelpunkt. Wir sind nicht nur Ökopartei. Sondern die Partei verschiedenster Bürgerbewegungen. Wir wollen jedem Menschen die gleichen Chancen zusprechen und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft ausbalancieren.

Finden Sie eigentlich, dass Anna Gallina einen guten Job macht?

Sie ist sehr fleißig und hat viel in der Partei vorangetrieben. Hat die Partei kinderfreundlicher gemacht und sich auch um sozialpolitische Themen gekümmert. Sie hat einen Grundstein dafür gelegt, was wir als Partei sein könnten. Das muss man jetzt ausbauen.

Das klingt jetzt nicht gerade wie eine Lobeshymne. Eher nach: Da muss jetzt mal mehr Dampf auf den Kessel.

Doch, ich schätze sie wirklich sehr für ihre Arbeit und als Mensch. Ich würde aber auch sagen, dass ich einfach ein anderer Typ bin als Anna Gallina und jetzt andere Voraussetzungen herrschen.

„Ich kann mit mehr Selbstbewusstsein in den Landesvorsitz kommen”

Inwiefern?

Wir sind stark gewachsen und unsere Mitglieder bringen viel Power und auch eine klare Erwartungshaltung mit – ich kann daher mit mehr Selbstbewusstsein in den Landesvorsitz kommen. Ich habe einige wichtige Erfolge für unsere Partei erzielt, musste aber auch schon inhaltliche Niederlagen einstecken. Das rüstet mich gut. Zudem haben wir nun eine nahezu neue Fraktion und einen Fraktionsvorstand, der sehr progressiv denkt und sehr offen ist für eine starke Partei. Meine Voraussetzungen sind an dieser Stelle andere als jene, die Anna Gallina vor sechs Jahren vorgefunden hat, als sie in das Amt gekommen ist.

Sie und Ihre Mitbewerberin Sina Demirhan sind von den Voraussetzungen gar nicht so unterschiedlich. Warum sollten die Grünen Sie wählen und nicht Ihre Konkurrentin?

Ich muss sagen, dass ich Frau Demirhan erst seit einem Jahr aus meiner Rolle im Fraktionsvorstand kenne. Sie ist eine nette und freundliche Kollegin. Wie sie sich in politischen Auseinandersetzungen schlagen wird, kann ich nicht beurteilen. Ich bringe sieben Jahre Führungserfahrung im politischen Raum mit, habe drei Wahlkämpfe angeführt, ein Wahlprogramm geschrieben und Koalitionsverhandlungen geführt. Ich weiß, was es bedeutet, auch mal auf die Fresse zu bekommen von Parteimitgliedern oder von außen und kann Gegenwind gut aushalten, vor allem auch stellvertretend für andere. Ich weiß aber auch, was es bedeutet, gemeinsam hart zu arbeiten und Erfolge zu feiern. Das macht mich wohl aus, dass ich nicht müde werde, hart zu arbeiten.

Diese Rolle spielt Fridays for Future bei den Grünen

Warum Landesvorsitz und nicht Bundestag?

Ich bin ehrlich gesagt überhaupt nicht die Bundespolitikerin. Mein Herz hängt an Hamburg und an unserem Landesverband. Ich bin im Alter von 13 Jahren mit meinen Eltern hierher geflohen, ich habe hier studiert, drei Kinder geboren. Es ist einfach mein Zuhause.

Die Grünen verzeichnen einen Mitglieder-Boom, gerade auch aus dem FFF-Kontext. Zuletzt waren hier allerdings auch Risse erkennbar. Wir wollen Sie die Jugendbewegung bei der Stange halten?

Wir haben als Kandidaten für den Stellvertreterposten Leon Alam, der derzeit Sprecher der Grünen Jugend ist. Aus dieser Rolle heraus hat er einen sehr natürlichen Draht zu FFF. Ich denke, dass ein solches Bindeglied ziwschen Partei und FFF-Bewegung gut wäre. Wir können als Grüne nicht leugnen, dass unser Aufschwung auch ganz klar mit dieser Bewegung zusammenhängt.

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Noch eine letzte Frage: Wer wird Kanzlerkandidat der Grünen? Annalena Baerbock oder Robert Habeck?

Meine Favoritin ist im Zweifel immer die Frau.

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