Friseurbesuch unter Corona-Bedingungen
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Nerven am Ende: Hamburger Friseurin: „Kenne kaum Kollegen, die nicht schwarz arbeiten“

Viel ist gesprochen worden in dieser Pandemie über das Schicksal der Clubs, der Restaurants, der Künstler – und auch völlig zu Recht. Sie alle leiden. Eine Gruppe aber wurde lange vergessen, vor allem von der Politik: die Friseure. Einiges spricht dafür, dass sich viele Kunden bald einen neuen suchen müssen, denn manche Salons überleben diesen Lockdown wohl nicht. Mit einer, der das Wasser bis zum Hals steht, hat die MOPO gesprochen: Sigrid L. (42, Name geändert), Inhaberin eines Friseursalons in Altona. Was sie zu sagen hat, lesen Sie hier:

„Haben Sie schon mal von der Prohibition in Amerika gehört? Dem Verbot von alkoholischen Getränken? Wissen Sie, zu was das geführt hat? Jedenfalls nicht zu weniger Sauferei. Eher im Gegenteil. Die Mafia organisierte den illegalen Handel – und rund 10.000 Amerikaner sind gestorben, weil sie irgendwelchen Fusel gesoffen haben voll mit giftigem Methanol.

Friseurin aus Hamburg-Altona: „Lockdown bringt gar nichts“

Was das mit uns Friseuren zu tun hat? Eine ganze Menge. Glaubt denn jemand, es würden keine Haare mehr geschnitten, seit wir unsere Salons geschlossen lassen müssen? Nein, ich kenne kaum einen Kollegen, der nicht schwarz arbeitet. Das nennt sich dann ,Freunde besuchen‘. Da sitzen vier, fünf Leute in irgendeinem Wohnzimmer und kriegen die Frisur gemacht. Fragt sich nur, ob dabei genauso sehr auf Hygiene geachtet wird wie bei uns in den Läden, als wir noch richtig arbeiten durften.

Friseure

Der 14. Februar war ein Wunschtraum – aber am 1. März werden Friseursalons tatsächlich wieder geöffnet.

Foto:

imago images/Hanno Bode

Zumindest was die Friseure angeht, bringt dieser Lockdown pandemisch gar nichts, ist eher schädlich. Und deshalb bin ich froh, dass die Politik jetzt endlich zum 1. März die Salons wieder aufsperrt. Die letzten Wochen waren furchtbar. Eine Katastrophe. Meine Kollegen hatten doch gar keine andere Wahl als schwarz zu arbeiten. Wovon sollten sie denn leben?

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Im ersten Lockdown im Frühjahr ging es ja noch: Da hat der Staat relativ schnell relativ großzügig geholfen – mit dem Ergebnis allerdings, dass auch viele Betrüger Geld abgegriffen haben. Als wir dann im Sommer wieder öffnen durften, musste ich für die strengen Hygienemaßnahmen große Summen investieren. Gleichzeitig lief der Laden aufgrund der Abstandsregelungen nur mit halber Kraft. Ich durfte nur halb so viele Kunden bei mir im Laden haben wie sonst. Natürlich waren die Umsätze dann auch weit geringer. Die Chance, Rücklagen zu bilden, hatte ich also nicht.

„Der Staat hat uns rein gar nicht geholfen“

Jetzt, im zweiten Lockdown, hat der Staat für uns rein gar nix gemacht – mal abgesehen vom Kurzarbeitergeld für meine Angestellten, das ich aber auch erst vorstrecken muss. Noch ist davon übrigens nichts da …

In Aussicht gestellt ist außerdem die Überbrückungshilfe III, die ich aber frühestens Ende Februar beantragen kann. Überbrückungshilfe III bedeutet: Mir werden maximal 90 Prozent meiner Fixkosten – also Miete, Versicherung etc. – erstattet. Na toll. Da freut sich der Vermieter, da freut sich die Versicherung. Aber ich bekomme nicht einen einzigen Cent davon. Ich musste sogar schon meine Altersversorgung auflösen.

Vor ein paar Tagen gab es eine Videokonferenz der Handwerkskammer mit dem Wirtschaftssenator. Der hatte überhaupt keine Lösungen für uns parat. Nada. Nichts. Eine völlig sinnlose Veranstaltung. Uns wurde der Rat gegeben, wir sollten mal mit unserem Vermieter reden, ob der die Miete stundet. Ja, halten die uns eigentlich für blöd? Das hat doch jeder längst getan!

„Das verlorene Geld hole ich nie wieder rein“

Dass Beträge gestundet werden, nutzt mir übrigens gar nichts. Damit ist mein Untergang nur rausgezögert. Irgendwann muss ich es ja doch zahlen. Aber wovon? Wenn der Salon wieder aufmacht, ist es egal, ob ich dem Kunden zwei Zentimeter oder 20 Zentimeter abschneide, weil er jetzt so eine Matte hat. Das kostet den gleichen Preis. Das Geld, das mir in den vergangenen Wochen durch die Lappen gegangen ist, ist weg. Für immer. Das lässt sich nicht mehr aufholen.

Gut, dass es jetzt endlich wieder eine Perspektive gibt. 1. März. Das ist für mich wie Weihnachten und Ostern zusammen. Bei mir läuft schon das Email-Fach über: Alle Kunden wollen einen Termin, jetzt sofort. Oh Gott, das wird ein Chaos am Anfang. Aber ich freue mich auf die Arbeit.

Trotzdem: Ich kapiere immer noch nicht, wieso der Lockdown auch uns traf. Nachweislich hat es bundesweit nur ganz wenige Infektionen gegeben, die auf Friseurbesuche zurückzuführen waren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat es selbst gesagt im September: ,Mit dem Wissen von heute  hätte wir die Friseure im Frühjahr nicht schließen müssen.‘ Das waren seine Worte. Ja, da frage ich mich doch: Wieso wurden wir denn dann ein zweites Mal dichtgemacht?“

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