Richard Meyer in seinem Laden.
  • Richard Meyer in seinem Laden.
  • Foto: Florian Quandt

Nach 33 Jahren: „Andere Welten“: Älteste Fantasy-Instanz in Hamburg macht dicht

Rotherbaum –

Die Reise durch die Comic-Galaxien ist zu Ende: Das Mutterschiff „Andere Welten“ verlässt die Grindelallee und kehrt nie wieder zurück. Die älteste Fantasy-Instanz in Hamburg schließt nach über drei Jahrzehnten ihre Pforten für immer.

Für Nicht-Eingeweihte ist es ein recht unscheinbarer Laden, aber Kenner wissen, welche Magie sich hinter den Türen verbirgt. „Ziehen – du musst“ steht dort in bester Meister Yoda-Poesie. Demnächst gilt leider: „Das Leichentuch der dunklen Seite ist gefallen. Begonnen, der Angriff der Klonkrieger hat.“

„Andere Welten“: Fantasy-Laden in Hamburg schließt

Bis unter die Decke stapeln sich hier die Science-Fiction Bücher, die Fantasy-Romane, Figuren und Spiele. 

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Richard Meyer, der Herrscher über die „Anderen Welten“, ist inzwischen 72 Jahre alt. Seit 1987 ist er von seinen Comic-Schätzen in der Grindelallee umgeben. Am 14. Mai 1983 eröffnete der Fantasy-Buchladen nicht weit vom heutigen Standort. Am ersten Tag kam nicht ein Kunde, erzählt Meyer der MOPO. Damals hatte er den Laden nur Teilzeit geöffnet, nebenbei arbeitete er noch als examinierter Krankenpfleger in der Nachtwache. Nach der Geburt seiner zweiten Tochter kehrte er nach dem Vaterschaftsurlaub 1987 nicht mehr zurück. Er widmete sich „Andere Welten“.

Fantasy in Hamburg: Magische Momente in anderen Welten

In fast vier Jahrzehnten passieren so einige magische Momente. Erst kürzlich, erzählt Meyer, kam ein Mann mit seinem Sohn in sein Geschäft, schaute den Jungen an und sagte: „Du hast die freie Wahl!“ Mit staunenden Augen suchte der Kleine sich eine 80 Zentimeter Godzilla-Figur aus. „Nur, wenn du sie auch tragen kannst“, mahnte der Papa. Die Figur war dem Jungen zu schwer, aber der Vater hatte Erbarmen und half seinem Sohn beim Weg nach draußen. „Das verbindet – das sind alles Fans, die hier herkommen“, so Richard Meyer. 

Star Wars Geschäft

Richard Meyers (l.) Laden „Andere Welten“ ist der Anlaufpunkt für „Star Wars“-Fans. Inmitten von Action-Figuren, Lego-Bausätzen und Kostümen probiert MOPO-Redakteur Till Stoppenhagen ein Lichtschwert aus.

Foto:

PATRICK SUN

Richard Meyer geht nicht „zur Arbeit“, wenn er sich in seinen Laden aufmacht: „Ich bin selbst Sammler und wollte immer die Freude mit meinen Kunden teilen. Es verbindet uns alle die Liebe zum Fantastischen.“

„Andere Welten“: Onlinehändler nehmen ihm die Existenz

Es kamen Kunden mit ihren Freunden aus anderen Städten in den Laden und zeigten stolz, was ihr Hamburg zu bieten hat. „Kinder sind begeisterungsfähig, sie sind noch empfänglich für Magie“, erinnert sich Meyer, der vielen kleinen Nachwuchs-Fantasy-Fans ihren ersten Zauberstab oder auch das erste Lichtschwert verkaufte. Doch in den letzten Jahren verlieren die „Anderen Welten“ täglich Kunden ans Internet. „Gegen Ebay und Amazon können Einzelhändler es nicht aufnehmen“, sagt Meyer.

Steigende Miete für Hamburger Comic-Paradies

Nach 37 Jahren ist die Miete auf 5500 Euro gestiegen „Das muss erst einmal mit Figuren und Büchern erwirtschaftet werden.“ Seit zwei Jahren suchen Meyer und seine Frau einen Nachfolger, doch die 16 Kandidaten und Gruppen, die sie durch ihren Laden führten, bekommen trotz Ambitionen kein Geld von den Banken. 

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Nun muss der Comic-Fan schweren Herzens und „mit zwei weinenden Augen“ seinen Laden schließen. Bis zum 21. Juni 2020 wird abverkauft, einige Exemplare werden noch weiterhin über den hauseigenen Kanal vertrieben. Über seine Website und sozialen Netzwerken wird die Kategorie „Der Chef empfiehlt“ weitergeführt. „Man gibt so etwas nicht auf, man kommt aus dem Sammeln nicht mehr raus.“

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Nun will er sich mehr um seine Familie kümmern „Meine Frau und ich haben seit vielen Jahre keinen Urlaub gemacht. Es gibt einiges nachzuholen.“

Das empfiehlt der Chef von „Andere Welten“

Eine letzte persönliche Empfehlung? Da lässt „der Chef“ sich nicht lange bitten: Die Science Fiction Serie und die acht Bücher zu „The Expanse – Die Erweiterung“.

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Und der Lieblingsklassiker? „Schwierig.“ Und dann legt Richard Meyer sich doch noch fest:  „Die Zeitmaschine“. Passender könnte er seinen Abgang nicht formulieren.

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