Die Außenansicht auf die (nun) ehemalige Postfiliale in der Schlüterstraße – in das Backsteingebäude zieht jetzt die Universität ein.
  • Die Außenansicht auf die (nun) ehemalige Postfiliale in der Schlüterstraße – in das Backsteingebäude zieht jetzt die Universität ein.
  • Foto: Olaf Wunder

Nach 113 Jahren: Hamburg: Abschied vom schönsten Postamt der Welt

Rotherbaum –

Das Gebäude in der Schlüterstraße/Ecke Binderstraße sieht aus, als stamme es aus dem Mittelalter, ist aber doch „nur“ 113 Jahre alt. Eine großartige Geschichte hat es trotzdem: Es beherbergte das größte Fernsprechamt der Welt, später ging hier Hamburgs erster Radiosender „on air“. Zuletzt war das Backsteingebäude, das ein bisschen an eine Kathedrale erinnert, Sitz einer Postbank-Filiale. Doch die hat gestern ihre Pforte geschlossen – und zwar für immer.

In Zukunft soll das pompöse Bauwerk der Wissenschaft dienen: Die Universität Hamburg zieht ein. Es wird dort Büros geben, Seminarräume und Labore für die Geistes- und Sozialwissenschaften.

Zu den Nutzern werden unter anderem der Fachbereich Psychologie, der Forschungsschwerpunkt „Unterstanding Written Artefakts“ sowie mehrere Kollegforschergruppen gehören.

Filiale Schlüterstraße: Anwohner bedauern das Ende sehr

Das Ende der Postbank-Filiale bedauern Anwohner sehr. So wie Doris Sauder, die den letzten Öffnungstag gestern nutzte, um den Mitarbeitern Rosen zu schenken. „Das war mehr als nur eine Post-Filiale, das war total familiär hier“, sagt Sauder.

Sauder erzählt von einem Mitarbeiter, der auf dem Schreibtisch immer ein Foto von seinen Hunden platziert hatte. Jeder Kunde, der mit einem Hund in die Filiale gekommen sei, habe direkt ein Leckerli für den Vierbeiner bekommen. Als einem Mitarbeiter auffiel, dass sie regelmäßig Geld für ihren Sohn abhebe, habe er an sie appelliert, dass der Sohn gefälligst nicht so viel Geld ausgeben soll.

Altes Postamt in Rotherbaum war „ein Ort der Kommunikation“

Seit den 1980er Jahren war Sauder Kundin der Filiale. Schon während ihres Studiums sei sie oft und gern dort gewesen, erzählt sie. „Es war ein Ort der Kommunikation.“

In Zukunft wird Sauder ausweichen müssen zur Postbank-Filiale im Valentinskamp – die ist 1,8 Kilometer entfernt – oder zu der an der Eppendorfer Landstraße – Entfernung: 2,6 Kilometer. Im Umkreis der Postbank in der Schlüterstraße gibt es derzeit sonst nur zwei kleine Partnerfilialen, zwei Packstationen und einen Paketshop.

Ab 1908 Hamburgs Zentralfernsprechamt – damals das größte der Welt

Das Backsteingebäude in der Schlüterstraße wurde zwischen 1902 und 1907 erbaut. Ab 1908 saß hier Hamburgs Zentralfernsprechamt – damals das größte Fernsprechamt der Welt!

Von 1902 bis 1907 wurde das damals weltgrößte Fernsprechamt erbaut

Von 1902 bis 1907 wurde das damals weltgrößte Fernsprechamt erbaut. Hier stellte das „Fräulein vom Amt“ die Verbindung in die weite Welt her.

Foto:

hfr

Einige Jahre später wurde im Haus sogar Hörfunkgeschichte geschrieben: Am 2. Mai 1924 startete in fünf ehemaligen Gepäckräumen, die die Post nicht mehr benötigte, der erste norddeutsche Radiosender. „Hier ist die NORAG!“, so begrüßte Intendant Hans Bodenstedt damals die Zuhörer.

1930 lieferte die Nordische Rundfunk AG (NORAG) schon 6200 Stunden Programm und hatte 277 festangestellte Mitarbeiter. Die Räume im Fernmeldeamt reichten deshalb bald nicht mehr aus. Deshalb zog der Radiosender in die sogenannte Engelbrecht’sche Villa um. Dort, an der Rothenbaumchaussee, ist bis heute Sitz des NDR.

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Immer, vom ersten Tag an, war das Gebäude in der Schlüterstraße ein Postamt – und Anwohner wie Doris Sauder hätten es gerne gesehen, wenn es so geblieben wäre.

Immerhin ist sie froh, dass das Gebäude an die Universität geht. Es hätte schließlich auch schlimmer kommen können, findet sie. „Wenn ein Hotel eingezogen wäre – das wäre doch wirklich zu schade für das Gebäude gewesen.“

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