Carolin Stüdemann traf die Brüder Gerrit und Frederik Braun auf ein Wasser im Miniatur Wunderland.
  • Carolin Stüdemann traf die Brüder Gerrit und Frederik Braun auf ein Wasser im Miniatur Wunderland.
  • Foto: Florian Quandt

Miniatur Wunderland-Gründer im Interview: Warum Gewinnmaximierung nicht glücklich macht

Umweltzerstörung, Ausbeutung, Klimawandel – so wie jetzt können wir nicht weitermachen. Die MOPO stellt gemeinsam mit „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann in der Serie „Auf ein Wasser mit …“ Unternehmerinnen und Vordenker vor, die eine bessere Welt schaffen. Heute: Gerrit und Frederik Braun vom Miniatur Wunderland, die sich auf kreative Weise mit sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen.

Carolin Stüdemann: Ihr baut im Miniatur Wunderland Teile unserer Welt nach und gestaltet sie manchmal so um, wie ihr es für richtig haltet. Warum reicht es euch nicht, die Realität abzubilden?

Gerrit: Wenn man die Welt realistisch nachbauen möchte, merkt man schnell, dass einiges nicht erstrebenswert erscheint. Und wenn wir durch eine kleine Veränderung der „Realität“ auf ein offensichtliches Problem aufmerksam machen oder es gar lösen können, dann freuen wir uns mehr am Erbauten und können darüber hinaus vielleicht sogar Impulse oder Anregungen für die reale Welt liefern.

Auf ein Wasser mit Viva con Agua MOPO

Auf ein Wasser mit: Die Interview-Reihe von Viva con Agua und MOPO

Foto:

Viva con Agua

Viva con Agua nutzt die universell verständliche Sprache der Kunst auf dem jährlichen Kunst- und Kulturfestival „Millerntor Gallery“, um Menschen zusammenzubringen und auf soziale Herausforderungen aufmerksam zu machen – steckt eine ähnliche Intention auch hinter eurem Konzept?

Frederik: Es war nicht Teil unseres Anfangs-Konzepts. Es wurde uns aber schnell bewusst, dass wir auf besondere Art und Weise Möglichkeiten der Veränderung darstellen oder Missstände vor Augen führen können. Bei uns treibt auf dem skandinavischen Echtwasser eine kleine Eisscholle mit Greta Thunberg, einem Eisbären und einem die Schieflage der Scholle verursachenden SUV drauf. Dieses kleine Bild erzählt mehr als 1000 Worte und es löst bei den Betrachter*innen sofort eine emotionale Auseinandersetzung mit der Szene aus.

Gerrit: Das ist es, was wir uns wünschen neben der reinen Unterhaltung unserer Gäste: durch die Bilder zum Nachdenken anregen. Und wenn die Besucher*innen ihre Emotionen zulassen, kann genau in diesem Moment Veränderung beginnen.

War euch von Anfang klar, dass ihr mit dem Miniatur Wunderland auch politisch sein wollt?

Frederik: Nein. Wir empfinden uns auch nicht wirklich als politisch. Wir haben lediglich den Wunsch, in einer Gesellschaft zu leben, in der Mensch und Umwelt im Vordergrund stehen. Als Gesellschaft müssen wir uns gemeinsam für ein geeignetes Lebensmodell entscheiden, um mit den Herausforderungen der heutigen Zeit umzugehen. Wenn wir also unseren Besucher*innen zeigen, wie industrielle Massentierhaltung aussieht, dann kann sich jede*r seine Meinung darüber bilden – und erst aus dieser Meinung folgt die politische Entscheidung. Es freut uns, wenn diese dann weniger nationalistisch oder neokapitalistisch ausfällt, aber erst einmal möchten wir zum Nachdenken anregen.

Als Social Business bezeichnete Unternehmen unterstützen mit ihren Gewinnen gemeinnützige Zwecke. Welche unternehmerische Philosophie verfolgt ihr?

Frederik: Wir sind kein Social-Business-Unternehmen, aber auch kein klassisch kapitalistisches. Wir spenden recht viel und nutzen unsere Möglichkeiten, um sozial schwächere und benachteiligte Menschen zu unterstützen. Unser Unternehmensziel könnte man in einem Satz vielleicht so formulieren: Wir möchten den Menschen eine schöne Zeit schenken, uns nicht an ihnen bereichern, ein bisschen die Welt verbessern, vielleicht zurück zur sozialen Marktwirtschaft oder Gemeinwohlorientierung finden und unseren Mitarbeiter*innen ein gutes, sicheres und soziales Arbeitsumfeld bieten.

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Gerrit: Anders ausgedrückt: Wir freuen uns, wirtschaftlich zu sein trotz – oder gar durch – Unwirtschaftlichkeit in vielen Bereichen. Diese Unwirtschaftlichkeit ist es, die von der klassischen Gewinnmaximierung abweicht und uns am Ende glücklich(er) macht.

Jedes Jahr im Januar können Besucher, die sich den Eintritt nicht leisten können, gratis die Ausstellung besuchen. Ganz ohne Nachweis. Was bezweckt ihr damit?

Frederik: Mit dem Miniatur Wunderland erleben wir einen fantastischen Traum. Leider geht es nicht allen Menschen so gut. Es gibt so viele Menschen, für die ein Kino-, Theater- oder Wunderland-Besuch schlicht zu teuer ist. All denen möchten wir ein wenig Freude schenken, indem wir unsere Freude mit ihnen teilen. Denn Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt! Da wir auf keinen Fall Menschen subjektiv einteilen wollen, gab es die simple Lösung: Jede*r weiß doch für sich selbst am besten, ob man sich einen Besuch bei uns leisten kann oder nicht. Dieser Selbsteinschätzung vertrauen wir – und erleben immer wieder dasselbe: Ja, man kann den Menschen vertrauen und ja, man erfährt starke positive Emotionen, wenn man nicht nur an seinen Vorteil denkt.

Was wünscht ihr euch von den Hamburger*innen in diesen ungewöhnlichen Zeiten und im Jahr der Bundestagswahl?

Gerrit: Von den Politiker*innen würde ich mir wünschen, dass sie etwas weniger glauben zu wissen, was richtig ist, und dafür mehr zuhören und nachfühlen, welches Gefühl in der Gesellschaft vorherrscht. Und von den Menschen wünsche ich mir, dass jede*r für sich mal überprüft, was sie oder ihn wirklich glücklich macht. Dass sie sich selbst Fragen stellen: Welche Momente bringen tiefe, nachhaltige Freude? Sind es wirklich der SUV und die Likes bei Facebook oder vielleicht doch profunde Begegnungen mit Mensch und Natur? Oder, greifbarer: Wenn 99 Prozent der Wissenschaftler*innen den Klimawandel als menschengemacht sehen und 97 Prozent als existentielle Bedrohung und kaum ein*e Wissenschaftler*in es als eine gute Idee empfindet, weiter fossile Brennstoffe zu verbrennen, warum machen wir das noch? Ist es wirklich erstrebenswert, dass es immer leichter wird, reicher zu werden, wenn man schon reich ist? Sollte es nicht umgekehrt sein?

Frederik: Wir bieten eine Plattform und Anregungen für Fragen und Antworten – und wenn wir damit einen Impuls setzen, dass sich Menschen mit solchen Fragen auseinandersetzen, kann das vielleicht positive Veränderungen bewirken. 

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