• Partystimmung auf dem Schulterblatt in Hamburg am Samstagabend (18. Juli): Von Mindestabstand konnte hier keine Rede sein.
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Menschenmassen in der Sternschanze: „Eine Farce!“ Das sagen die genervten Anwohner

Völlig überfüllt, irrsinniger Lärm, von Abstand und Masken keine Spur. So sieht es im Moment in der Schanze aus, die von Partywütigen regelmäßig abends und vor allem an den Wochenenden überrannt wird. Die Anwohner sind mit diesen Problemen schon seit Jahren konfrontiert – sehen sich jetzt allerdings völlig neuen Dimensionen ausgesetzt. Und sie sind vor allem eins: genervt.

„Seit die Corona-Maßnahmen gelockert worden sind, wird es immer voller“, berichtet Tim Sennewald. Der 33-jährige Krankenpfleger wohnt direkt am Schulterblatt. Er findet es total absurd, dass er im leeren Bus oder Supermarkt eine Maske tragen und sich dann auf dem Heimweg zwischen lauter fremden Menschen bis zur Haustür durchquetschen müsse.

Hamburg Sternschanze: Anwohne genervt von Freiluft-Partys

„Wenn ich zur Frühschicht fahre, falle ich immer noch über ein paar Betrunkene“, erzählt er der MOPO verärgert. „Die anderen Maßnahmen werden so zu einer Farce.“

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Tim Sennewald (33) will sich auf dem Weg zum Supermarkt nicht durch Menschenmassen wühlen müssen.

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Die Feiernden seien nicht mehr in den Griff zu kriegen, einen Vorwurf an die Polizei mache er deshalb aber nicht. „Ich bin für ein striktes Alkoholverbot nach 20 Uhr“, so der Krankenpfleger. „Sowohl für Gastronomie als auch für Kioske. Die Gastro-Betriebe hier machen auch bis 20 Uhr genug Umsatz mit Alkohol. Und danach können sie ja trotzdem weiter bewirten.“

Hamburg Sternschanze: „Das ufert immer weiter aus“

Wenn man in der Schanze lebe, müsse man sich auf das Party-Volk schon von Anfang an einstellen, ist der 33-Jährige sicher. „Ich finde es allerdings ungerecht, dass Veranstaltungen wie Fußballspiele verboten bleiben, sich gleichzeitig aber diese Menschenmassen hier ansammeln, die sich weder an Abstand halten, noch eine Maske tragen.“ Er habe außerdem beobachtet, dass sich das Publikum vom Kiez immer weiter in die Schanze verlagere. „So viele Auto-Poser waren hier früher nicht“, erzählt Sennewald, „seit den ersten heißen Tagen ufert das immer weiter aus.“

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Auch Anwohner Sascha Schädlich hat den Eindruck, dass die Schanze zur „Reeperbahn 2.0“ wird. „Weiter als bis zur Altonaer Straße gehe ich abends eigentlich nicht“, stellt er klar. „Das aber schon länger. Jeder weiß, dass das hier ein Gefahrengebiet ist und jederzeit die Polizei dem Ganzen ein Ende machen könnte“, erzählt er.

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Anwohner Sascha Schädlich (37) hält nichts vom Feiern in der Schanze. 

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„Da lässt es sich auch einfach nicht entspannt mit Kollegen feiern“, fährt er fort. „das Feeling fehlt einfach. Es gibt hauptsächlich Müll, Krach und Schlägereien“

Hamburg-Sternschanze: „Die meisten Feiernden kommen von außerhalb“

Die Schanze ist für den 37-jährigen Glas- und Gebäudereiniger immer ein möglicher Hot Spot, G20 sei da das beste Beispiel. „Die meisten, die hier am Wochenende feiern, kommen von außerhalb.“ Die Schanze trocken zu legen hält er allerdings nicht für sinnvoll. „Dann besorgen die sich das eben vor 20 Uhr und stellen das irgendwo kühl“, gibt der 37-Jährige zu bedenken. Außerdem hingen die Existenzen der Läden daran.

Der Verein „Standpunkt Schanze“ hat im Namen des Stadtteilbeirats Sternschanze bereits Ende Juni in einem offenen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) und Innensenator Andy Grote (SPD) den Senat dazu aufgefordert, ein „dauerhaftes Außer-Haus-Alkohol-Verkaufsverbot, mindestens von Donnerstag bis Sonntag ab jeweils 20 Uhr“ einzuführen. Dies müsse sowohl Gastronomie als auch den Einzelhandel betreffen.

Hamburg Sternschanze: Offener Brief von Stadtteilbeirat bleibt unbeantwortet

Auf MOPO-Nachfrage erzählt Henning Brauer, Vorsitzender von „Standpunkt Schanze“, dass der Brief bis jetzt immer noch unbeantwortet sei. Vor seiner eigenen Haustür habe er am letzten Wochenende zum wiederholten Mal den Inhalt einer entleerten Blase gefunden – drum herum geschmückt von Scherben. „Soweit die Ergebnisse der jahrelangen Ignoranz durch Grote & Co.“, findet er klare Worte.

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Anwohnerin Arianne Christ-Huber sieht nicht allzu große Veränderungen in der Schanze speziell in der Corona-Zeit. „Es ist eigentlich ziemlich gleich geblieben“, sagt die 47-Jährige, „das ist in der Schanze eben normal.“ Sie selbst meide die überfüllten Spots – den Eindruck, dass sich die Partyszene in der Schanze derzeit immer weiter ausbreite, habe sie nicht. 

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Arianne Christ-Huber (47) findet die Menschenmassen normal für die Schanze.

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„Die Menschen sind eben Herdentiere“, sagt die Bürokauffrau. Sie selbst entspanne am liebsten im „Central Park“ in der Max-Brauer-Allee, dort würde nur eine bestimmte Anzahl an Leuten überhaupt reingelassen. „Und die Menschen geben sich in Bezug auf den Mindestabstand wirklich sehr Mühe.“

Hamburg-Sternschanze: Menschenmassen ohne Maske und Abstand

Coco Schirbutzki hat für die feiernden Menschenmassen deutlich weniger Verständnis. „Es ist einfach zum Kotzen“, sagt sie sauer, „es ist nervig, total dreckig und es verroht zunehmend.“ Die 37-Jährige arbeitet im Sicherheitsdienst, hat schon mehrmals versucht, deeskalierend auf die Feiernden einzuwirken.

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Anwohnerin Coco Schirbutzki (37) ist total genervt von den Partymassen.

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„Das ist einfach sinnlos“, berichtet sie. Wenn sie mit ihren zwei Hunden rausgehe, dann käme sie kaum durch die ganzen Menschen durch. „Und dann wollen die in ihrem Suff alle die Hunde streicheln, das möchte ich aber nicht.“

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Als sie Einzelne aufgefordert habe, das Streicheln der Hunde zu unterlassen und auf Abstand zu bleiben, seien diese regelrecht ausgetickt. „Der Alkohol-Konsum ist deutlich angestiegen“, findet sie, „nach dem Lockdown – als es hier gähnend ruhig war – ist es noch stärker geworden als vorher.“ Seit 20 Jahren wohne sie in der Schanze und sie wohne dort auch wirklich gerne. „Es war schon immer viel Party hier“, meint die 47-Jährige, „aber die Alkohol-Leichen auf den Straßen werden deutlich mehr.“

Freiluft-Partys in Hamburg: Stadt hat kein klares Konzept

Während Städte wie Frankfurt versuchen, die großen Party-Hotspots etwa durch ein Betretungsverbot zu entzerren, hat die Stadt Hamburg bisher noch kein klares Konzept vorgelegt, um Partymeilen wie die Schanze zu entlasten. Teile der Anwohner würd’s auf jeden Fall freuen, wenn deutliche Schritte in diese Richtung übernommen werden würden.

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