Belarus
  • Nicht nur Belarus, auch Polen und die EU tragen eine Mitschuld am Leid der Menschen vor Ort, findet Gast-Autorin Zaklin Nastic.
  • Foto: picture alliance/dpa/BelTA-Pool/AP | Oksana Manchuk

Am Rande der EU: So ist der hässliche, dreckige Alltag am Grenzzaun

Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis – einer sehr europäischen Finsternis. An der Grenze zwischen Polen und Weißrussland sind Tausende von Geflüchteten gestrandet. Was dort passiert, wollte Zaklin Nastic wissen – und flog am Freitag nach Polen. Nastic ist Bundestagsabgeordnete und Landessprecherin der Hamburger Linken. Die 41-Jährige wurde in Polen geboren und spricht die Sprache fließend. Menschenrechte sind im Bundestag ihr Thema – die Eindrücke dieses Wochenendes liegen ihr dennoch schwer im Magen: Mit Axel Grafmanns, einem Aktivisten des Berliner Vereins „Wir packen’s an“ mietete sie sich einen Wagen und fuhr von Warschau aus Richtung Grenze.

„Axel Grafmanns hatte sich in meinem Bundestagsbüro gemeldet. Er schlug vor, dass wir gemeinsam ins Grenzgebiet fahren. Ich habe spontan zugesagt. ,Wir packen’s an‘ hilft Geflüchteten, die an Europas immer brutaler bewachten Außengrenzen zu scheitern drohen. Und Axel hatte ein Hilferuf polnischer Aktivisten erreicht: Die ,Grupa Granica‘ ist ein Netzwerk von polnischen Helfern vor Ort – es sind 14 verschiedene Gruppen, viele kommen selbst aus den Dörfern und Städtchen an der Grenze. Und die brauchten Aufmerksamkeit vor Ort. Nicht unbedingt wegen der Hilfsgüter, denn die Hilfe ist längst angelaufen. Aber es geht um ein anderes rares Gut, um Informationen.

Warschau entscheidet über Bilder und Meldungen

Was wir in den deutschen Medien sehen, ist gefiltert durch die polnischen Medien, die der Regierung nahestehen – es gibt praktisch keine unabhängigen Journalisten, die in den gesperrten Grenzstreifen reindürfen. Also entscheidet Warschau, was nach außen dringt.

Und die Aktivisten vor Ort sind wütend: Die ach so erzchristliche PIS-Regierung missachte jedes einzelne Gebot, sagen sie – und die Bilder, die rauskommen, sind einseitig. Mariusz, ein Aktivist der ,Grupa Granica‘, schimpft: ,Da wird auf den Bildern eine Invasion suggeriert! Die tun so, als ob hier ganze Legionen anrücken.‘

Die hässliche Realität sieht anders aus

Was aber nicht nach außen dringen soll, ist der hässliche, dreckige Alltag am Grenzzaun. Also etwa die Geschichte von der hochschwangeren Frau aus dem Kongo, die mir berichtet wird. Die Frau wurde demnach von polnischen Grenzern auf einem Müllsack über den Zaun gehievt und zurück auf weißrussisches Terrain geschmissen.

Oder der junge Kurde, den Mariusz und ein weiterer Aktivist im Wald gefunden haben – außerhalb der Sperrzone, aber zu Tode erschöpft und unterkühlt. Mit ihren eigenen Körpern haben sie ihn erst mal gewärmt, im Krankenhaus wurde dann eine Lungenentzündung festgestellt – dennoch wollten die ihn gleich wieder vor die Tür setzen.

Es gibt viele dieser Geschichten – Fälle von Geflüchteten, die notdürftige ärztliche Hilfe bekommen, nur um dann wieder zurück ins Sperrgebiet gekarrt zu werden.

Als Polin schäme ich mich für diese Regierung

Zaklin Nastic (Linke)
Zaklin Nastic, 41, Hamburger Linken-Abgeordnete im Bundestag, verurteilt im MOPO-Standpunkt das Vorgehen der EU an den Außengrenzen.

Hier sind nachts jetzt schon bis minus 10 Grad. Man hört dann, bald käme der richtige Frost und dann habe sich das Problem von selbst erledigt. Als Polin schäme ich mich für diese Regierung.

Damit solche Geschichten nicht nach außen dringen, hat Polens Regierung eine einzigartige Situation geschaffen: In etwa drei Kilometer Abstand von der eigentlichen Grenze verläuft der Sperrstreifen, rund 180 Dörfer liegen in dieser Zone. Und nur deren Anwohner dürfen noch einreisen, polnische Grenz-Milizen haben alles abgeriegelt.

Was hat Polen zu verbergen?

So ein Gebiet, in das niemand reinkann, weder Ärzte noch Journalisten noch Hilfsorganisationen – so was hat es noch nie gegeben. Und da ist natürlich die Frage naheliegend: Was verstecken die dort, was haben die zu verbergen?


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Noch aus Deutschland habe ich die Einreise in diese Zone beantragt. Und wunderte mich nicht, als am Tag vor der Abreise die Absage aus Polen kam. Auf dem Weg Richtung Grenze erlebe ich dann die Kontrollen der Polen: Vor dem Städtchen Hajnówka werden wir an einer Straßensperre gestoppt. Die Polizisten sind total vermummt, durchsuchen unseren Kofferraum und wollen wissen, wo wir hinwollen und wo wir schlafen. So was bin ich aus Polen nicht gewöhnt, so was habe ich noch nie erlebt.

Das andere Polen: viele helfende Hände

Bis Hajnówka, etwa 20 Kilometer von der Grenze entfernt, geht schließlich die Fahrt. Hier aber treffen wir auch auf das andere Polen: den Leiter der örtlichen Feuerwache in Michalowo, der die Hilfsgüter sortiert und sie ausgibt an Aktivisten, die mit den Sachen dann zu den Geflüchteten vordringen. Die Leiterin vom Roten Kreuz, die stolz sagt, dass 80 Prozent der Spenden von der polnischen Zivilbevölkerung kommen – sowohl aus der Grenzregion wie auch aus dem ganzen Land. Und die Aktivisten, die hier einen Job machen, für den sich die europäischen Regierungen zu fein sind.

Das waren sehr intensive Begegnungen. Das sind alles selbst Eltern – und sie erzählen, wie viele Familien mit Kindern unter den Gestrandeten am Grenzzaun sind. Die können nicht ertragen, was in den Wäldern passiert. Mariusz sagt zu mir: ,Dieses Chaos hier ist von der polnischen Regierung organisiert und beabsichtigt.‘ Gestern habe ich die Grenzregion wieder verlassen, habe noch mit Vertretern polnischer Parteien gesprochen und ein offizielles Lager für Geflüchtete in der Stadt Bialystok besucht.

Die Schuld für diese Menschenrechtskatastrophe im Herzen Europas liegt natürlich nicht nur bei Polen – ohne die verbrecherische Politik von Lukaschenko wäre diese Lage nie entstanden. Aber eines ist offensichtlich: Fluchtursachen müssen beseitigt werden und nicht Geflüchtete. Oder, wie es Ula von der ,Grupa Granica‘ sagt: ,Hier muss es um Menschlichkeit gehen. Wir brauchen eine internationale Lösung. Das ist kein polnisches, kein europäisches, sondern ein Welt Problem.‘

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Abends in Hajnówka verarbeite ich die Eindrücke dieser Reise. Und die lassen mich frösteln: Polen ist sehr christlich, die Mutter Gottes ist Schutzpatronin Polens. Wir können heilfroh sein, dass die Heilige Familie nicht an diesem Grenzzaun gestrandet ist.“

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