Stevie Schmiedel
Stevie Schmiedel
  • Stevie Schmiedel schreibt einmal in der Woche in der MOPO zum Thema Feminismus.
  • Foto: hfr

Kolumne: Der große Irrtum beim Feminismus

Dr. Stevie Meriel Schmiedel ist Genderforscherin und Gründerin der Hamburger Kampagnenschmiede Pinkstinks, die reichweitenstärkste deutsche Organisation gegen Sexismus. Für die MOPO beantwortet sie wöchentlich Ihre Fragen. Heute geht es um das Thema Feminismus bei Männern – und den verbreiteten Irrtum, was Feminismus eigentlich ist.

„Frau Schmiedel, gibt es eigentlich auch männliche Feministinnen? Also – wie nennt man das denn dann? – Feministen?“ Mein Gegenüber lacht schallend, als könne es das Wort nicht geben. Dabei ist er inzwischen fast uralt: Der bei vielen Männern beliebte englische Spruch „This is what a feminist looks like“, der klarmacht, dass ein Mann für Gleichberechtigung einsteht. Aber die Vorstellung, ein Mann könne sich für den Feminismus begeistern, amüsiert und erstaunt Frauen und Männer immer wieder. Ich schätze, das liegt an einer weit verbreiteten Unkenntnis darüber, was Feminismus eigentlich ist. Feminismus ist jedenfalls kein Männerhass.

Neue Kolumne von Stevie Schmiedel in der MOPO

Der Komiker Atze Schröder hat das mal sehr gut dargestellt: In seinem Podcast „Zärtliche Kusinen“ erzählte er seinem Podcast-Partner, wie er mich kennengelernt hat. Ich hatte ihn in einem Hotel erkannt und gefragt, ob wir mal reden könnten. Er war kurz vorher mit einem unrühmlich sexistischen Werbespot für Würstchen in unser Kreuzfeuer geraten, und da ich gehört hatte, dass Atze eigentlich ein netter Kerl ist, fragte ich mich und ihn, wie so etwas zustande kommt. Ich lud ihn in unserer Hamburger Pinkstinks-Büro ein. Er habe so was von Schiss gehabt, berichtete er im Podcast, und gefürchtet, wir würden dort schon mit Motorsägen auf ihn lauern, um ihn in Teile zu zerlegen. Und dann haben wir gemeinsam sehr viel gelacht und über Werbestrukturen in Deutschland gesprochen. Ich habe ihm erzählt, warum es uns gibt, und das sei saunett gewesen.

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Wir sind also nicht gewalttätig, oft sehr gut gelaunt und wollen gar nichts Böses, nur die Gleichstellung der Geschlechter. Ja, und warum bitte heißt es dann „Feminismus“ und nicht „Gleichstellungs-Mus?“ Deutet das „Fem-“ nicht an, dass Frauen jetzt die Hosen anhaben oder auf jeden Fall alleine an der Spitze sein wollen? Und das wäre doch auch nicht fair.

Viele Männer unterstützen den Feminismus

Nein, das ist ein grobes Missverständnis. Die Bewegung für eine geschlechtergerechte Gesellschaft wurde im 19. Jahrhundert von Frauen angestoßen, die nicht studieren und wählen gehen durften. Auch heute noch sind es vorrangig Frauen, die sich im Feminismus um ihre eigenen Belange kümmern: Sie müssen noch immer erklären, wo sie überall sexuell belästigt oder bedroht werden und warum es nervt, dass Annalena Baerbock gefragt wird, wie sie Beruf und Kinder vereinbaren will, Armin Laschet aber nicht. Weil Frauen noch immer die sind, die am ehesten gleichgestellt werden müssen, heißt es Feminismus. Sollte sich das Blatt irgendwann wenden, brauchen wir selbstredend ein neues Wort.

Es gibt aber sehr viele Männer, die dieses Streben unterstützen. Warum sie das tun? Weil es für sie logisch ist, ihre Privilegien zu hinterfragen und diese mit anderen teilen zu wollen. Oder auch, weil sie Töchter, Schwestern oder Freundinnen haben, die sie lieben, und nicht wollen, dass diese in einer Welt leben, in der sie es schlechter haben als sie selbst. Eine Welt, in der Frauen zu oft abends in der U-Bahn von Deppen belästigt werden und man ständig Angst um sie haben muss.

Gleichstellung funktioniert in beide Richtungen

Sie sind aber auch oft Feministen, weil Gleichstellung in beide Richtungen funktioniert. Wenn Frauen mehr dürfen, kann auch mal verhandelt werden, ob Männer noch wirklich alles müssen. Denn je größer in unserer Gesellschaft der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist (Frauen: Haushalt, Kinder, wenig Erwerbsarbeit; Männer: kaum Haushalt, dafür viel, sehr viel Erwerbsarbeit), desto fester sind die Vorstellungen, was einen Mann so ausmacht. Und nicht jedem bringt es Spaß, Hauptverdiener zu sein, die Kinder kaum zu sehen, nie ein „Weichei“ sein zu dürfen und sich einfach mal, müde und verzweifelt, heulend aufs Sofa oder in die Arme eines Freundes schmeißen zu können, ohne „Bist du jetzt schwul oder was? Reiß dich zusammen, Mann!“ zu hören.

Dass diese überzogenen Vorstellungen an Männer schon etwas weniger werden, ist dem Feminismus zu verdanken. Noch in den 60er und frühen 70er Jahren sah man kaum einen Mann in Hamburg einen Kinderwagen schieben – das war hoch verpönt, tat man das, war ein „Mann kein Mann“. Heute sehen wir viele Männer mit ihrem Baby im Tragetuch, den kleinen, warmen, schlafenden Murkel dicht an den Körper gedrückt.

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Wenn Frauen sich nicht in Erwerbs-Arbeitssphären vorgekämpft hätten, wäre Männern dieses Glück verwehrt gewesen. Wenn auch Sie finden, dass das eine gute Entwicklung war, sind Sie wahrscheinlich schon Feminist. So einfach ist das. Und Sie müssen keine Angst haben: Es wächst ihnen deswegen kein Busen, Sie haben im Schnitt weiterhin viel mehr Muskelkraft. Ihre Frau wird Sie auch weiterhin ab und an bitten müssen, das Marmeladenglas aufzudrehen oder die Selterskisten hochzutragen. Und Ihnen wird auch nichts ähnlich Schlimmes passieren, wenn Sie sich ab heute Feminist nennen. Sie sind einfach nur in bester Gesellschaft in einer modernen Welt, in der wir überholte Rollenbilder hinterfragen und für uns alle mehr Freiheiten fordern.

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