Die Hamburger Genderforscherin Stevie Schmiedel
  • Die Hamburger Genderforscherin Stevie Schmiedel
  • Foto: Yvonne Schmedemann hfr

Frau Dr. Schmiedel, wie viel Sex steckt in Sexismus?

Es gibt ein Pressebild von der Deutschen Presseagentur (dpa), von dem ich wette, dass Sie das kennen: Eine Frau in einem roten, wie ich finde, sehr hübschen BH, die lasziv in die Kamera schaut. Über ihren halb nackten Körper hat ein:e Aktivist:in wütend „Sexismus!“ in pinker Farbe gesprüht. Warum Sie das kennen sollten? Weil ich die Presse zu Sexismus seit Jahren intensiv verfolge und gefühlt jeder Text in deutschen Zeitungen genau dieses Foto zur Bebilderung unter die Überschrift setzt. Und, jetzt kommt’s: Ich habe ein riesiges Problem damit. Denn die Werbung, über die jemand gut meinend „Sexismus!“ gesprüht hat, ist nicht sexistisch. Sorry, aber nee.

Es ist nervig, dass wir meist sehr junge Frauen in Größe 34 bis 36 in der Dessous- und Bikinimode sehen. Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft, in der Frauen meist den Kürzeren ziehen. Dazu gehört, dass sie einen riesigen Druck aus der Modewelt erfahren, gertenschlank und ewig jung zu bleiben. Die meisten Models in der Werbung sind so groß und dünn, dass jedes normalgewichtige Mädchen daneben dick aussieht.

Dass die Modewelt Frauen kleinhält (ewig auf Diät, ewig sich zurückhalten, bloß nicht zu viel Raum einnehmen), das ist Sexismus pur. Sexismus ist nämlich die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, und Geschlecht heißt auf Englisch „sex“. Und man könnte sagen, Modewerbung mit dünnen, großen Models ist per se sexistisch.

Ewig auf Diät: Modewelt hält Frauen klein

Plakat der Initiative Pinkstinks
Plakat der Initiative Pinkstinks

Aber das einzelne Bild? Sexismus? Nur weil da eine Frau in einem BH zu sehen ist? Das Werbebild ist nicht sexistisch, wenn die nackte Frau diesen BH trägt, damit genau dieser BH gekauft wird – und nicht zum Beispiel der Sessel, auf dem sie sitzt. Das ist kein Sexismus, sondern Logik.

Ein BH wird am Körper und nicht über dem T-Shirt getragen. Er soll, gerade wenn ihn Spitze und Satin zieren, meistens dazu da sein, damit sich die Frau attraktiv fühlt. Unsere Gesellschaft kann diese Form von Erotik im öffentlichen Raum schon aushalten, wir leben ja nicht mehr im Viktorianischen Zeitalter.

Werbung für Sexspielzeug ist nicht sexistisch, sondern ermächtigt Frauen

Auch Werbung für Sexspielzeug ist erlaubt und nicht „sexistisch“. Im Gegenteil! Masturbation ist gesund und im öffentlichen Raum besonders für Frauen ermächtigend. Und ja, Kinder halten das aus. Erklären Sie, dass das ein Massagestab ist, und fertig. Ebenso legitim ist Werbung für Sexarbeit, die Sexarbeiter:innen nicht entwürdigend darstellt. Davon gibt es, leider, nicht viele, aber genau, Babylon (ein Bordell, Anm. d. Red.), dich meine ich besonders – nimm dir ein Beispiel am Relax! Die machen es besser.

Studien belegen, dass die ständige Abbildung von halb nackten, devot schauenden Frauen dazu beiträgt, dass Frauen generell weniger Respekt erfahren. Das ärgert ungemein. Trotzdem: Das einzelne Bild ist daran nicht schuld und wir können juristisch schlecht fordern, dass der BH nicht oder ab jetzt nur noch an knackigen Männern oder älteren Damen beworben wird. Wir können dazu gesellschaftlich Druck machen, und das geschieht auch – nicht umsonst gibt es immer mehr normalgewichtige Frauen in der Werbung zu sehen. Zum Glück.

Immer mehr normalgewichtige Frauen in der Werbung

In Sexismus muss also nicht unbedingt Sex drinstecken. Im Gegenteil: Wenn Sie auf einem Plakat mal wieder eine angezogene Frau über die Schulter eines Mannes geschmissen sehen mit dem Slogan „Wir entsorgen Ihre Alte“ (Zeitung, Einrichtung, Sofagarnitur, ich habe da eine ganze Sammlung von), dann bitte laut aufschreien. Oder das Bild an die „Werbemelder.in“ schicken, die Werbemeldestelle von Pinkstinks.

Dort können Sie sich übrigens weiter informieren, was noch alles sexistisch ist – und Sie werden sich wundern, wie oft das ohne Sex auskommt. Aber auch, wie viele halb nackte Frauen es in der Werbung gibt, die keine Erotika oder Dessous bewerben. Sondern Notenständer, Hundefutter, Presslufthammer, Bodenbeläge, Angelhaken und, ja, leider auch Toilettenpapier. Um zu sehen, dass das herabwürdigend für Frauen ist, da brauchen Sie sicher nicht mich für.

Halbnackte Frauen werben für Presslufthämmer

Und wenn Sie eine Sprühdose rumliegen haben, dürfen Sie bei diesen Motiven sehr gerne ans Werk gehen. Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie Ihr fertiges Kunstwerk fotografieren und an die dpa senden würden! Herzlichen Dank!

Ihr habt Fragen zum Feminismus? Stellt sie uns! feminismus@mopo.de

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