In den Klassenräumen muss wegen der Corona-Pandemie alle 20 Minuten gelüftet werden. (Symbolbild)
  • In den Klassenräumen muss wegen der Corona-Pandemie alle 20 Minuten gelüftet werden. (Symbolbild)
  • Foto: picture alliance/dpa/Daniel Bockwoldt

Lüften oder Filtern?: Aktuelle Debatte um Luftreiniger — das bringen sie wirklich

Der Winter rückt näher und in deutschen Klassenzimmern wird es kalt: Es soll regelmäßig gelüftet werden, lautet die Anweisung der Kultusminister im Kampf gegen Aerosole. Warum wurde in den Schulen nicht mehr in Luftfilter investiert? Und sind Filter überhaupt effektiver als Lüften? Die MOPO beantwortet die wichtigsten Fragen.

Immer wieder werden Infektionen bekannt, Jahrgänge müssen in Quarantäne. Viele Eltern melden sich bei der MOPO, sind verunsichert, weil die Informationen seitens der Gesundheitsämter und Schulen zu spärlich seien. Die Kritik an dem Konzept des Senats wächst: Seit Sommer sei recht wenig passiert und auch die RKI-Empfehlungen, beispielsweise Masken für Schüler bereits ab Klasse 5, seien in Hamburg erst spät umgesetzt worden.

Was passiert mit den 400 Euro, die jedem Hamburger Klassenzimmern versprochen wurden?

Am Freitag gab der Senat bekannt, dass alle Schulen in Hamburg pro Klassenzimmer 400 Euro bekommen sollen. Von dem Geld sollen etwa Plexiglasscheiben vor den Lehrerpulten oder CO2-Warner bezahlt werden. Von Luftfiltern ist keine Rede.

Auch daran wächst die Kritik: Statt seit Monaten ein Konzept für den Herbst und Winter zu erstellen, würden jetzt kurzfristig Gelder bereitgestellt, um Klassen nachzurüsten. Einzelne Schulen, wie die Goldbek Grundschule in Winterhude, haben bereits selbst gehandelt: Dort wurde Anfang Oktober ein Luftreiniger übergeben.

Warum wurden die Schulen nicht massenhaft mit Luftfiltern ausgestattet?

Die Kultusministerkonferenz hatte als Schulkonzept lediglich regelmäßiges Lüften empfohlen. Das Umweltbundesamt gab vor ein paar Wochen außerdem eine vielseitige „Empfehlung“ für das Lüften an Schulen heraus. „Mobile Luftreinigungsgeräte sind nicht als Ersatz, sondern allenfalls als Ergänzung zum aktiven Lüften geeignet“, heißt es dort. Das Lüften über das Fenster sei die „beste und einzige Möglichkeit, frische Luft ins Klassenzimmer zu bekommen“.

Anders sieht das der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach: „Wenn wir verhindern wollen, dass sich die Schulkinder im Winter alle mit dem Coronavirus infizieren, brauchen wir in jedem Klassenraum einen mobilen Luftfilter“, sagte Lauterbach der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ und nannte auch die Kosten: „Eine Luftfilteranlage kostet pro Schüler maximal 100 Euro“. Die Kosten von rund 3000 Euro pro Klassen solle der Bud übernehmen. 

Auch Teile der Hamburger Elternschaft wollen sich nicht auf das Lüften verlassen. Initiativen wie „Sichere Bildung Hamburg“ werfen der Politik vor, das Beharren auf Präsenz-Unterricht und Lüftungspläne seien unzureichend. Sie fordern eine „Teilung der Klasse in kleinere Lerngruppen, Abstand im Klassenzimmer, Wechselunterricht unter Nutzung digitaler Möglichkeiten.“

Aerosole in Klassen: Was bringt das Lüften?

Professor Christian Kähler vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München hat seit dem Frühjahr die Verteilung von Aerosolen in Klassenräumen und Großraumbüros simuliert.

Ende September beschreibt er in seinen Ergebnissen, dass Lüften oft überschätzt werde: „Die freie Lüftung ist physikalisch nur dann wirkungsvoll, wenn entweder ein großer Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen besteht oder der Wind vor den Fenstern weht.“

Außerdem: Viele Fenster in Deutschlands Schulen lassen sich nicht öffnen — entweder aus Sicherheitsgründen wenn das Klassenzimmer nicht im Erdgeschoss ist oder weil Teile defekt sind.In Hamburg trifft das laut Schulbehörde aber nur auf 0,5 Prozent aller Klassenzimmer zu.

Was bringen eingesetzte Luftfilter in Räumen?

Die Hersteller versprechen, dass die Geräte infektiöse Aerosole aus der Raumluft fast vollständig herausfiltern. Forscher der Goethe-Universität in Frankfurt haben die Probe gemacht und stellten eine Woche lang vier Luftreiniger in einer Schulklasse mit Lehrern und 27 Schülern auf. 

Das Fazit: Bestimmte Luftreiniger können die Aerosol-Konzentration in einer halben Stunde um 90 Prozent senken. Zu einem ähnlich Ergebnis kam die Universität der Bundeswehr in München. Dort wurden bei einem bestimmten Gerät Aerosolpartikel mit einem Durchmesser von 0,1 bis 0,3 Mikrometer zu 99,9 Prozent aus der Raumluft abgeschieden.

Martin Kriegel, Professor an der Technischen Universität Berlin mit Forschungsschwerpunkt luftgetragene Verunreinigung, betont allerdings, dass es sowohl bei Stoßlüften als auch beim Filtern lediglich um eine Verdünnung der Virenlast gehe. Der Raum könne nie ganz gereinigt werden, lediglich das Mischverhältnis der mit Viren belastete Luft.

Welche Bedingungen müssen die Luftfilter erfüllen?

Laut Professor Christian Kähler gibt es drei Kriterien, die er in einem „Spiegel-Interview“ erläuterte. Erstens sollte das Gerät in der Lage sein, mindestens das sechsfache Volumen des Raumes in einer Stunde zu filtern. 

Als zweites Kriterium spielten die Filter eine Rolle. Laut Kähler bekomme man nur mit einem Hepa-Filter (High Effiecency Particulate Air/Arrestance) der Klasse H13 oder H14 auch kleinste Partikel aus der Luft.  Das dritte Kriterium für ihn ist die Lautstärke der Geräte, die 52 Dezibel nicht überschreiten darf: Denn wenn der Luftreiniger zu laut sei, würden viele ihn dann nach einigen Stunden doch abschalten. 

Schützen die Luftfilter auch im Privatgebrauch?

Ja. Auch die kleineren Geräte ab hundert Euro, die dann zwei oder drei Stunden bei einem Besuch eines anderen Haushaltes laufen, geben laut Professor Christian Kähler eine zusätzliche Sicherheit. Aber auch dort sollte auf H13- oder H14-Filter geachtet werden, die nach der europäischen Lüftungsnorm geprüft sind. 

Was kann neben Luftfiltern noch eingesetzt werden?

Für Professor Martin Kriegel ist es vor allen Dingen wichtig, die Personenzahl in Innenräumen sowie die Aufenthaltszeit zu begrenzen. Das sagte er dem „Tagesspiegel“. Er schlägt zumindest in den oberen Klassen nur zwei bis drei Präsenztage vor sowie eine CO2-Ampel. Christian Kähler empfiehlt zusätzlich Plexiglaswände zwischen den Schülerplätzen.

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