Wie eine Filmkulisse: eine Fabrikhalle der Union-Eisenwerke in Pinneberg.
  • Wie eine Filmkulisse: eine Fabrikhalle der Union-Eisenwerke in Pinneberg.
  • Foto: Florian Quandt

paidLost Places: Das war einst die Wiege von Pinnebergs Wohlstand

Wie kann man als Super-Reicher der Gesellschaft etwas zurückgeben? Das ist derzeit bei „Wohlhabenden“ weltweit ein großes Thema. Vor mehr als 150 Jahren aber interessierte das keinen Fabrikbesitzer. Schlimme Ausbeutung der Arbeiter war an der Tagesordnung – um den Reichtum der Fabrikanten zu mehren. Doch in Pinneberg gab es mit den Union-Eisenwerken damals einen Betrieb, bei dem gleich zwei Eigentümer anders dachten.

Pinneberg war noch ein ziemlich verschlafenes Nest, als 1856 zwei Fabrikanten die Union-Eisenwerke gründeten. Sie stellten verzinnte und gestanzte Geschirre her. Zwölf Jahre später kauften die Gebrüder Miether das eher unbedeutende Unternehmen. Doch als 1870 der Deutsch-Französische Krieg begann, gab es einen Großauftrag für die Lieferung von Heeres-Geschirr an die deutschen Truppen. Der Fall von Paris 1871 wurde im Garten von Firmenchef Theodor Miether mit 101 Salutschüssen aus einer Kanone gefeiert.


Florian Quandt Thomas Hirschbiegel (li) und Florian Quandt

Lost Places

Der Autor: Thomas Hirschbiegel (l.) ging 1977 direkt von der Schule zur MOPO, war erst zehn Jahre Fotoreporter und dann ab 1987 Redakteur mit dem Spezialgebiet Polizei, Architektur und Stadtentwicklung.

Der Fotograf: Florian Quandt begann seine journalistische Tätigkeit beim „Elbe Wochenblatt“, absolvierte ein Redakteurs-Volontariat beim „ Pinneberger Tageblatt“ und ist seit 2005 Fotoreporter bei der MOPO.


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Lost Place: Die Union-Eisenwerke in Pinneberg

Doch der „Kriegsgewinnler“ hatte eine ausgeprägte soziale Ader. So senkte er als einer der ersten deutschen Fabrikbesitzer die tägliche Arbeitszeit auf zehn Stunden. Miether schuf eine Betriebskrankenkasse, eine Sterbekasse und half tatkräftig mit, eine Berufsschule in Pinneberg zu gründen. 1872 veranstaltete der Unternehmer in einer Werkhalle eine prachtvolle Weihnachtsfeier für 250 Kinder seiner Beschäftigten.

Die Arbeiter dankten es ihm anlässlich seiner Hochzeit mit einem großen Festumzug: Mit Laternen und Fackeln zogen sie zu seiner Villa und feierten ihren Chef mit lautem Jubel. Sogar Dankes-Anzeigen schalteten sie in Pinneberger Zeitungen. Dem so Gefeierten fehlte es nicht an unternehmerischem Selbstvertrauen, damals sagte er: „Wer hat Pinneberg auf die Stufe gebracht, auf der es jetzt steht? Die Antwort: Größtenteils das Union-Eisenwerk. Wovon lebt Pinneberg? Größtenteils vom Union-Eisenwerk.“

1872 ließ sich Miether das damals prächtigste Privathaus Pinnebergs am Fahltskamp 36 errichten. Es war das erste Pinneberger Haus mit Strom – geliefert vom werkseigenen Elektrizitätswerk. Im selben Jahr wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Produktion von verzinntem Geschirr auf emaillierte Ware umgestellt.
1876 dann der Schock: Eine Revisionskommission hatte gefälschte Bilanzen und Unregelmäßigkeiten bei der Dividendenvergabe festgestellt, Theodor Mieter kam in Haft. Die 300 Mitarbeiter konnten es kaum glauben. 1878 folgte der Konkurs.

Union-Eisenwerke: Gleich zwei soziale Unternehmer sorgten für einen Aufschwung

Doch das Wunder geschah: Im selben Jahr erwarb Herman Wupperman das angeschlagene Unternehmen, und er war ebenfalls ungewöhnlich sozial eingestellt. Wupperman, der auch einen amerikanischen Pass besaß, modernisierte und erweiterte die Fabrik. Statt 200 wurden nur noch 30 verschiedene Produkte hergestellt. Um 1900 beschäftigte er schon 600 Mitarbeiter, und Union war eines der größten Emaillewerke Europas. Lagen die Umsätze 1878 noch bei knapp 600 000 Reichsmark, betrugen sie 1900 schon mehr als drei Millionen. Gleichzeitig kümmerte sich Wupperman um die soziale Absicherung seiner Leute bei Krankheit oder Unfällen und führte eine Rentenstiftung und einen Kohlen-Konsumverein ein.

Florian Quandt Blick vom Bahndamm auf das historische Fabrikgebäude.
Blick vom Bahndamm auf das historische Fabrikgebäude.
Blick vom Bahndamm auf das historische Fabrikgebäude.

Rund um die Hermanstraße, direkt am Werk, baute der Direktor zahlreiche Werkswohnungen, viele Häuser stehen heute noch. Die Wochenmiete betrug knapp drei Mark, das waren 30 Prozent weniger als in vergleichbaren Mietshäusern. Der Tageslohn eines Arbeiters betrug um die vier Mark. Da der Frauenanteil in der „Pottbude“ hoch war, gründete Wupperman eine Koch- und Haushaltsschule. Wupperman damals: „Zweifellos ist ein Gutteil des Elends, welches man in Arbeiterfamilien findet, auf die Unsicherheit der Frauen zur selbstständigen Führung des eigenen Haushalts zurückzuführen.“

Auf Wunsch seiner Frau zog Wupperman 1893 nach Düsseldorf. Zwei Direktoren führten das Unternehmen aber in seinem Sinne weiter. 1898 starb Herman Wupperman bei einem Unfall. Seine Kutsche war auf dem Rückweg von einer Jagd in Oberhausen von einem Zug erfasst worden. Auf Initiative der Belegschaft wurde 1902 am Rondeel Hermanstraße/Ottostraße ein Denkmal des Unternehmers aufgestellt.

Dann kam der Erste Weltkrieg – und wie schon zuvor im Deutsch-Französischen Krieg verdiente das Eisenwerk prächtig: Denn die Millionen deutsche Soldaten in den Schützengräben brauchten Kochgeschirr. Für die Rüstungsproduktion wurde die Frauen-Arbeitszeit verlängert. Die Situation an der „Heimatfront“ verschärfte sich bald. 1917 gab es Hunger-Unruhen in Pinneberg, Union-Arbeiter stürmten Brotläden.

Nach dem Krieg ging es zunächst wieder aufwärts. 1925 zählte man 725 Beschäftigte. Der Betrieb verfügte auf einer Fläche von gut 300 000 Quadratmetern über ein eigenes Wasserwerk und ein Gaswerk. Doch die Weltwirtschaftskrise 1929 veränderte alles. Mitarbeiter mussten entlassen und Werkswohnungen verkauft werden. 1935 war die Zahl der Beschäftigten auf 280 geschrumpft.

Union-Eisenwerke: Profiteur von Krieg und Zwangsarbeitern

Und ein drittes Mal war es der Krieg, der dem Unternehmen einen Aufschwung brachte. 1939 galten die Union-Eisenwerke als wichtiger Rüstungsbetrieb, jetzt wurden – neben Feldflaschen und Kochgeschirr – auch Minen, Bombenzünder und Panzerfaust-Teile hergestellt. Auch Zwangsarbeiter mussten hier schuften. Das Werk wurde während des Zweiten Weltkriegs „Beutegutsammelstelle“, immer wenn eine Ladung per Zug ankam, lauerten da die Pinneberger Jungs, um vielleicht einen französischen Stahlhelm oder ein britisches Koppel zu ergattern.
Nach Kriegsende stürmten die Pinneberger das große Beutegut-Lager, die Polizei verschoss vergeblich Tränengas, um die Plünderer zu vertreiben.

Den allerletzten Aufschwung erlebten die Union-Eisenwerke nach der Währungsreform 1948, denn Privathaushalte hatten Nachholbedarf beim Hausrat. In den 50er Jahren aber ging es endgültig bergab. Geschirr aus Aluminium oder Kunststoff verdrängte emaillierte Haushaltswaren.

Florian Quandt Die Dächer der gut 150 Jahre alten Gebäude sind löchrig.
Die Dächer der gut 150 Jahre alten Gebäude sind löchrig.
Die Dächer der gut 150 Jahre alten Gebäude sind löchrig.

1962 wollte die Betriebsleitung auf hochwertige Geschirre aus Edelstahl umstellen. Dafür wurden aber deutlich weniger als die damals noch 200 Beschäftigten benötigt. Um profitabel zu bleiben, mussten Betriebs-Grundstücke und weitere Werkswohnungen verkauft werden. 1963 kam es zu ersten Abrissen von Fabrikgebäuden. Der Niedergang des einstmals so stolzen Pinneberger Betriebs endete mit der endgültigen Werksschließung 1986.

Seitdem verfallen die Gebäude. 2018 brannte es auf dem Gelände. Auf Anfrage der MOPO teilte die Stadt Pinneberg mit, dass man seit Jahren Gespräche mit dem Eigentümer führt, um das Areal sinnvoll zu nutzen – ohne Erfolg.