Tausende Autofahrer passieren die Villa Lokstedter Weg 47 täglich, kaum einer kennt die Geschichte des Hauses.
  • Tausende Autofahrer passieren die Villa Lokstedter Weg 47 täglich, kaum einer kennt die Geschichte des Hauses.
  • Foto: Quandt

„Lost Place“ mitten in Hamburg: Das Bordell hinter biederer Fassade

Eppendorf –

Eingeklemmt zwischen zwei großen Mietshäusern steht die kleine gelbe Villa Lokstedter Weg 47 in Eppendorf. Sperrmüll türmt sich im Eingangsbereich, die Fassade ist verwittert. Laut Bezirksamt ist dem Eigentümer eine Abbruchgenehmigung erteilt worden. Damit würde ein Haus mit einer bewegten Geschichte verschwinden. Fast 20 Jahre lang befand sich hier nämlich eines der wenigen Bordelle von Eppendorf. 

Gebaut um 1900, war das Gebäude eines der wenigen Einzelhäuser an der Hauptverkehrsstraße. Anfang der 80er Jahre kaufte Willi W., im Milieu besser bekannt als „Puff-Willi“, das Haus. Acht Wohneinheiten vermietete er an meist ausländische Prostituierte.

Puff-Villa innen

In einem Anbau türmt sich die ausgeräumte Einrichtung der Villa.

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Quandt

Damit sich die Freier beim Klingeln bei „Susy“ oder „Elaine“ nicht so schämen, ließ der Bordell-Chef extra eine Sichtblende aus Metall am Eingang montieren. Doch Willi W. versäumte zu überprüfen, ob seine Mieterinnen sich vielleicht illegal in Deutschland aufhalten. So kam es immer wieder zu Razzien.

Nach Razzien: Bordell in Eppendorf beschlagnahmt – 200.000 Mark sichergestellt

Nachdem im Juni 2001 erneut sechs illegal hier lebende Frauen angetroffen wurden, ließ die Kripo im Rahmen der Gewinnabschöpfung bei Straftaten die Villa beschlagnahmen. Außerdem stellten die Beamten beim Bordell-Chef fast 200.000 Mark (100.000 Euro) sicher. Während des Verfahrens vermietete Willi W. die Wohnungen weiter – aber diesmal nicht an Prostituierte, sondern an Studenten. Auch er selbst blieb dort erst einmal wohnen.

Brutaler Überfall auf „Puff-Willi“ – Räuber erbeuten Schmuck und Rolex

Am 3. Mai 2003 holte „Puff-Willi“ dann seine Rotlicht-Vergangenheit ein. Morgens um 9  Uhr klingelte es an der Tür. Willis Partnerin Reni (53) sah draußen einen Mann, der nur „Post“ sagte. Als sie arglos öffnete, stürmten zwei Räuber ins Haus, warfen die Frau zu Boden und würgten sie. Das Duo schleifte das Opfer ins Wohnzimmer. Dort saß Willi W., damals 75 Jahre alt. Auch er wurde von den Verbrechern brutal zu Boden gedrückt. Einer der Täter nahm eine Schere und drohte: „Wir schneiden dir jeden Finger einzeln ab, wenn du uns nicht sagst, wo das Geld ist.“

Puff-Villa Briefkästen

Die Briefkästen sind im Laufe der Zeit aufgebrochen worden.

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Doch da der Bordellbetrieb ja nicht mehr lief, befanden sich nur 200 Euro im Haus. Die raubten die vermutlich russischen Männer. Außerdem erbeuteten sie etwas Schmuck und eine goldene Rolex-Uhr. Das Duo entkam, der Überfall konnte nie aufgeklärt werden.

Staat ließ Villa zwangsversteigern – Besitzer nicht bekannt

Nach der Tat wollte Willi W. dort nicht mehr leben, zusammen mit seiner Partnerin zog er aus. Der Staat ließ die Villa zwangsversteigern. Als Wert wurden lediglich 120.000 Euro festgesetzt. Wer das Gebäude damals erwarb und wer es heute besitzt, teilte das zuständige Bezirksamt Nord nicht mit. 

Nur so viel ließ Amtssprecherin Elina Wiesner jetzt verlauten: „Im März 2020 ist die Abbruchgenehmigung erteilt worden. Im Dezember 2020 haben wir den Eigentümer aufgefordert, das Grundstück aufzuräumen.“

Zuletzt wurde die Immobilie von einem bekannten Makler angeboten. Die Preisforderung:1,8 Millionen Euro.

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