Solche unnötigen Einsätze lähmen den Rettungsdienst in Hamburg
  • Häufig müssen Rettungswagen und Notärzte zu ünnötigen Einsätzen ausrücken. (Symbolfoto)
  • Foto: RUEGA

Mäusebiss in Vagina und Mückenstich: Die Irrsinns-Einsätze von Hamburgs Rettern

Der Rettungsdienst der Hamburger Feuerwehr ächzt unter immer mehr Einsätzen, zeitweise sind ganze Stadtteile ohne einsatzbereiten Rettungswagen (RTW). Aber: Für viele Notrufe wäre nach MOPO-Informationen gar kein Rettungswagen erforderlich gewesen. Sanitäter verraten uns die irrsten Einsätze allein aus den vergangenen zwei Wochen.

Sonnenbrand, Mückenstich und leere Zigarettenschachtel: Mindestens fünf Mal am Tag, sagen Sanitäter der MOPO, seien durch Bagatellen wichtige Rettungsmittel blockiert. Ihr Appell an die Hamburger: „Nutzt das gut funktionierende Rettungssystem in Hamburg nicht aus. Sonst seid ihr es vielleicht, die im Ernstfall warten müssen, weil ein einsatzbereiter Rettungswagen grad durch einem anderen, wenig notwendigen Einsatz blockiert ist.“

Angeblich von Maus in Vagina gebissen – Rettungswagen rückt aus

Einige Beispiele allein aus den vergangenen Tagen:

1. Juli in Eimsbüttel: Ein Mann wählt den Notruf und gibt an, nach einer Strahlentherapie radioaktive Strahlen auszustrahlen. Dazu leide er Übelkeit. Ein Rettungswagen und sogar der Umweltdienst rücken an. Der Mann leidet lediglich unter Übelkeit.

7. Juli in Alsterdorf: Eine Frau wählt den Notruf der Feuerwehr und meldet eine Maus, die ihr im Bett zwischen die Beine gekrabbelt sei und sie im Schambereich gebissen hätte. Weder Maus noch Beißspuren werden gefunden.

4. Juli in Heimfeld: Eine Frau behauptet am Telefon, dass ihr Sohn die Affen-Pocken habe. In besonderer Schutzausrüstung nähert sich die gerufene RTW-Besatzung dem Patienten. Ergebnis: zwei Mückenstiche.

9. Juli in Jenfeld: Ein Mann wählt den Notruf, weil er innere Unruhe und Herzrasen habe. Vor Ort wird festgestellt, dass dem gehbehinderten Kettenraucher die Kippen ausgegangen waren. Er fragt die Kräfte, ob sie ihm nicht eine Schachtel kaufen können. Die Frage wird verneint, die Kräfte rücken ab.

10. Juli in Dulsberg: Ein Tritt ans Schienbein nach einem Ehestreit wird der Leitzentrale gemeldet. Ein Mann lässt sich mit einem Rettungswagen in die Klinik bringen. Dort ist ihm die Wartezeit zu lang, er ruft ein Taxi und lässt sich in die nächste Kneipe fahren – wo ihn die RTW-Besatzung später wieder erkennt, als sie vor der Kneipe einen Senioren mit Kreislaufkollaps versorgen.

Unnötige Notrufe lähmen den Rettungsdienst in Hamburg
Für diesen Einsatz rückte ein Rettungswagen der Feuerwehr an. Maus und Bisswunde wurden nicht gefunden.

Wenn sich an einem Einsatzort herausstellt, dass es sich nicht um einen Notfall handelt, kann der Anrufer mit den Kosten des Einsatzes belastet werden, jedenfalls, wenn der Notruf missbräuchlich getätigt worden ist. Das Problem: Die Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle müssen sehr schnell entscheiden, ob ein Notfall vorliegen könnte, eine Überprüfung der Angaben des Anrufers ist nur sehr begrenzt möglich.

Ein Sprecher zur MOPO: „Solange die Feuerwehr nicht zu 100 Prozent sicher ist, dass kein Notfall vorliegt, ist sie verpflichtet, ein geeignetes Rettungsmittel zum Einsatzort zu schicken, das ist immer eine Einzelfallentscheidung.“

Immer häufiger rücken die Rettungswagen der Feuerwehr zu Bagatellnotfällen an.
Ein Beamter in der Einsatzzentrale der Feuerwehr. (Symbolfoto)

Stellt der Disponent in der Einsatzzentrale nach den standardisierten Abfragen jedoch fest, dass es sich um eine „Bagatellmeldung“ handelt, verweist er den Notrufer an den ärztlichen Notdienst. Dort soll es in der Regel lange Wartezeiten geben, bis ein Arzt beim Patienten erscheint – was die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg bestreitet. Laut ihrer Aussage soll die Wartezeit je nach Dringlichkeit maximal eine Stunde betragen.

Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und kassenärztlicher Vereinigung

Dennoch kommt es vor, dass der Disponent in der Einsatzzentrale den zuvor an die Ärzte verwiesenen Bagatell-Patienten erneut in der Leitung hat – und zwar direkt vom ärztlichen Notdienst durchgestellt. Patienten-Pingpong? Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung bestätigt dieses Vorgehen: „Wenn das Ergebnis der medizinischen Selbsteinschätzung ergibt, dass ein RTW gerufen werden muss, verfügen wir über eine Standleitung zur Feuerwehr, so dass wir den Anrufer direkt an die 112 übergeben können.“ So wird der zuvor als Bagatellfall eingestufte Patient doch noch ein Fall für einen Rettungswagen.

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Der Personalengpass bei den Rettern wird schlimmer: In Hamburg gehen seit Jahren mehr Feuerwehrkräfte in Pension, als nachrücken. Dann kam auch noch Corona: Im Pandemiejahr 2021 wurden in der Stadt rund 24.000 Einsätze mehr als im Vorjahr verzeichnet. Die Lage ist dermaßen angespannt, dass Löschfahrzeuge außer Dienst genommen werden, um Rettungswagen besetzen zu können.

Rafael Trautmann, Sprecher der AG Leitstelle, fragt: „Wer rettet den Rettungsdienst, der in vielen Städten selbst zum Notfall geworden ist? Anstatt auf den Bürger zu schimpfen, der sich nicht mehr selber helfen kann, und der für Bagatellen die 112 wählt, müssen wir überlegen, wie wir kurzfristig – jede Leitstelle für sich – etwas ändern können“.

Ähnlich massive Probleme auch in anderen Städten

Jan Heinrich, Vorsitzender des Landesverbands Hamburg der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft: „Wir haben die Politik immer wieder darauf hin gewiesen, dass das System Rettungsdienst vor dem Kollaps steht. Es ist bundesweit überall das gleiche Problem. Aktuell arbeiten wir intern an möglichen Entlastungsvorschlägen, welche wir mit der Politik erörtern werden.“

Die Berliner Feuerwehr steht im Rettungsdienst vor einem ähnlichen Problem, nahezu täglich wird dort der Ausnahmezustand ausgerufen. Auch dort steht zeitweise kein einziger einsatzbereiter Rettungswagen zur Verfügung. Dramatisch: Die Retter warnen gar davor, dass es Tote geben könnte.

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