In den Ordnern sind die über 2800 Bewerbungen für das Stipendium fürs Nichtstun einsehbar.
  • In den Ordnern sind die über 2800 Bewerbungen für das Stipendium fürs Nichtstun einsehbar.
  • Foto: Hami Roshan

Kunstaktion erregt weltweit Aufsehen: HFBK Hamburg vergibt Stipendium fürs Nichtstun

St. Georg –

Feministin und Muslimin als Widerspruch? Weit gefehlt: Eine Gewinnerin des Stipendiums für Nichtstun von der Hochschule für bildende Künste setzt eine Woche lang ihr Kopftuch ab und zeigt ihre drei Millimeter kurzen Haare. Damit will sie in einem Zuge gegen gleich zwei typische Rollenbilder angehen. Alle Bewerbungen sind im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt.

Die Initiatoren der drei mit jeweils 1600 Euro dotierten Stipendien von der Hochschule für bildende Künste (HFBK) haben ein seltenes Anliegen: Sie wollen das Nichtstun fördern. 

Hamburger HFBK: „Nichtstun kann auch heilsam sein“

Doch geht es bei dem Stipendium um mehr, als die reine Untätigkeit. Friedrich von Borries, Initiator und Hochschulprofessor an der HFBK, erklärt im Gespräch mit der MOPO: „Wir möchten zeigen, dass das Nichtstun auch positive Effekte haben kann. Gerade in einer Welt, die vom Konsum geprägt ist und in der jeder immer alles erreichen möchte. Da kann es heilsam sein, Sachen einfach nicht mehr zu tun.“

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Die mehr als 2800 Bewerbungsschreiben sind Teil der Ausstellung „Schule der Folgenlosigkeit – Überlegungen für ein anderes Leben“ im Museum für Kunst und Gewerbe (MK&G). Zwar ist die Ausstellung derzeit geschlossen, jedoch haben die Initiatoren zu den Themenfeldern eine kostenlose App entwickelt.

Folgenlosigkeit also in Zeiten, in denen jeder der Welt seinen Stempel aufdrücken möchte. Aber: Das Stipendium löste weltweit Aufmerksamkeit aus und Bewerbungen trudelten sogar aus Indien und Brasilien ein.

Stipendium für Nichtstun

Hilistina Banze (31) Gewinnerin des Stipendiums für Nichtstun von der HFBK.

Foto:

hfr

Unter den drei Gewinnerinnen ist die Hamburger Sozialpädagogin Hilistina Banze (31). Mit ihrer Aktion will sie aufrütteln: Gegen die Vorurteile, die ihr als schwarzer, muslimischer Frau durch das Stück Stoff um den Kopf entgegengebracht werden. Gegen das ständige Reduziertwerden auf das Tuch. Gegen die ständigen Rechtfertigungen.

Stipendiatin: „Muslimische Frauen sind mehr als nur ein Kopftuch“

Banze erklärt: „Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass muslimische Frauen mehr sind als nur ein Kopftuch.“ Denn ihr „Nichtstun“ im Rahmen des Projekts ist es, eine Woche lang das Kopftuch morgens nicht anzulegen und ihre drei Millimeter kurzen Haare zu zeigen.

„Ich halte diesen Schritt für einen Akt der Selbstermächtigung“, sagt Banze. Und: „Für viele werden meine kurzen Haare ein Dorn im Auge sein. Viele empfinden das als unweiblich.“ 

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Somit geht die Sozialpädagogin gleich gegen zwei Rollenbilder an: Das der muslimischen, kopftuchtragenden Frau. Und dann noch gegen das der westlichen Frau, mit den langen, wallenden Haaren.

Das neue Motto soll heißen: Verlernen statt lernen

Auch viele der anderen Bewerber würden sich gegen typische Erwartungshaltungen und Rollenklischees auflehnen, erzählt von Borries. Und genau das sei das Ziel. In eine andere Welt einzutauchen, in der es heißt: Verzicht zu üben, zu zerstören, Glaubenssätze zu verlernen, statt zu lernen, Entscheidungen abzugeben.

Ausstellungsstück „Wartehäuschen“

Der Initiator Friedrich von Borries in dem Ausstellungsstück „Wartehäuschen“.

Foto:

Hami Roshan

„Es wäre toll, wenn mehr Menschen realisieren, dass auch durch die Untätigkeit viel erreicht werden kann. Das war schon bei den Stoikern und alten Griechen bekannt“, erzählt der Hochschulprofessor.

Die Initiative von Hilistina Banze zeigt genau das: Etwas nicht zu tun, kann im Außen eine große Strahlkraft entfalten. Man müsse dafür nur mutig genug sein, betont der Initiator.

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