Rechtsanwalt Fabian Bernhardt (r.) verteidigte am Montag seinen Mandanten Bernd K.(l.) vor Gericht. 
  • Rechtsanwalt Fabian Bernhardt (r.) verteidigte am Montag seinen Mandanten Bernd K.(l.) vor Gericht. 
  • Foto: Florian Quandt

Krankheit führt zu Gewalt: Hochsensibler Mann: „Manchmal gehe ich hoch wie eine Rakete”

Bernd K. (63) musste sich am Montag wegen körperlicher Misshandlung und Beleidigung in fünf Fällen vor Gericht verantworten: Der Angeklagte hatte mehrere Menschen in Bussen und im Fahrstuhl angerempelt und geschubst. Hinter den scheinbar willkürlichen Angriffen steckt ein seltenes Krankheitsbild. Der Angeklagte wurde zu einer kuriosen Wiedergutmachung verurteilt.

Begonnen hat die Geschichte im Jahr 1971: Der damals 13-Jährige Bernd K. wurde Opfer eines schweren Autounfalls, schlug als Fußgänger mit dem Kopf auf ein Autodach auf, lag fünf Wochen lang im Koma. Der Schüler hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und war einseitig gelähmt.

Prozess in Hamburg: Hochsensibler vor Gericht

Das Laufen musste er erst wieder lernen, der Arzt verschrieb ihm Tabletten gegen seine Angstzustände. „Die haben mich schläfrig gemacht“, erklärt Bernd K. im Gespräch mit der MOPO. Als er die Tabletten im Jahr 2014 schließlich absetzte, konnte ein Arzt erstmals noch etwas ganz anderes feststellen: Bernd K. ist hochsensibel und hochbegabt. „Ich denke deshalb viel nach und kann mich ganz anders ausdrücken als vorher“, sagt er.

Doch das Schädel-Hirn-Trauma hatte noch weitere Folgen. Sie führten zu einer Schwerbehinderung, die von außen kaum erkennbar ist: Der Angeklagte leidet unter einer verminderten Impulskontrolle, Gleichgewichtsstörungen, zeitverzögerter Wahrnehmung und einer verminderten Sehleistung. Gleichzeitig habe der große und kräftige Mann oft den Eindruck, die Menschen würden ihm aus dem Weg gehen. Er fühlt sich isoliert, manchmal sogar diskriminiert.

Prozess in Hamburg: Angeklagter entschuldigt sich bei Opfern

So erklärt sich Bernd K. auch, warum er im Bus oder im Fahrstuhl andere Menschen anrempelt oder bepöbelt. „Wenn Menschen meine Behinderung nicht verstehen, gehe ich manchmal hoch wie eine Rakete“, sagt er im Gericht. Oft zeigten die Menschen in Bussen kein Verständnis für seine Erkrankungen und machten ihm keinen Platz frei – einmal ist er der Länge nach hingefallen. In solchen Situationen habe er „Spannungen, die raus müssen“. Dennoch wollte der 63-Jährige offenbar niemanden absichtlich verletzen: Er bat vor Gericht alle drei geladenen Zeuginnen um Entschuldigung.

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Mehrere Nervenärzte haben die Schwerbehinderung infolge des Schädel-Hirn-Traumas festgestellt, auch der psychiatrische Sachverständige bestätigt die Diagnose vor Gericht.

Gerichtsprozess: Verfahren gegen Bernd K. wird eingestellt

Heute lebt Bernd K. als Frührentner in einer betreuten Einrichtung und hat bei einem Literaturstudium seine Leidenschaft für die Lyrik entdeckt: Er schreibt Gedichte, Märchen und Kurzgeschichten, hat Freunde aus Schriftsteller-Kreisen und bezeichnet Bücher über Psychologie als sein Hobby. „Bei diesen Menschen fühle ich mich aufgenommen und akzeptiert“, sagt er zur MOPO.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Rechtsanwalt Fabian Bernhardt plädierten auf die Einstellung des Verfahrens. Der Richter folgte dem, allerdings unter einer Auflage: Zwei der Opfer, die vor Gericht aussagten und Verletzungen davongetragen hatten, sollten von Bernd K. entschädigt werden. Da allerdings gerade ein Insolvenzverfahren läuft, fiel diese Auflage ziemlich ungewöhnlich aus: Der 63-Jährige soll den beiden betroffenen Frauen eine Kurzgeschichte zukommen lassen.

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