Domina Violet
  • Domina Violet, eine der Protagonistinnen aus dem Bildband „Sex-Workers – Das ganz normale Leben“
  • Foto: TIM OEHLER

Kochen, Daddeln, Gassigehen: Prostituierte ganz privat

Der Hamburger Fotograf Tim Oehler präsentiert in einem aufwendigen Bildband 30 Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter – in ihrem Job und ganz privat. Die Fotos: respektvoll, niemals voyeuristisch. Das Ziel: Menschen, die einer tabuisierten Arbeit nachgehen, ein Gesicht zu verliehen. In ihren eigenen Worten schildern die Porträtierten ihre Motivation, ihr Selbstverständnis und ihre Sicht auf das Leben. MOPO-Redakteurin Stephanie Lamprecht sprach mit Tim Oehler über die Anlaufschwierigkeiten des Projekts, gut erzogene Hunde und das Gefühl, als einziger angezogen unter Nackten zu stehen. Zu erhalten ist das Buch auch im MOPO-Shop auf mopo.de oder über sex-workers.de

Porträt des Fotografen Tim Oehler
Der Hamburger Fotograf Tim Oehler hat Sex-Abeiterinnen und -Arbeiter im Job und privat porträtiert

MOPO: Tim Oehler, wie schafft man es, dass Prostituierte sich in Puschen auf dem heimischen Sofa fotografieren lassen? Geht man da einfach auf den Kiez und fragt?

Tim Oehler: Das war tatsächlich mein erster naiver Gedanke. Das habe ich zwei Mal gemacht und mir schön eine blutige Nase geholt. War auch klar. Die arbeiten da und ich komm mit meiner Visitenkarte an. Ich hatte das Projekt schon fast beerdigt, aber dann bin auf den „Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen“ gestoßen, habe da mal angefragt und die haben das in ihr internes Netz gestellt. Kurz darauf haben sich die ersten Teilnehmerinnen gemeldet. Komischerweise niemand aus Hamburg.

Wie ist die Idee überhaupt entstanden?

Am Anfang stand eine Ausstellung, die ich in Paris gesehen habe: Prostitution in der Malerei bis 1910. Toulouse Lautrec, Monet, Degas, eine ganz tolle Schau. Die Leute standen davor und haben den Mund nicht mehr zu bekommen. Irgendwann, als ich abends fotografieren wollte, bin ich auf dem Boulevard de Straßbourg gelandet, das ist ein Straßenstrich und da waren exakt die gleichen Szenen, aber die Blicke darauf waren total abschätzig. Ich fragte mich: Wie schaffe ich es, dass diese Leute als Menschen wahrgenommen werden? Die werden ja zu einem totalen Doppelleben gezwungen. Da hatte ich die Idee, Sex-Arbeiterinnen und -Arbeiter in ihrem Arbeitsumfeld und in ihrem Privatleben zu zeigen. Und sie in ihren eigenen Worten etwas zu sich und ihrer Arbeit sagen zu lassen, ohne Vorgaben.

Es gibt von den Frauen und Männern mehr Fotos „bei der Arbeit“ und immer nur ein, zwei im privaten Umfeld. Warum ist das so?

Ich wollte den Leuten nicht zu sehr auf die Pelle rücken, dieses Gefühl war im Privaten noch ausgeprägter.

Wie hast du die Frauen und Männer privat erlebt?

Stinknormal. Ich habe auch nicht gesagt, mach mal dies oder das, sie haben das selbst entschieden. Da sitzt dann eine mit der Playstation auf dem Sofa, eine näht, einer kocht, eine hängt Wäsche auf im Kinderzimmer, eine geht mit dem Hund spazieren, die andere spielt Geige. „Sex-Workers – Das ganz normale Leben“ – so heißt das Buch und so ist es auch. Es gab schicke Wohnungen, WGs, Einfamilienhäuser, alles. Echt normal.

Domina Violet privat beim Daddeln
Domina Violet privat: im Kapuzenpulli auf dem heimischen Sofa mit Playstation und Katze

Viele haben sich mit ihren Hunden fotografieren lassen.

Das ist mir auch aufgefallen. Und die Hunde waren alle super erzogen, keine Ahnung, warum das so ist.

Die meisten Texte, die die Protagonistinnen geschrieben haben, sind extrem reflektiert, da ist von Kapitalismus, Patriachat und sexueller Selbstbestimmung die Rede. Die arbeiten alle auf eigene Rechnung. Du zeigst da eine sehr privilegierte Minderheit im Sex-Geschäft, oder?

Ich war auch begeistert über die Qualität der Texte. Wenn ich mit Bekannten über das Projekt gesprochen habe, kamen immer dieselben Reaktionen: Prostituierte, das sind immer Opfer, die werden dazu gezwungen, die haben alle Zuhälter. Das ist bei den Menschen in dem Buch aber nicht der Fall, die machen das freiwillig, das ist ihre Arbeit und da sind sie auch stolz drauf. Ich glaube nicht, dass das Buch einen repräsentativen Einblick in das Thema bietet, und ich bin sicher, dass viele Dinge in diesem Bereich nicht gut laufen, aber es gibt eben auch viele Sex-Arbeiterinnen, die sind so wie die Frauen und Männer, die sich für mein Projekt gemeldet haben. Einige sind auch tatsächlich als Sozialarbeiterinnen tätig und kümmern sich um andere Prostituierte.

Ist es leichter, Menschen zu fotografieren, die es gewöhnt sind, ihren Körper zu präsentieren?

Es war relativ neu für mich, dass eine Frau, die ich nicht kenne, nach wenigen Minuten nackt vor mir steht und mich fragt, was sie anziehen soll. Da ist eine natürliche Bewusstheit für den eigenen Körper, damit musste ich erstmal klar kommen, aber das hat die Arbeit einfacher gemacht. Die haben ein tolles Körpergefühl und können posen. Was mich auch beeindruckt hat, waren die Tänzerinnen.

Das feministische Stripper-Kollektiv.

Genau. Da war ich mit in der Umkleidekabine, das war total toll. Ein bisschen wie in der Oper, viel Schminke, die Frauen – total nackt – helfen sich gegenseitig, die Wimpern anzukleben und ich mittendrin. Der Reflex ist, diskret wegzugucken, aber das geht ja nicht, wenn man ein Buch machen will. Und was die für eine Kraft haben, wenn sie da kopfüber an der Stange hängen! Ich glaube, die haben sich ein bisschen gewundert, als ich sagte „Danke, ich hab alles“ – und sie waren noch gar nicht ausgezogen.

Cover des Buches „Sex Workers - Das ganz normale Leben“
Der Bildband„Sex-Workers – Das ganz normale Leben“, Samtbezug mit Schutzschuber, Gingko Press, 288 Seiten 450 Fotos, 69 Euro. (zzgl. Porto). Gibt es auch im MOPO-Shop auf mopo.de oder über sex-workers.de

Was war die überraschendste Erkenntnis für dich?

Die männlichen Sex-Arbeiter haben mir gesagt, dass rund 80 Prozent ihrer Kunden als heterosexuelle Männer leben, teilweise Familienväter sind. Da dachte ich: ach so! Auch war ich in riesigen Dominastudios und in einer Fetisch-Klinik, die war groß wie eine Krankenhausetage. Da gibt es anscheinend eine große Nachfrage und man stigmatisiert diejenigen, die diese Nachfrage bedienen, das ist doch nicht in Ordnung. Viele haben auch überhaupt keinen penetrativen Sex.

Wie die älteste Teilnehmerin, die Telefonsex anbietet.

Ja, die war auch ganz toll. Die hat im Gespräch so ganz beiläufig einen Satz gesagt, den ich dann zum Motto meines Buches gemacht habe: „Urteile nicht über ein Leben, das du nicht selbst gelebt hast“. Das ist es doch. Man urteilt doch auch nicht über das Leben von Bäckern, Tankwarten oder Journalisten. Aber bei Prostituierten nimmt sich das jeder heraus.

Wer hat die Bilder ausgesucht?

Ich habe eine Vorauswahl getroffen und den Leuten gesagt, wenn ihr mit einem Bild nicht leben könnt, fliegt das raus, müssen wir gar nicht drüber sabbeln. Die haben mir dann einen Pool von Bildern freigegeben und daraus habe ich die Seiten gestaltet und die haben sie mir dann auch wieder freigegeben.

Hat das Projekt deine Sicht auf die Prostitution geändert?

Nö, eigentlich nicht. Ich bin früher mal Taxi gefahren und hatte da schon Stammkundinnen aus dem Bereich. Ich habe auch lange auf St. Pauli gewohnt und wusste, dass das ganz normale Menschen sind. Ich finde eher die Doppelmoral verwerflich.

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