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  • Foto: Peter Yang

Kleinkind 50 Mal operiert: Tückische Krankheit: So schrecklich sind Meningokokken

Ihre Mutter merkte instinktiv, dass etwas mit der sieben Monate alten Isabella (Name geändert) nicht stimmte, als das Fieber einfach nicht sank und das kleine Mädchen sich auffallend verhielt. Sie brachte Isabella ins Krankenhaus, wurde aber nicht ernst genommen und stattdessen wieder nach Hause geschickt. Weniger als eine Stunde später wurde es für die heute Zweijährige lebensbedrohlich: Sie hatte eine Meningokokken-Sepsis erlitten.

Und eine solche Meningokokken-Erkrankung ist nicht nur tückisch, sondern lebensgefährlich: Symptome, die erst an einen grippalen Infekt erinnern, sind nur schwer zu deuten und schnell kann es schon zu spät für die betroffene Person sein: Bei einem von fünf Patienten bleiben Folgeschäden zurück, zehn Prozent der deutschen Erkrankten sterben an der Infektion. Darüber berichtete die „GlaxoSmithKline Group of Companies“ (gsk) bei einer Info-Veranstaltung in Hamburg.

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Übertragen werden Meningokokken durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch. Wenn diese Erreger die Hals- und Rachenschleimhäute überwinden, können sie eine Blutvergiftung (Sepsis) und/oder Hirnhautentzündung (Meningitis) auslösen. Zwar sind diese Erkrankungen selten – 2018 gab es 295 Fälle in Deutschland – sie können jedoch innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden. So war es auch bei Isabella.

Meningokokken: Jede Minute zählt

Weniger als eine Stunde, nachdem Julia (Name geändert) mit ihrer kranken Tochter nach Hause geschickt wurde, lief diese blau an und krampfte. Isabellas Mutter brachte sie in ein anderes Krankenhaus, wo dieses Mal keine Grippe, sondern eine Sepsis nach einem Harnwegsinfekt vermutet wurde. Einige Stunden später breiteten sich dann Hauteinblutungen auf dem kleinen Körper aus und erst dann konnte eine Blutvergiftung durch Meningokokken festgestellt und behandelt werden.

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Das Mädchen hat überlebt. Doch noch immer quälen sie die Schmerzen der Nervenschäden in ihren vernarbten Beinen. Bislang musste Isabella noch kein Körperteil amputiert werden, allerdings wurde allein ihr rechtes Bein mehr als 50 Mal operiert. Ihre Beine müssen vor dem täglichen Anziehen von Kompressionsstrümpfen mit Silikon-Pads abgedeckt werden, um die Schmerzen der Kleinen zu mindern. Außerdem kann sie immer noch nicht wieder in den Kindergarten gehen, weil ihr Immunsystem so geschwächt ist und Probleme beim Knochenwachstum werden Isabella wohl ihr Leben lang begleiten.

Schlimme Folgen durch Meningokokken

Auch wenn Isabella wahrscheinlich für immer mit den Folgen ihrer Infektion zu kämpfen haben wird, hat das Mädchen noch Glück gehabt. Vielen Patienten müssen Körperteile amputiert werden oder an Stelle einer Blutvergiftung (Sepsis), wie bei Isabella, kommt es zu einer Hirnhautentzündung (Meningitis).

Andrea Vogt-Bolm arbeitet bei „Ampukids“, einem gemeinnützigen Institut für Amputations-Prävention und Integration. In 15 Arbeitsjahren hat sie bereits 16 Familien mit Kindern mit Meningokokken-Erkrankungen betreut. „Es bleibt meist nicht bei einer Amputation – meist sind das dann beide Beine, beide Arme oder alle Gliedmaßen. Das stellt die ganze Welt auf den Kopf“, erzählt Frau Vogt-Bolm.

Symptome sind irreführend

Dass die Infektion so schwere Folgen nach sich ziehen kann, lässt sich an den Symptomen gefährlicherweise nicht direkt erkennen. Oft beginnt eine Erkrankung mit plötzlich auftretenden Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost oder Schwindel – viele Menschen gehen erst einmal von einer Grippe aus. Reizbarkeit, Schläfrigkeit und Krampfanfälle können ebenfalls Symptome einer Meningokokken-Erkrankung sein. Bei einer Meningitis kommen dazu auch Erbrechen und Nackensteifheit.

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Von der schweren Krankheit sind meist Kinder im Alter von null bis zwei Jahren betroffen, ihr Immunsystem ist noch nicht vollständig ausgebildet und somit ist die Ansteckungsgefahr erhöht. Ein weiterer Alters-Gipfel der Patienten ist der Zeitraum von 15 bis 19 Jahren. Zu dieser Zeit fangen die Jugendlichen beispielsweise oft an, Flaschen herumzureichen und erleichtern es den Erregern so, sie anzustecken.

Genau so hat sich auch die damals 19-jährige Justina 2017 angesteckt. Auch sie kommt wie Isabella aus dem Raum München. Nachdem sie abends mit Freunden unterwegs war, kam sie mit starken Kopfschmerzen nach Hause. Auch sie ging nicht vom Schlimmsten aus, hatte zuvor noch nie von Meningokokken gehört und legte sich schlafen. Erst 24 Stunden später,  als sie bereits Fieber und dunkle Einblutungen in der Haut hatte, wurde sie in ein Krankenhaus gebracht, wo sie acht Tage lang im Koma und einen Monat lang halbwach auf der Intensivstation lag.

Im Verlauf ihrer Krankheit mussten Justina beide Unterschenkel amputiert werden und Fingerkuppen hat sie ebenfalls nicht mehr. Nach der Zeit im Krankenhaus musste die Jugendliche alles neu lernen. So schnell kann eine Meningokokken-Infektion Leben bedrohen und komplett umkrempeln.

Justina fehlen durch die Erkrankung die Fingerkuppen und sie muss Beinprothesen tragen.

Justina fehlen durch die Erkrankung die Fingerkuppen und sie muss Beinprothesen tragen.

Foto:

Jochen Manz

Was kann man zur Vorsorge tun?

Melanie Piatanesi, PR-Managerin für Impfstoffe bei der „GlaxoSmithKline Group of Companies“ (gsk), hält Impfstoffe für den besten Schutz vor einer solchen Erkrankung. Allerdings gibt es da ein Problem. Es gibt viele unterschiedliche Gruppen von Meningokokken. Die fünf in Deutschland vorkommenden Gruppen sind A, B, C, W und Y. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt bisher jedoch nur eine Impfung gegen die Gruppe C, obwohl für 60 Prozent der Erkrankungen in Deutschland Meningokokken der Gruppe B verantwortlich sind.

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Wenn man sich selbst oder sein Kind also auch gegen die Gruppe B impfen lassen möchte, muss man den Arzt meist selbst darauf ansprechen und bei der Krankenkasse anfragen, ob die Kosten übernommen werden. Dies und auch mögliche Nebenwirkungen, ist für viele ein Hindernis, vor dem man schnell zurückschreckt.

Weitere Informationen finden Sie unter diesem Link

Andrea Vogt-Bolm, Larissa Burtscheidt, Dr. Julian Glattfelter und Melanie Piatanesi (v.l.n.r.)

Andrea Vogt-Bolm, Larissa Burtscheidt, Dr. Julian Glattfelter und Melanie Piatanesi (v.l.n.r.) wollen für mehr Aufklärung über Meningokokken-Erkrankungen sorgen.

Foto:

Svea Eßer

Doch der Kinder- und Jugendarzt Dr. Julian Glattfelter meint: „Die Wirkung des Schutzes überwiegt bei weitem den kleinen Pieks.“ Auch mögliche Nebenwirkungen wie Schwellungen, Rötungen oder Fieber sind seiner Meinung nach kein Grund, die Impfung nicht machen zu lassen.

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