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  • Foto: Florian Quandt

Jüdisches Leben in Hamburg: Was wird aus der Synagoge Hohe Weide?

Eimsbüttel –

Die erste Kerze brennt in dem uralten Leuchter der Synagoge Hohe Weide. Chanukka hat begonnen, das jüdische Lichterfest. Bis zum 18. Dezember wird jeden Tag eine Kerze dazu kommen. Bis alle acht leuchten und damit an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem vor 2184 Jahren erinnern. In Hamburg kommt dem Fest in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zu. Denn auch hier könnte es bald zum Wiederaufbau eines zerstörten jüdischen Gotteshauses kommen – der Bornplatzsynagoge.

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky zieht den roten Samtvorhang zu, so dass er den Toraschrein am Kopf des Gebetssaals in der Synagoge an der Hohen Weide verdeckt. In der Mitte des schweren Stoffs prangt eine goldene Stickerei. Sie zeigt die Silhouette der 1938 in der Reichsprogromnacht zerstörten Bornplatzsynagoge.

Jüdisches Leben in Hamburg: Was wird aus der Synagoge Hohe Weide?

„Als wir den Vorhang vor ein paar Jahren aufgehängt haben, konnten wir nicht ahnen, dass die Bornplatzsynagoge einmal wiederkehren würde“, sagt Rabbi Bistritzky und schüttelt den Kopf angesichts von so viel Symbolik. Er blickt in den noch leeren Saal, der sich am Abend füllen wird. Die meisten der rund 2500 Mitglieder der jüdischen Gemeinde kommen nur an den hohen Feiertagen in die Synagoge. Nur die wenigsten kommen regelmäßig am Freitag zu Shabbat. Jetzt in Corona-Zeiten sind es gerade mal 40 bis 50.

Vorhang Tora-Schrein

Der Samtvorhang am Tora-Schrein ist mit einer Stickerei der Bornplatzsynagoge verziert.

Foto:

Florian Quandt

Es ist wie bei den Christen, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen. Auch vielen Juden ist die Tradition wichtiger als das regelmäßige Gebet. Und doch hat diese Tradition im Judentum eine ganz besondere Bedeutung. Es hält die Gemeinde zusammen. Denn viele Gemeinsamkeiten gibt es in der Diaspora oft nicht. Schon gar nicht, wenn eine Gemeinde komplett vernichtet wurde. So wie die in Hamburg.

In den 50er Jahren wanderten Juden aus Persien nach Hamburg ein

Nach dem Holocaust fanden nur wenige Juden ihren Weg zurück in ihre Heimatstadt. Erst in den 50er Jahren wuchs die Gemeinde wieder an, als immer mehr Juden aus Persien in die Hansestadt kamen, um hier Handel zu treiben. Die Stadt Hamburg stellte daraufhin ein Grundstück an der Hohen Weide zur Verfügung, auf dem 1960 die bis heute einzige Synagoge in Hamburg errichtet wurde.

Tora-Rollen

Tora-Rollen im Schrein der Synagoge an der Hohen Weide.

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Florian Quandt

Der eher schmucklose, schlichte Bau ist von außen mit grauen Kunststeinplatten verkleidet, die durch bunte Glasfensterfronten unterbrochen werden. Auf dem fünfeckigen Gebäude sitzt ein Kupferdach, dessen Spitze mit einem Davidstern verziert ist. Auch das Interieur ist vom Charme der 60er Jahre geprägt. Nur die alten silbernen Tora-Schilder und Tora-Kronen in den Vitrinen erinnern daran, dass es in Hamburg einmal prächtige Synagogen gab.  

Synagoge Hohe Weide in Hamburg: Vieles baufällig

Zwar ist die Mikwe, also das rituelle Tauchbad im Keller gerade frisch renoviert. Doch an vielen Stellen des Gebäudes nagt der Zahn der Zeit. An den Fensterrahmen bröckelt der Putz. Der Wind pfeift durch.

Mikwe

Die Mikwe im Keller der Synagoge ist frisch renoviert. Sie wird in erster Linie von verheirateten Frauen zu rituellen Reinigung genutzt. 

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Florian Quandt

„Eine Sanierung wäre teuer. Das lohnt sich nicht“, sagt Rabbi Bistritzky. Komme die Bornplatzsynagoge, würde die Gemeinde dorthin umziehen. Und was wird dann aus der Hohen Weide? „Wir brauchen nicht zwei Synagogen“, sagt Bistritzky. Auch nicht für den liberalen Verein, der in den 90er Jahren von russischen Juden gegründet wurde, die nach 1990 aus der untergegangenen Sowjetunion kamen?

Sie sind stark säkular geprägt, weshalb es zu gewissen Spannungen in der von den Persern dominierten Gemeinde kam. Bistritzky, der aus Israel stammt, gibt sich diplomatisch: „Wir sind eine Einheitsgemeinde. Wir gehören unter ein Dach.“

Rabbiner spricht sich für Abriss der Synagoge Hohe Weide aus

Kleines Problem: In den Heiligen Schriften steht, dass eine Synagoge nicht abgerissen werden darf, erklärt Bistritzky. Eine Ausnahme gibt es jedoch: Wenn es eine neue, größere Synagoge gibt. Die zerstörte Bornplatzsynagoge hatte 1200 Plätze. „So viele brauchen wir nicht“, sagt Bistritzky. Ihm schweben 500 vor. An der Hohen Weide sind es 300.

Gemeindesaal Synagoge

Der Gemeindesaal der Synagoge an der Hohen Weide.

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Florian Quandt

Der Rabbiner spricht sich sogar klar für einen Abriss des Gotteshauses aus, das allerdings seit zehn Jahren unter Denkmalschutz steht: „Das Grundstück hier gehört der Stadt Hamburg. Man könnte an dieser Stelle viel Wohnraum schaffen. Die Lage ist attraktiv. So kann die Stadt wieder reinholen, was sie uns für den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge dazu gibt“, sagt Bistritzky. Aktuelle Schätzungen gehen von 65 Millionen Euro aus.

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Über dem Eingang zur Synagoge steht der Psalm „Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit“. Wenn hier anstelle der Synagoge ein Wohnhaus gebaut würde, würde er eine ganz neue Bedeutung erhalten.

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