Die Beisetzung von Norbert Schmid
  • Die Beisetzung von Norbert Schmid 1971: Die Witwe Sigrun Schmid ist völlig verzweifelt, muss gestützt werden. Rechts neben ihr: der damalige Innensenator Heinz Ruhnau (SPD).
  • Foto: MOPO-Archiv

Trauernde Witwe: Der Mord an diesem Hamburger Polizisten wurde nie gesühnt

Sigrun Schmid hat nie verstanden, wie es die bundesdeutsche Justiz zulassen konnte, dass der Mörder ihres Mannes so billig davonkam. „Der Staat, der von meinem Mann geschützt wurde“, so sagte sie mal der „Süddeutschen Zeitung“, „hat meinen Mann verraten.“ Und mit Blick auf den Täter äußerte sie: „Wenn ich mir vorstelle, der Mörder hat jeden Tag die Sonne aufgehen sehen – und mein Mann nicht, dann spüre ich eine ungeheure Wut.“

Sigrun Schmid ist die Witwe von Polizeimeister Norbert Schmid (32), der vor genau 50 Jahren in Poppenbüttel erschossen wurde. Er war das allererste Mordopfer der RAF. Aber bei Weitem nicht das letzte.

Norbert Schmid
Polizeimeister Norbert Schmid: das erste Mordopfer der RAF. Schmid wurde vor 50 Jahren in Poppenbüttel von Terroristen erschossen

Der Terrorist Gerhard Müller, der die tödlichen Schüsse höchstwahrscheinlich abgab, ist später zwar verurteilt worden, aber nur wegen anderer Delikte, nicht wegen des Mordes an Norbert Schmid. Diese Tat hat die Justiz ihm sozusagen „geschenkt“. Als Belohnung für seine Kooperation.

RAF-Vollversammlung in einer konspirativen Wohnung in Poppenbüttel

Es ist die Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1971. Was die Polizei damals nicht weiß: Im dritten Stock des Hauses Heegbarg 13 befindet sich eine konspirative Wohnung der Roten Armee Fraktion. In dieser Nacht findet dort eine Art Vollversammlung der RAF statt. Ulrike Meinhof, Holger Meins, Jan-Carl Raspe, Irmgard Möller, Margrit Schiller, Gerhard Müller und einige weitere Komplizen wollen ihren nächsten Coup besprechen.

Die Terrorgruppe ist gerade mal 17 Monate alt. Es gibt schon theoretische Abhandlungen über „antiimperialistische Aktionen“ und übers Konzept der „Stadtguerilla“, aber bisher sind Baader, Meinhof & Co. vor allem damit beschäftigt, sich eine illegale Infrastruktur aufzubauen. Sie überfallen Banken, beschaffen sich Waffen und Sprengstoff, fälschen Ausweise und Pässe und stehlen Fahrzeuge. Gemordet haben sie bisher nicht. Aber in dieser Nacht werden sie diese Grenze überschreiten.

Ulrike Meinhof
Ex-Journalistin Ulrike Meinhof: einer der führenden Köpfe der RAF

Es ist halb eins, als es Ulrike Meinhof einfällt, sie müsse noch mal telefonieren. Deshalb will sie eine nahegelegene Telefonzelle aufsuchen. Sie fordert Margrit Schiller und Gerhard Müller auf, sie zu begleiten. Ulrike Meinhof geht voraus, in einigem Abstand folgen ihr die beiden anderen.

Was dann passiert, schildert Margrit Schiller später in ihrem „Lebensbericht aus der RAF“ so: „Gerhard sagte leise: ,Achtung, da vorn der Ford mit dem abgeblendeten Licht. Da sitzen zwei Typen drin, das sind bestimmt Bullen.‘“

Dreimal leuchtet das Bremslicht: „Ich – liebe – dich“ bedeutet das

Norbert Schmid (32) hat an diesem Donnerstag seine Nachtschicht nur widerwillig angetreten: „Ach, bei dir ist es so gemütlich“, sagt er wehmütig zu seiner Frau Sigrun. Sie schaut ihm vom Fenster aus nach. Bevor er um die Ecke biegt, bremst er dreimal mit dem Wagen ab. Dreimal leuchtet das Bremslicht. „Ich – liebe – dich“ soll das bedeuten.

Schmid ist Zivilfahnder am Polizeirevier 53 in Poppenbüttel. Er weiß, dass sein Job jetzt gefährlich werden kann, denn neuerdings gibt es die Anweisung, in Hamburg gezielt auf Personen mit terroristischem Hintergrund zu achten. An diesem Tag macht Schmid gemeinsam mit dem 27-jährigen Heinz Lemke Dienst. Während Regen gegen die Windschutzscheibe des Ford 17 M prasselt, beobachten die beiden am S-Bahnhof Poppenbüttel die Leute, die gegen ein Uhr nachts aus der letzten Bahn steigen.

RAF
Der zivile Dienstwagen von Norbert Schmid und seinen Kollegen. Die Terroristen flüchten damit.

Dabei fällt ihnen eine dunkelhaarige Frau auf, die zunächst in einer Kleingartenanlage am Heegbarg verschwindet, dann aber anderswo wieder auftaucht: Sie verlässt die Tiefgarage am Alstertal-Einkaufszentrum.

Schmid und Lemke wollen die Dunkelhaarige kontrollieren, rufen durchs offene Wagenfenster: „Halt, Polizei, bleiben Sie stehen!“ Als die Frau wegzulaufen versucht, gibt Lemke Gas, stellt den Wagen quer, um ihr den Weg zu versperren. Doch die Frau läuft um das Auto herum und rennt über einen Rasen davon.

Schmid nimmt zu Fuß die Verfolgung auf. Lemke schaltet zunächst den Motor ab, lässt die Wagenschlüssel in der Eile stecken und rennt dann hinterher. Mit einem Mal taucht auch ein Pärchen auf dem Rasen auf. Lemke denkt: „Die wollen uns helfen!“ Aber da irrt er sich.

„Gerhard Müller drehte sich mit der Waffe in der Hand um und schoss“

Schmid hat die Dunkelhaarige mittlerweile eingeholt, greift sie am Arm. Mit einem Mal brüllt er durch die Nacht: „Mensch, die sind ja bewaffnet!“ Damit rettet er seinem Kollegen möglicherweise das Leben, denn der ist jetzt gewarnt.

Was dann passiert, schildert Margrit Schiller so: „Gerhard, der schon vor Ulrike lief, stoppte, drehte sich mit der Waffe in der Hand um und schoss.“

Tatort
Die Spurensicherung am Tatort, einer Wiese in Poppenbüttel

Schmid bricht tödlich getroffen zusammen. Auch auf Lemke wird geschossen, aber der wirft sich sofort hinter einen Mauervorsprung. Dort bleibt er liegen, bis er hört, wie die Flüchtenden mit dem Dienstwagen der Beamten davonrasen. Lemke, der am Fuß getroffen ist, ruft nach seinem Kollegen. Der aber antwortet nicht. Nie mehr.

Wenig später leitet die Polizei die Fahndung ein. Etwa 45 Minuten nach der Tat werden die Polizisten auf eine Frau in einer Telefonzelle aufmerksam: Sie identifizieren sie als Mar­grit Schiller, eine Top-Terroristin. Sie wird festgenommen. Allerdings stellt sich heraus, dass sie nicht gefeuert haben kann. Es findet sich zwar eine Schusswaffe in ihrer Handtasche, aber aus der Pistole ist nicht geschossen worden.

Der Polizeibeamte Heinz Lemke entlastet die Frau ebenfalls: Er sagt aus, ein Mann habe geschossen. Anhand von Fahndungsfotos identifiziert er den Terroristen Gerhard Müller.

Lemke
Polizeimeister Heinz Lemke ist der Beamte, der bei der Schießerei am Fuß verletzte wurde.

Der Mord an Thomas Schmid – er wird in der Öffentlichkeit mit Entsetzen aufgenommen. Innensenator Heinz Ruhnau (SPD) sagt, der Tod des Beamten sei „eine Aufforderung an alle Bürger, Verantwortung und Pflicht zu tragen, um der Ausbreitung von Gewalt ein Ende zu setzen“. Hans Pries, der Leiter der Schutzpolizei, schwört: Er werde nicht eher ruhen, „bis die hinterhältigen Täter vor Gericht“ stünden. Und Bürgermeister Peter Schulz (SPD) sagt an die Adresse der vielen RAF-Unterstützter und -Sympathisanten, man solle „aufhören, die Gruppe als Zusammenschluss mit politischen Zielsetzungen zu sehen. Dieses ist eine rein kriminelle Gruppe im wahrsten Sinne des Wortes.“

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1971 geben bei Umfragen zehn Prozent der Deutschen an, sie seien bereit, gesuchte Terroristen bei sich zu verstecken. Heute unvorstellbar.

Gerhard Müller und Ulrike Meinhof werden im Juni 1972 in Hannover festgenommen

Acht Monate nach dem Tod von Norbert Schmid tritt Gerhard Müller im Juni 1972 erstmals wieder in Erscheinung. Gemeinsam mit Ulrike Meinhof hat er in Hannover-Langenhagen bei einem linken Lehrer übernachtet. Doch der Gastgeber ist nicht so vertrauenswürdig, wie die Terroristen geglaubt haben. Der Mann informiert die Polizei – wenig später stehen Beamte vor der Tür und nehmen die Terroristen fest.

Müller
Top-Terrorist Gerhard Müller. Er feuerte auf Norbert Schmid. Für den Mord wurde er nie bestraft.

Gerhard Müller, 1948 in Sachsen geboren und mit sieben in den Westen gekommen, wird als ein psychisch labiler Mensch beschrieben, der Andreas Baader, den inoffiziellen Chef der RAF, anhimmelt, von diesem aber wie ein Laufbursche behandelt wird. Müller ist unter den RAF-Terroristen ein „Hundertfünfzigprozentiger“, ein völlig fanatischer Mann.

Das ändert sich erst im Gefängnis. Dort kommen ihm Zweifel am Sinn des Terrorismus. „Bei einem Hungerstreik im Herbst 1974 brach er zusammen“, schreibt der „Spiegel“. „Er fühlte sich verheizt und entwickelte einen glühenden Hass gegen Baader.“

Margrit Schiller belastet Gerhard Müller schwer: „Er hat geschossen“

Bei diesem Meinungsumschwung haben BKA-Beamte möglicherweise nachgeholfen. Es gelingt ihnen, Müller umzudrehen: Der Terrorist singt mit einem Mal wie ein Vögelchen und belastet mit seinen Aussagen Baader, Meinhof, Ensslin und die anderen Komplizen schwer.

Müller erklärt sich bereit, als Kronzeuge zu fungieren – obwohl es dafür damals noch gar keine gesetzliche Grundlage gibt. Der Staat erweist sich als dankbar: Müller wird zwar wegen seiner Beteiligung an mehreren Sprengstoffanschlägen vor Gericht gestellt, die Anklage wegen des Polizistenmordes wird jedoch – trotz erdrückender Beweise – fallen gelassen.

Schiller
Margrit Schiller wird von Polizeibeamten zur Vorführung ins Polizeipräsidium getragen. Sie wehrt sich heftig.

Das Landgericht Hamburg verurteilt ihn im März 1976 zu einer Gefängnisstrafe von zehn Jahren. Bereits 1979 kommt er vorzeitig frei, wird mit einer neuen Identität ausgestattet und taucht unter.

Wo er geblieben ist? Niemand weiß das. Angeblich ist er 2005 gestorben. Das jedenfalls behauptet die ehemalige Generalbundesanwältin Monika Harms. Müllers frühere Verteidigerin, die Anwältin Leonore Gottschalk-Solger, bestätigt das. Demnach hat Müller Selbstmord begangen.

„Gefallen im Dienst des Volkes für Recht und Ordnung“

Der Mord an Norbert Schmid vor 50 Jahren – er ist ungesühnt geblieben. Seine Witwe hat das nur schwer verkraftet. Als 2007 öffentlich darüber diskutiert wird, Brigitte Monhaupt vorzeitig aus der Haft zu entlassen und Christian Klar zu begnadigen, mischt sie sich ein, beschwört Bundespräsident Horst Köhler, keine Milde walten zu lassen. „Wer solch kaltblütige und brutale Killer begnadigt, der macht sich mitschuldig“, so wird sie vom „Abendblatt“ zitiert. „Gnade für Gnadenlose zu zeigen, das ist ein Fußtritt für die Opfer, für ihre Angehörigen.“ Und der „Zeit“ sagt sie: „Ich sollte vergeben, aber ich kann nicht.“

Sigrun
Sigrun Schmid, die Witwe, mit den beiden Töchtern.

Norbert Schmid ist der erste Polizist, den die RAF ermordet. Bis 1993 töten die Terroristen neun weitere Polizeibeamte.

Schmids Grab befindet sich auf dem Friedhof in Volksdorf. „Gefallen im Dienst des Volkes für Recht und Ordnung“ steht da eingraviert auf dem Stein. In Hummelsbüttel ist ein Platz nach Norbert Schmid benannt. Seine beiden Töchter sind ohne Vater groß geworden.

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