Erinnerungstafel
  • Erinnerungstafel für die beiden Frauen, die vor 76 Jahren starben. Links die beiden Zeitzeugen Ursula Bergmann und Jürgen Clasen, rechts die drei jungen Frauen, die das Rätsel lösten.
  • Foto: ZWIK/hfr

Tod zweier Frauen: Drei Mädchen lüften das Rätsel

Eine Frage, die sich insbesondere an ältere Hamburger richtet: Erinnern Sie sich an eine Anna Martha Stender, geboren 1891, zuletzt wohnhaft in Bahrenfeld? Oder sagt Ihnen der Name Irma Hein was, geboren 1889? Sie wohnte bis zu den Bombenangriffen im Sommer 1943 im Haus Kieler Straße 174 in Stellingen. Sind Sie vielleicht sogar verwandt?

Mädchen
Zwei der drei jungen „Historikerinnen“: Rebecca Landwehr (18, l.), Judith Wieters (13). Sie entzünden eine Kerze an der Stelle, an der vor 76 Jahren zwei Hamburgerinnen starben.

Warum wir nach ihnen fragen? Weil in dem kleinen niedersächsischen Ort Kirchlinteln, nicht weit entfernt von Verden, drei junge Geschichtsforscherinnen gerade alles daran setzen, das lange vergessene Schicksal dieser beiden Frauen aufzuklären. Es geht um die Frage: Was für Menschen waren Anna Martha Stender und Irma Hein? Wie kamen sie während des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in die Gemeinde Kirchlinteln? Gibt es noch Nachfahren in Hamburg? Oder anderswo? Und: Hat jemand Fotos?

Briefe erinnern an die vergessenen Frauen

Die beiden Frauen sind vor 76 Jahren, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, eines gewaltsamen Todes gestorben – und wären um ein Haar total in Vergessenheit geraten. Bis vor kurzem waren nicht einmal ihre Namen bekannt. Nun soll ihre Geschichte geschrieben werden.

Alles fing mit einer Sammlung vergilbter Feldpostbriefe an. Während des Krieges schrieb die Wittloher Pastorenfrau Maria Steinwede regelmäßig ihrem Mann Wilhelm, als der an der Front kämpfte. Die Briefe sind erhalten geblieben und von großer historischer Bedeutung und werden von der Zeitgeschichtlichen Werkstatt im Kapitelhaus zu Wittlohe (Zwik), der örtlichen Geschichtswerkstatt, wie ein Schatz gehütet

Brief
Der Brief der Wittloher Pastorenfrau Maria Steinwede an ihren Mann, in dem sie von dem Tieffliegerangriff berichtet: „Kurz vor Nedden geschah es…“

In einem der Briefe, geschrieben am 16. Februar 1945, berichtet Maria Steinwede ihrem Mann von einem furchtbaren Ereignis: Zwei Tage zuvor hätten alliierte Kampfflugzeuge im Ort Neddenaverbergen einen Zug der Kleinbahn angegriffen und dabei seien zwei Frauen getötet worden. Die Namen der Opfer nennt sie nicht. 
Wer mögen die beiden Unglücklichen gewesen sein? Diese Frage lässt Judith Wieters die von dieser Geschichte erfährt, nicht mehr los. Die 18-Jährige absolviert gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei der Geschichtswerkstatt Zwik und bei der Wittloher Kirchengemeinde St. Jakobi und setzt alles daran, das Geheimnis zu lüften. Unterstützt wird sie bei den Recherchen von Pastor Wilhelm Timme und den Konfirmandinnen Rebecca Landwehr (13) und Zoe Blank (13)

Sterbeurkunden bezeugen: Es handle sich um zwei Hamburgerinnen

Und tatsächlich: Im Kreisarchiv Verden stoßen sie auf die Sterbeurkunden der beiden Frauen – und es stellt sich heraus, dass es sich um Hamburgerinnen handelte. Ausgerechnet! Die beiden waren – wie viele andere Ausgebombte auch – nach den verheerenden alliierten Luftangriffen im Sommer 1943 aufs Land geflüchtet, in der Hoffnung, dort in Sicherheit zu sein. Und dann das!

Kleinbahn aus den 40ern
Ein Foto aus den 40er Jahren zeigt die Kleinbahn, die Zeil des Tiefliegerangriffs wurde.

Viele bisher unbekannte Details haben die Mädchen zusammengetragen: Der Fliegerangriff erfolgte am 14. Februar mittags gegen 13.30 Uhr. Die Hobby-Historikerinnen machen sogar einen Zeitzeugen des Fliegerangriffs ausfindig: Jürgen Clasen (87) heißt er. Der befand sich an jenem 14. Februar 1945 auf dem Heimweg von der Schule und saß im fraglichen Zug.

Zu Tode gejagt von Tieffliegern

„Der Zug war unterwegs von Verden nach Stemmen“, erzählt Clasen, „als er kurz vor Neddenaverbergen beschossen wurde. Er blieb sofort stehen, die Reisenden rannten raus und flüchteten übers freie Feld.“ Clasen erzählt, dass er im Zickzack rannte, um bloß nicht von einer der Maschinengewehrsalven getroffen zu werden. Erst, als er das Bahnhofsgebäude erreichte, bemerkte er, dass er am Arm verletzt war.
Den Tod der beiden Hamburger Frauen hat Clasen auch mitbekommen: Sie seien von den Tieffliegern regelrecht gejagt worden. Eine Chance hätten sie nicht gehabt.

Kirchlinteln
Jürgen Clasen (87) zeigt, wo es passiert ist: „Dort wurden die Frauen erschossen.“

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Wie aus dem Brief von Maria Steinwede hervorgeht, gab es außer den beiden Getöteten weitere Opfer: „…Dann liegt Frau W. von der Molkerei sehr ernst im Krankenhaus mit einem Kopf- oder Halsschuss und Frau St. mit Verletzungen, ein Junge mit zerschmettertem Ellbogen, eine Frau aus Südkampen und die Schaffnerin mit schweren Verletzungen und noch andere Leidtragende. Wie furchtbar ist das alles …“

Maria Steinwede
Die Pastorenfrau Maria Steinwede berichtete ihrem Mann von dem furchtbaren Ereignis.

Kirchlintelns Geschichtswerkstatt ist schon lange bemüht, sämtliche Aspekte der NS-Geschichte der Gemeinde zu erforschen. Nun ist die Hoffnung groß, mit Hilfe der MOPO mehr über die beiden getöteten Frauen zu erfahren. Ein paar Hinweise, die bei der Identifizierung hilfreich sein könnten: Irma Hein, geborene Lottmann, kam am 19. September 1889 in Wuppertal-Barmen zur Welt, während Anna Martha Stender, geborene Leimann, am 15. Oktober 1891 in Königsberg/Ostpreußen das Licht der Welt erblickte. Als sie starben waren sie 55 bzw. 53 Jahre alt.
Wenn Sie Hinweise haben, vielleicht sogar verwandt sind, schicken Sie eine Mail an olaf.wunder@mopo.de, Tel. 040-809057-315, Hamburger Morgenpost, Barnerstraße 14, 22765 Hamburg.

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Übrigens: Schon einmal konnte die MOPO Kirchlinteln dabei helfen, ein historisches Geheimnis aus der Kriegszeit zu lüften. Das war Ende 2020. Damals ging es um ein ebenfalls namenloses Ehepaar, das in den letzten Kriegstagen mit der weißen Fahne in der Hand britischen Panzern entgegen gegangen war und so die vollständige Zerstörung Kirchlintelns verhinderte. Recherchen der MOPO und befreundeter Historiker brachten damals die Identität des aus Hamburg stammenden Ehepaares zu Tage. Noch in diesem Jahr soll zu Ehren von Hedwig und Carl Reh – so hießen die beiden – ein Gedenkplatz eingeweiht werden. Die Rehs – sie sind Kirchlintelns größte Helden.

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