Klaus-Michael Kühne (84)
  • Klaus-Michael Kühne wird ungewohnt einsilbig, wenn es um die Rolle geht, die sein Vater Alfred Kühne während der NS-Zeit spielte spielte.
  • Foto: picture alliance / Christina Sabrowsky/dpa | Christina Sabrowsky

Kühne+Nagel: Papas schmutzige Geschäfte

Klaus-Michael Kühne gehört zu den reichsten Menschen auf der Welt – geschätztes Privatvermögen: 14,2 Milliarden US-Dollar. Immerhin: Einiges von seinem Reichtum gibt er ab. Abgesehen von den Unsummen, die er in den HSV investierte, hat er etliche Millionen Euro zur Elbphilharmonie beigesteuert, ist Hauptförderer des Harbour-Front-Literaturfestivals, unterhält in Hamburg mit der Kühne Logistics University eine eigene Hochschule und ist außerdem noch Hauptsponsor der Salzburger Festspiele. Kühne gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, und sein Lebensmotto scheint zu lauten: „Tue Gutes und rede darüber.“

Doch bei einem Thema, da wird der sonst so wortgewaltige 84-Jährige ausgesprochen einsilbig: Wenn es um die Rolle geht, die Vater Alfred Kühne (1895-1981) während der NS-Zeit spielte. Dass das Unternehmen – zwischen 1937 und 1945 mehrfach ausgezeichnet als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ – dazu beharrlich schweigt, ruft Kritiker auf den Plan.

Alfred Kühne
Machte schmutzige Geschäfte mit den Nazis: Alfred Kühne (1895-1981)

So wie den Historiker Prof. Frank Bajohr, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München. „Anders als viele Unternehmen, die in den letzten Jahrzehnten Kommissionen eingesetzt und Historiker mit der Aufarbeitung ihrer Firmengeschichte beauftragt haben“, so Bajohr zur MOPO, „unternimmt Kühne + Nagel keinerlei Aufklärungsversuche in eigener Sache und beschreitet damit einen negativen Sonderweg.“

Im Nazi-Auftrag: Kühne+Nagel räumte Wohnungen deportierter Juden leer

Kühne+Nagel heute: eins der bedeutendsten Logistikunternehmen mit weltweit 78.000 Mitarbeitern und 22 Milliarden Euro Umsatz. Ein Global Player – mit dunkelbrauner Vergangenheit. Denn unter anderem dank der sogenannten „M-Aktion“ (M = Möbel), also der Plünderung von Wohnungen deportierter Juden, verdienten Alfred Kühne und sein Bruder Werner (1898-1951) während der Nazi-Herrschaft ein Vermögen.

Und so funktionierte dieses schmutzige Geschäft: Wann immer in Paris oder in Amsterdam oder in Brüssel Juden von der Gestapo verhaftet und ins KZ gesteckt wurden, tauchten Möbelpacker von Kühne + Nagel auf und nahmen aus den Wohnungen alles mit, was brauchbar war: Betten, Schränke, Stühle, Sessel, Tische. Die geraubten Güter wurden ins Reich transportiert und dort bei sogenannten „Judenauktionen“ günstig an Ausgebombte verkauft. Bis August 1944 wurden auf diese Weise in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Luxemburg die Einrichtungen von mehr als 70.000 „verlassenen“ jüdischen Wohnungen abtransportiert und zu Geld gemacht.

Deportation
Nazis deportieren Juden – anschließend kommen die Möbelpacker von Kühne+Nagel und räumen die Wohnungen leer.

Besonders gut dokumentiert sind Transporte aus den Niederlanden: Das erste Frachtschiff aus Amsterdam traf im Dezember 1942 in Bremen ein. Die Transportpapiere weisen aus, dass unter anderem 126 Schränke, 35 Sofas, 307 Kisten mit Glasgeschirr, 110 Spiegel, 220 Armsessel, 2 Kinderwagen, 105 Betten, 363 Tische und 598 Stühle an Bord waren – Eigentum von Menschen, die zu diesem Zeitpunkt entweder schon nicht mehr lebten oder doch sehr bald darauf in den Vernichtungslagern einen gewaltsamen Tod starben. Er habe beim Lesen der Listen häufiger schlucken müssen, so der Historiker Johannes Beermann. „Die Kinderwagen erinnern daran, dass die Nazis auch jüdische Kinder deportiert und ermordet haben.“

Kühne Nagel
Spedition Kühne+Nagel in den 50er Jahren.

Nicht nur während der „M-Aktion“, auch sonst wurde die Spedition Kühne+Nagel beauftragt, wann immer die Nazis etwas zu transportieren hatten – zum Beispiel geraubte Kunst. Kühne+Nagel arbeitete für den sogenannten „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“, dessen Aufgabe das Aufspüren bedeutender Kunstwerke in den besetzten Ländern war. Im Auftrag dieser Kunstraub-Organisation führte Kühne+Nagel etliche Kunsttransporte durch: Für den Zeitraum von 1941 bis 1944 sind 29 Transporte allein von Paris ins Reich belegt.

Miteigentümer Adolf Maas: Ging er freiwillig oder wurde er rausgedrängt?

131 Jahre zurück reichen die Anfänge der Firma Kühne+Nagel: Am 1. Dezember 1890 gründeten August Kühne (1855-1932) und Friedrich Gottlieb Nagel (1864-1907) in Bremen das Unternehmen. Nach dem Tod Nagels wurde 1910 ein gewisser Adolf Maass (1875-1944) Teilhaber – er war Jude. Seine Aufgabe bestand im Aufbau der Hamburger Niederlassung. Weil ihm das mit großem Geschick gelang, erhielt Maass 1928 zum Dank einen 45-prozentigen Anteil der Hamburger Firmenfiliale zugesprochen.

Maass
Schied plötzlich aus der Firma aus und wurde dann nach Theresienstadt deportiert: Teilhaber Adolf Maass, hier mit seiner Frau Käthe. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Fünf Jahre später – die Nazis waren inzwischen an der Macht – schied Maass plötzlich aus dem Unternehmen aus, und zwar ohne auch nur eine Abfindung zu erhalten. Warum? Dazu gibt es unterschiedliche Versionen. Kühne + Nagel stellt es so dar, dass Maass im April 1933 „einvernehmlich“ ausschied, weil er in die Firma seines Schwiegervaters eintreten wollte. Von Zwang könne nicht die Rede sein …

Aussagen von Maass’ Sohn sprechen aber eine ganz andere Sprache: Demnach wurde der Teilhaber massiv aus der Firma gedrängt, und zwar von Werner und Alfred Kühne, den Söhnen des Firmengründers. Vor der Villa in der Blumenstraße in Winterhude, in der Maass einst wohnte, liegen heute Stolpersteine, die an sein Schicksal erinnern: Die Nazis deportierten ihn und seine Frau Käthe am 15. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt, wo sie knapp zwei Jahre blieben, bevor sie am 15. Mai 1944 ihre letzte Reise antraten – nach Auschwitz.

Während Adolf und Käthe Maass im Gas starben, führten Werner und Alfred Kühne ein Leben in großem Reichtum. Dank der Nazi-Aufträge brummte das Geschäft wie nie zuvor. Im Jahr 1942, als die „M-Aktion“ anlief, kam Alfred Kühne auf einen Jahresverdienst von 270.000 Mark – eine ungeheure Summe zu jener Zeit.

Firmenzentrale
1909 wurde die „von Kapff’sche Burg“ an der damaligen zweiten Großen Weserbrücke in Bremen Firmensitz von Kühne+Nagel. 1944 wird er bei Bombenangriffen zerstört.

Historiker Frank Bajohr attestiert den Kühne-Brüdern, die beide am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten waren, eine „relative Nähe zum Massenmord“. Den Besitz „völlig wehrlos gemachter Menschen zu transportieren“ sei „eine Form der Leichenfledderei“.

Historiker: „Relative Nähe zum Massenmord“

Der Historiker Wolfgang Dreßen sagt, dass zwar auch andere Logistikunternehmen an der „M-Aktion“ beteiligt gewesen seien. Aber die Firma Kühne+Nagel habe sich so erfolgreich gegen alle Mitbewerber durchgesetzt, dass sie am Ende quasi das Monopol gehabt habe. „Die Firma ist somit mitverantwortlich für den Tod von Leuten, sie hat damit Geld verdient“, so Dreßen.

Nach dem Krieg bemühen sich die Kühne-Brüder, das alles unter den Teppich zu kehren. Auch als Alfred Kühnes Sohn Klaus-Michael 1958 ins Unternehmen eintrat, änderte sich an dieser Haltung nichts. Stellten Journalisten Fragen nach der NS-Vergangenheit, wurden sie entweder gar nicht oder ausweichend beantwortet. So wurde es bis 2015 gehandhabt, dem Jahr des 125-jährigen Firmenjubiläums.

Bajohr
Kritisiert Kühne+Nagel heftig: Historiker Frank Bajohr aus München.

Die Feierlichkeiten nahmen Journalisten der „taz“ und des Bayerischen Rundfunks zum Anlass, tiefer zu graben. Sie förderten so viele Details über die Verflechtung von Kühne+Nagel mit der NS-Diktatur zu Tage, dass sich die Firma gezwungen sah, eine Erklärung abzugeben. Darin heißt es, dass sich das Unternehmen „der schändlichen Vorkommnisse bewusst“ sei und es „sehr bedauert“, im Auftrag des Nazis-Regimes tätig gewesen zu sein.

Ehrliches Bekenntnis zur eigenen Geschichte sieht anders aus

Im nächsten Atemzug jedoch relativiert die Firma ihre Schuld gleich wieder: „Wie andere Unternehmen war Kühne+Nagel in die Kriegswirtschaft eingebunden und musste in dunklen und schwierigen Zeiten seine Existenz behaupten“, heißt es da. Soll wohl heißen: Die Firma habe gar nicht anders handeln können und sei selbst nur Opfer …

Nach einem ehrlichen Bekenntnis zur eigenen Geschichte klingt das nicht, findet Historiker Frank Bajohr. Im Gespräch mit der MOPO sagt er, dass die Presseerklärung lediglich „verbale Nebelkerzen“ werfe, „indem sie statt klarer und präziser Informationen von ,Kriegswirren‘, ,dunklen und schwierigen Zeiten‘, ,schändlichen Vorkommnissen‘, ,Diktatur‘ und einem ,Auftrag der Reichsregierung‘ raunt, ohne die Handlungsspielräume der Firma bzw. deren Strategien überhaupt in den Blick zu nehmen“.

Kühne
Klaus-Michael Kühne, Mehrheitsaktionär von Kühne+Nagel

Allen Forderungen von Historikern, endlich das Archiv zu öffnen und aktiv dazu beizutragen, dass die Wahrheit über die NS-Verstrickungen rückhaltlos ans Licht kommt, hat Kühne+Nagel bisher eine Absage erteilt: Angeblich seien alle Unterlagen der Kontorhäuser in Hamburg und Bremen im Krieg verbrannt. Nichts sei mehr vorhanden.

CIA sorgte dafür, dass Alfred Kühne Geschäfte weiter betreiben konnte

Fachleute bezweifeln das. Schon 1943 habe Kühne+Nagel aus Sorge vor Luftangriffen das Zentralkontor erst nach Regensburg, dann nach Konstanz auslagert. Dieses Material müsste also existieren.

Gibt es also doch ein Archiv? Wenn ja, dann ist dort vielleicht auch eine Erklärung dafür zu finden, weshalb 1948 ausgerechnet der amerikanische Geheimdienst CIA dafür sorgte, dass die Brüder Kühne vom Entnazifizierungsausschuss lediglich als „Mitläufer“ eingestuft wurden. In einem als „Top Secret“ gekennzeichneten Brief, der an den Entnazifizierungsausschuss gerichtet war, ist die Rede davon, es sei von „vitaler Wichtigkeit“, dass Alfred Kühne seinen Geschäften weiter nachgehen könne. Dafür sorgte der Entnazifizierungsauschuss denn auch pflichtschuldigst.

Aber warum waren die Kühne-Brüder so wichtig für die Amis? Der Verdacht ist bis heute nicht ausgeräumt, dass in den 50er Jahren Niederlassungen von Kühne+Nagel zur Tarnung von Spionen der sogenannten „Organisation Gehlen“ dienten, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Luftfracht
Kühne+Nagel: Luftfracht in den 50er Jahren

Die MOPO hat Kühne+​​​​​​​Nagel um eine Stellungnahme gebeten, wollte vor allem wissen: Wann geht’s endlich los mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Firmengeschichte? Statt einer Antwort kam lediglich ein Verweis auf die Presseerklärung von 2015. Dort heißt es am Ende, dass alles, was an zusätzlichen Fakten zur Firmengeschichte zusammengetragen werden sollte, der „firmeninternen Dokumentation“ dienen werde. Heißt so viel ​​​​​​​wie: Nichts wird öffentlich gemacht, nichts wird aufgearbeitet.

Nicht allein ​​​​​​​aus Sicht von Historiker ​​​​​​​Frank Bajohr ein „völlig unangemessenes“ Verfahren, ein „negativer Sonderweg“.

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp