Peggy Parnass und ihr Vater
  • Peggy Parnass als Kind mit ihrem geliebten Vater Simon „Pudl“ Parnass
  • Foto: Parnass/privat

Furchtbar, was die Nazis dem Hamburger Simon Parnass angetan haben

Brutal und menschenverachtend gingen die Nazi-Behörden vor: Am 28. Oktober 1938 verhafteten sie ohne jede Ankündigung 17.000 Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft und schoben sie gewaltsam nach Polen ab. In Hamburg waren rund 1000 Personen betroffen. Es handelte sich um die Generalprobe für das ganz große Morden, den Auftakt zur Vernichtung der Juden.

Peggy Parnass
Autorin Peggy Parnass mit einem Foto ihres in Treblinka ermordeten Vaters Simon „Pudl“ Parnass

Am heutigen 28. Oktober jährt sich die sogenannte „Polenaktion“ zum 83. Mal. Anlass für den Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein, für 16 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung in die ehemalige Reit- und Exzerzierhalle der Viktoria-Kaserne, Haubachstraße 62, einzuladen. Anschließend werden die Teilnehmer zum Gedenkstein am Altonaer Bahnhof gehen.

„Polenaktion“: 1000 Hamburger Juden unangekündigt abgeschoben

Ehrengast ist Autorin Peggy Parnass (94). Sie wird von ihrem Vater Simon, genannt „Pudl“, erzählen, den sie an jenem 28. Oktober 1938 zum letzten Mal sah.

„Frühmorgens um 4.30 Uhr hämmerte es an der Tür“, so berichtet Peggy Parnass, die damals elf war und mit ihren Eltern in der Methfesselstraße 13 (Eimsbüttel) wohnte. „Die Beamten brüllten meinen Vater an: ,Anziehen! Mitkommen!‘ Er hat dann den Pappkarton mit seinen Orden aus dem Ersten Weltkrieg geholt und den Männern hingehalten. Aber das hat die gar nicht interessiert. Wir sind dann noch mitgefahren bis zu einer Turnhalle, wo all die armen Teufel auf ihre Abreise warten mussten. Ich weiß noch, wie alle dasaßen und beteten – und ich nicht verstand, warum sie sich nicht wehrten.“

Haubachstraße
Die ehemalige Exerzierhalle an der Haubachstraße. Hier wurden die Juden 1938 zusammengepfercht, bis ihre Deportation stattfand.

Die Exerzierhalle der Viktoria-Kaserne in Altona nutzten die Nazis als Sammellager. „In einer riesigen Halle waren Hunderte zusammengepfercht“, erinnert sich ein Augenzeuge. „Alte und Kranke, Kinder und Babys warteten darauf, welches Schicksal die Nazis für sie vorgesehen hatten.“ Am Abend wurden die Betroffenen zum Altonaer Bahnhof gebracht. Auf dem Bahnsteig herrschte furchtbares Durcheinander. Menschen weinten. Hielten Ausschau nach Angehörigen. Kinder suchten ihre Eltern. Eltern ihre Kinder.

Dann setzte sich um 19.30 Uhr der Zug in Bewegung. Zehn Stunden später erreichte er die deutsch-polnische Grenze. Ein Marsch von sieben Kilometern begann. Wer sein Gepäck nicht tragen konnte, musste es zurücklassen. Wer nicht mitkam, wurde geschlagen, getreten.

Es war die Generalprobe für das ganz große Morden

Die Zwangsausweisung kam für die polnischen Grenzbehörden überraschend. An manchen Grenzorten konnten die Ausgewiesenen ungehindert weiterreisen. In Zbąszyń wurde der Versuch unternommen, die abgeschobenen Personen zu registrieren bzw. ihre Pässe zu kontrollieren. Etwa 10.000 der Ausgewiesenen durften innerhalb der ersten zwei Tage in das Landesinnere weiterreisen. Diejenigen allerdings, die in Polen keine Angehörigen hatten, bei denen sie unterkommen konnten, wurden in Zbąszyń unter katastrophalen hygienischen Bedingungen interniert.

Herschel Grynszpan, dessen Eltern ebenfalls zu den Betroffenen gehörten, schoss aus Wut über die Abschiebung am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst Eduard vom Rath. Dieser starb am 9. November, was den Nazis den willkommenen Anlass für die Novemberpogrome 1938 bot.

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Einigen der Deportierten gelang es, nach Palästina oder England auszureisen. Von vielen aber verliert sich die Spur. Simon Parnass und seine Frau Hertha wurden 1942 in Treblinka ermordet. Peggy Parnass und ihr sieben Jahre jüngerer Bruder Gady überlebten, weil sie mit einem Kindertransport nach Schweden in Sicherheit gebracht worden waren.

Bei der Gedenkveranstaltung wird Historikerin Kristina Vagt den Ablauf der „Polenaktion“ in Hamburg detailliert schildern.

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